«Ich glaube, dass die Welt ohne Religion besser wäre»

Von Barbara Vonarburg. Aktualisiert am 07.07.2009
Physiknobelpreisträger Steven Weinberg spricht über Gott und die mysteriöse dunkle Materie in unserem Universum.
Sie haben vor gut dreissig Jahren den Bestseller «Die ersten drei Minuten» geschrieben über den Anfang des Universums nach dem Urknall. Stimmen die Aussagen von damals noch heute?
Seither ist die Präzision bei unseren Messungen enorm gestiegen. Ich schrieb damals, dass das Universum zwischen 10 und 20 Milliarden Jahre alt ist. Heute wissen wir, es sind 13,7 Milliarden Jahre. Geändert hat sich etwas: Wie jedermann glaubte ich damals, dass sich die Expansion des Universums abschwächen wird. 1998 wurde aber entdeckt, dass sich die Expansion beschleunigt. Dies kann mit einer Art dunkler Energie erklärt werden, die im Raum selbst vorhanden ist. Das wussten wir 1977 noch nicht.

Sie sind nicht nur berühmt als Physiker, sondern auch bekannt als scharfer Kritiker der Religion.
Ich habe vieles kritisiert, die Religion, die bemannte Raumfahrt, die Raketenabwehr.

Was ist falsch an der Religion?
Es gibt zwei Antworten: Als Wissenschaftler bin ich es gewohnt, die wissenschaftliche Wahrheit durch Beobachtung und mit dem Verstand zu beurteilen und mir viel Zeit zu nehmen, bevor ich zu einem definitiven Schluss komme. Ich bin es auch gewohnt, herauszufinden, dass ich bei einigen Dingen falsch lag. Diese Erfahrung passt nicht sehr gut zum Antrieb religiöser Leute, die gläubig sind, nur weil ihre Eltern dies bereits waren oder weil der Glaube sie glücklich macht oder weil sie annehmen, dass sie sonst sündigen würden. Als Wissenschaftler habe ich eine Abneigung gegen die Art und Weise, wie religiöse Leute zu einem Urteil gelangen.

Und die zweite Antwort?
Die Religion richtet so viel Schaden an. Es gibt auch Gutes, und es ist schwierig, Gutes und Schlechtes gegeneinander abzuwägen. Aber ich bin überzeugt: Wenn man die Geschichte betrachtet und sogar die Gegenwart, dann schadet die Religion mehr, als dass sie hilft.

Aber liefert die Religion nicht ethische oder moralische Grundsätze?
Es gibt Menschen, die auch ohne Religion ein völlig moralisches Leben führen – ich zum Beispiel. Und es gibt Menschen, die religiös sind und glauben, dass die Religion sie lehrt, andere zu töten aufgrund des unterschiedlichen religiösen Glaubens. So wie ich die Scharia verstehe, ist die korrekte Strafe für einen Muslim, der kein Muslim mehr sein möchte, der Tod. Das ist furchtbar. Deshalb glaube ich, dass die Welt ohne Religion besser wäre.

Warum führen Sie ein moralisches Leben?
Die Moral könnte eine Folge unserer Evolution sein. Wir mussten lernen, miteinander auszukommen, um in Stämmen zu leben und beispielsweise die Jagd zu koordinieren. Das könnte ein Teil der Antwort sein. Ich stelle mir das Leben aber auch als eine Art Schauspiel vor, in dem man entweder edel oder unedel agieren kann. Und ich schöpfe lieber die Möglichkeiten des menschlichen Lebens aus, als dass ich die unedle Rolle spiele.

Sie glauben also nicht, dass es nach dem Tod noch etwas anderes gibt?
Nein. Ich wünschte, es gäbe etwas. Es wäre sehr nett, wenn ich mich beispielsweise darauf freuen könnte, meine Frau und meine Tochter, wenn sie sterben, nach dem Tod wieder zu sehen. Aber ich glaube das nicht. Das ist sehr traurig. Ab einem bestimmten Alter realisiert man, dass man sterben wird. Meine Haltung scheint mir die logische Fortsetzung davon zu sein. Wir alle sollten erwachsen werden und realisieren, dass jeder von uns sterben wird – für immer.

Sie sagten, dass Sie nicht nur die Religion, sondern auch die bemannte Raumfahrt kritisiert haben.
Viele Bürger würden eine bemannte Marsmission verteidigen, weil sie glauben, sie sei wichtig für die Wissenschaft, die Wirtschaft oder gar das Militär. Tatsache ist, dass die bemannte Raumfahrt weder einen Beitrag an die Wissenschaft noch an die Wirtschaft oder die Verteidigung geliefert hat. Es ist nur eine Show im Weltall. Ich habe nichts gegen Shows. Ich liebe beispielsweise Feuerwerke. Aber dies ist eine unglaublich teure Show.

Hätte es das Apollo-Programm mit der ersten Mondlandung vor 40 Jahren also gar nicht gebraucht?
Das Apollo-Programm fand während des Kalten Krieges statt, und Amerika bangte um sein Prestige gegenüber der Sowjetunion. Vor allem weil diese den ersten Satelliten ins All geschickt hatte, Sputnik. Wir dachten, wir müssten dies wettmachen. Es gab auch Dinge, die Menschen auf dem Mond machen konnten, die man ohne sie nicht realisiert hätte. Heute sind die Robotik und die Computer so weit fortgeschritten, dass man vieles ohne Menschen besser macht. Sicher bei der Astronomie, die mit Satelliten im Weltraum betrieben wird.

