Sparsam auf Kilometerjagd

Am Shell Eco-Marathon messen sich weltweit Studententeams im Bau energieeffizienter Automobile. Am diesjährigen Anlass war ein Schweizer Team besonders erfolgreich.

Der Schweizer ConsominiUrban dreht auf der Ferrari-Teststrecke seine sparsamen Runden. Fotos: Shell/Borowski

Der Schweizer ConsominiUrban dreht auf der Ferrari-Teststrecke seine sparsamen Runden. Fotos: Shell/Borowski

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Nur wenige Sekunden knattert der winzige Einzylindermotor im Heck des Consomini Urban. Dann hebt Fahrer Michaël Paratte seinen Fuss vom Gas, und das Sparmobil made in Switzerland rollt weiter lautlos über den Asphalt. Nur zweimal muss der 24-jährige Systemingenieur aus dem jurassischen Montfaucon den wohldosierten Gastritt wiederholen, um die knapp 1,4 Kilometer lange Runde auf der Ferrari-Teststrecke Pista di Fiorana bei Maranello zu meistern. Kaum zu glauben, aber 24 Sekunden – im Voraus am Computer exakt berechnetes – Gasgeben und sorgfältiges Lenken genügen, um das 115 Kilogramm leichte Gefährt aus Sperrholz, Karbon und Aluminium über die kupierte Runde zu bewegen.

Wo sonst die frisch gefertigten Sportwagen aus der Fabrik nebenan auf Herz und Nieren geprüft werden, genügt dem Schweizer Sparmobil beim Shell Eco-Marathon ein Bruchteil davon. Das Fahrzeug der Technischen Fachhochschule in Saint-Imier erreicht mit einem Liter Ethanol E100 (oder mit regulärem 95er-Benzin) eine Reichweite von 234 Kilometern. Im gebräuchlichen Normwert stünden in der Anzeige also für 100 gefahrene Kilometer nur 0,43 Liter Benzinverbrauch.

3000 Arbeitsstunden investiert

Für den Schweizer Professor Thierry Robert und sein Team aus aktiven und ehemaligen Studenten ist diese Fahrt auf der Ferrari-Teststrecke der Lohn für die intensive Arbeit, die sie im vergangenen Jahr in das Projekt gesteckt haben, wie er stolz sagt: «Für unser Modell Consomini Urban haben wir rund 15'000 Franken ins Baumaterial des Fahrzeuges investiert, weitere rund 25'000 Franken für die Steuerungselektronik und den Eigenbau des 30 Kubikzentimeter kleinen und 1,4 PS starken Motors. Insgesamt haben wir zudem 3000 Arbeitsstunden dafür aufgewendet. Viel wichtiger ist für mich aber die Tatsache, dass meine Studierenden in dieser praxisbezogenen Projektarbeit unvergessliche Momente erleben und Erfahrungen sammeln, die für ihre zukünftige Berufslaufbahn als Ingenieure unheimlich wertvoll sein werden.»

Die positiven Eindrücke geben dem Team aus dem Schweizer Jura seit seiner ersten Teilnahme am Shell Eco-Marathon im Jahre 2003 immer wieder neue Energie. So fuhr das Consomini-Modell 2009 in der futuristischen Prototypen- Kategorie mit einem Liter Treibstoff den Bestwert von 2058 Kilometern heraus. Und nachdem die Schweizer seit 2010 auch ein Fahrzeug in der konventionelleren Urban-Concept-Kategorie an den Start rollen, erreichten sie im vergangenen Juli ihr bisher bestes Resultat: Im Finale aller europäischen Teams in London fuhr der Consomini Urban mit einem Durchschnittswert von 347 km/l aufs oberste Siegertreppchen. Dieser Erfolg brachte dem Team um Professor Robert nicht nur viel Anerkennung ein, sondern auch die Einladung zum Event nach Maranello.

Nachwuchsingenieure gesucht

Dass nebst den Schweizern vier der erfolgreichsten Eco-Marathon-Teams von Hochschulen aus Deutschland, Frankreich, Italien und sogar aus Indonesien nach Maranello eingeladen sind, ist selbstverständlich kein Zufall. Wie Norman Koch, der technische Direktor und Leiter der weltweiten Eco-Marathons, am Rande der Rennstrecke erklärt, hat der Energiekonzern Shell gute Gründe dafür: «Wir sind als Treibstoffproduzent nicht nur enger Partner des Formel-1- Teams von Ferrari, sondern gemeinsam daran interessiert, unsere Industriezweige den jungen Studentinnen und Studenten näherzubringen. Vor allem wollen wir den zukünftigen Ingenieuren im Rahmen des Eco-Marathons eine Plattform bieten, damit sie ihre Ideen für eine Mobilität mit weniger CO2-Emissionen in etwas Handfestes umsetzen können.»

Dass Ferrari dafür erstmals seine für fremde Unternehmen gesperrte Teststrecke zur Verfügung stellt und die fünf jungen Teams während einiger Tage auf Einladung von Shell beherbergt werden, erfüllt Norman Koch sichtlich mit Genugtuung. «Wir dürfen hier bei dem wohl renommiertesten Autohersteller der Welt zu Gast sein, was für den Eco-Marathon und die jungen Teams eine grosse Ehre und Ansporn zugleich ist. Hier zeigen die Besten ihres Faches, wie die Mobilität der Zukunft aussehen wird.»

Das gute Abschneiden des vergleichsweise kleinen Schweizer Teams lässt Professor Thierry Robert auch für die Zukunft hoffen, selbst wenn die Teilnahme nicht garantiert ist. Jährlich bewerben sich rund 800 Hochschulen für einen Startplatz. 400 Teams werden von Shell zum Wettbewerb eingeladen – Schweizer Vertreter sind hoffentlich auch in Zukunft mit dabei. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.12.2016, 17:43 Uhr

Shell Eco Marathon

Seit 1985 am Start

Seit 31 Jahren führt der Energiekonzern Shell den internationalen Eco-Marathon durch. In Europa, Amerika und Asienmessen sich jährlich 400 Teams mit ihren selbst entwickelten und gebauten Fahrzeugen darin,das energieeffizienteste Fahrzeug zu produzieren. Zum Wettbewerb zugelassen sind Antriebe mit Verbrennungs- und Elektromotoren, gewertet wird die Reichweite mit einem Liter Treibstoff oder Äquivalent.Gestartet wird in den Fahrzeugkategorien Urban Concept (konventionelle Fahrzeuge mit möglichst grosser Alltagstauglichkeit) sowie Prototypen (aerodynamische Zukunftsfahrzeuge mit möglichst wenig Roll- und Luftwiderstand)

Vor dem Start gibts Ferrari-Tipps für Fahrer Paratte.

Detailpflege beim Eco-Marathon.

Michël Paratte (Mitte) erhält das Diplom von Ferrari-Testpilot MarcGené (rechts).

Stolzer Professor: Thierry Robert.

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