Rettet die Schweinegrippe gar Leben?

Aktualisiert am 06.11.2009
Die Angst vor dem H1N1-Virus geht um. Einige Experten fragen sich nun aber, ob das Virus am Ende nicht sogar Vorteile haben könnte.
Kaum jemand bestreitet mehr, dass die Schweinegrippe trotz anfänglichen Befürchtungen nicht gefährlicher ist als die gewöhnliche Grippe. In der südlichen Hemisphäre, wo die H1N1-Welle bereits vorübergezogen ist, hat sich das bestätigt. So zählte Australien «nur» 118 Opfer der Schweinegrippe, während mit mehr als 1000 Todesopfern der saisonalen Grippe gerechnet wird. Ähnlich sind die Zahlen in Chile und Neuseeland. Für die breite und gesunde Bevölkerung scheint das H1N1-Virus also nicht gefährlich zu sein.

Das Schweinegrippevirus könnte also sogar nützlich sein: In China und anderen Ländern, wo sich die neue Variante des Virustyps H1N1 ausbreitet, gehen die Befunde der saisonalen Grippe (H3N2) gleichzeitig mit dem Ausbreiten der Schweinegrippe (H1N1) schnell zurück. Das könnte bedeuten, dass die neuen Viren die saisonalen Grippeviren verdrängen, weil sie im Körper ihrer Wirte um den gleichen Platz konkurrieren. Die herkömmlichen Viren, diejenigen also, die mehr schwere Erkrankungen und Todesfälle verursachen, würden so zurückgedrängt.

«Denkbar ist das auf jeden Fall»

Könnte die Schweinegrippe am Ende mehr Leben retten, als sie bedroht? Dass die Schweinegrippe mehr Menschen vor der bisher weit gefährlicheren saisonalen Grippe bewahren könnte, bestätigt gegenüber dem Berliner «Tagesspiegel» auch Hans Dörr, Professor für Virologie an der Uniklinik in Frankfurt am Main. «Denkbar ist das auf jeden Fall», sagt Dörr, das sei kürzlich beim «Influenza-Kongress» in Erfurt «auch schon so diskutiert worden».

In der Schweiz stellen Ärzte inzwischen bei 50 Prozent der Grippekranken, die sich bei ihnen melden, die Schweinegrippe fest, wie die Experten des Bundesamtes für Gesundheit am Donnerstag bestätigten. Auch in Deutschland grassiert vorerst nur die Schweinegrippe. «Wer Grippe hat, hat H1N1», sagte der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Jörg Hacker. Nach Angaben des RKI waren die in der vergangenen Wochen nachgewiesenen Influenza-Viren ausschliesslich H1N1-Viren. «Wir sehen bisher noch keine saisonalen Viren», sagte Hacker. Weltweit meldet die WHO, 70 Prozent aller Grippekranken litten zurzeit an H1N1.

WHO: Schweinegrippe nicht unterschätzen

Ist also doch alles nur Panikmache? Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist da ganz anderer Meinung. Die Auswirkungen der Schweinegrippe sollten nicht unterschätzt werden. Eine Impfung sei immer noch der beste Schutz, erklärte der WHO-Sonderberater für Grippe-Pandemien, Keiji Fukuda, in Genf. «Die Pandemie ist das dominante Grippevirus in allen Ländern geworden», sagte Fukuda. «Wir haben es nicht mit der saisonalen Grippe zu tun.»

Viele Symptome seien zwar ähnlich, aber häufig komme es auch zu schweren Erkrankungen und sogar Todesfällen. Besonders Schwangere und bereits unter anderen Krankheiten leidende Menschen seien gefährdet. Die WHO betont, dass die besonders schweren Erkrankungen und Todesfälle durch die Schweinegrippe vor allem bei Erwachsenen unter 50 Jahren aufgetreten sind. Dies stehe in starkem Widerspruch zu den normalen Grippewellen, bei denen die schweren Fälle zu 90 Prozent bei Menschen über 65 Jahren und älter auftreten.

(bru)

Erstellt: 05.11.2009, 20:59 Uhr

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