Was hielten Sie vor 40 Jahren vom bemannten Mondflug?
Ich dachte damals nicht viel darüber nach. Aber ich glaube nicht, dass es heute einen Grund dafür gibt. Ich denke, es ist sehr dumm, dass beispielsweise die Chinesen ein bemanntes Raumfahrtprogramm entwickeln. Damit verschwenden sie ihr Geld.

Sie befürchten, dass in Zukunft weniger Geld für die Grundlagenforschung ausgegeben wird?
Das ist einer der Gründe, warum ich mich so stark gegen die bemannte Raumfahrt engagiere, weil sie Geld von der richtigen Forschung abzieht. In Amerika ist dies bereits jetzt der Fall. Und ich gratuliere Europa zu seinem Raumfahrtprogramm, das wirklich der Wissenschaft verpflichtet ist und sein Geld nicht an die bemannte Raumfahrt verschwendet.

Ihre Arbeit lieferte die Basis für die Elementarteilchenphysik, wie sie heute am Cern bei Genf betrieben wird. An der Uni Bern sprachen Sie diese Woche aber über die rätselhafte dunkle Materie, aus der ein Grossteil des Universums besteht. Warum haben Sie ausgerechnet dieses Vortragsthema gewählt?
Die Kosmologie scheint die Leute mehr zu interessieren als etwa die Details der Elementarteilchenphysik. Sie hat einen natürlichen Glanz. Jedermann schaut sich die Sterne an und fragt sich, was das Universum ist. Das Thema habe ich zudem gewählt, weil die Chancen gut stehen, dass mit Experimenten hier in der Schweiz am Cern aufgedeckt wird, woraus die dunkle Materie besteht.

Wie gross sind die Chancen, dass man mit dem neuen Beschleuniger LHC herausfindet, was die dunkle Materie ist?
Nicht über 50 Prozent, nehme ich an. Aber die Möglichkeit ist plausibel. Es gibt verschiedene theoretische Überlegungen, woraus die dunkle Materie bestehen könnte. Eine davon sagt, es könnte sich um ein sogenanntes schwach wechselwirkendes, massereiches Teilchen handeln, das man auch Wimp nennt. Wenn es das wäre und wenn es nicht zu viel Masse hätte, dann würde es im LHC erzeugt.

Nach der Panne im letzten September kann der Beschleuniger in Genf erst diesen Herbst erneut gestartet werden.
Das ist traurig. Ich bin kein Fachmann für Experimente und kann deshalb keine Kritik üben. Ich bin sicher, dass man den Schaden reparieren kann, sodass die Maschine richtig funktionieren wird und dass es keinen ähnlichen Unfall geben wird.

Ziel der Physiker ist, eine Weltformel zu finden, die alle Naturkräfte einheitlich beschreibt. Wird dies je gelingen?
Ich weiss es nicht. Die Menschheit ist vielleicht nicht klug genug, die Weltformel herauszufinden. Oder sie könnte schon morgen von einem Studenten entdeckt werden, den bisher niemand kannte. Wir sollten es auf jeden Fall versuchen. Seit ich mit dem Physikstudium begonnen habe, sind enorme Fortschritte gemacht worden. Die grösste Gefahr besteht meiner Meinung nach darin, dass die Menschen beschliessen, dass es sich nicht lohnt, Milliarden von Dollar auszugeben, um Satelliten ins All zu schicken, welche die Strahlung des frühen Universums untersuchen, oder Beschleuniger wie den LHC in Genf zu bauen. Wenn wir Glück haben, brauchen wir keinen neuen, noch grösseren Beschleuniger. Aber ich bin ziemlich sicher, dass wir einen benötigen werden.

Sie sind seit 55 Jahren verheiratet. Haben Sie eine Erfolgsformel für die Ehe?
Meine Frau und ich haben uns gern. Wir respektieren uns. Sie ist sehr klug, und ich habe viel von ihr gelernt. Sie ist Jus-Professorin und hat wahrscheinlich auch etwas Physik von mir gelernt. Wenn wir an einer Party sind, kann sie den Leuten jeweils sagen, wie ich eine bestimmte Frage beantworten werde.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.07.2009, 04:00 Uhr

Rätselhafte Materieform

Steven Weinberg zählt in den USA zu den bekanntesten Wissenschaftlern. Im Rahmen des 175-Jahre-Jubiläums der Universität Bern hielt der Nobelpreisträger am Montagabend einen Vortrag über dunkle Materie. Von dieser rätselhaften Materieform gibt es im Universum etwa sechsmal mehr als von der gewöhnlichen Materie, aus der die Sterne wie unsere Sonne, die Planeten und wir selbst bestehen. Die dunkle Materie sendet kein Licht aus und reflektiert auch keine Strahlung, deshalb ist sie unsichtbar. Dass es sie gibt, schliessen die Forscher aufgrund der Wirkung ihrer Schwerkraft. Ohne sie würden ganze Galaxien auseinanderfallen.

Weinberg ist Professor für Physik und Astronomie an der University of Texas in Austin. Den Nobelpreis erhielt er 1979 zusammen mit Abdus Salam und Sheldon Glashow. Die drei hatten eine Theorie entwickelt, wie sich der Elektromagnetismus und die schwache Wechselwirkung, die beim radioaktiven Zerfall eine Rolle spielt, einheitlich beschreiben lassen. Damit fassten sie zwei von vier Grundkräften zusammen. (bva)

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