Panorama
Die Sozialarbeiterin mit den Milliarden-Dollar-Beinen
Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 20.01.2010
Film
«Precious» mit Gabourey Sidibe, Maria Carey, Lenny Kravitz, Regie: Lee Daniels. Schweizer Kinostart ist im März.
Mariah Carey? Das ist die Diva, die kürzlich in Las Vegas drei Suiten buchte: Eine für sich, eine für ihre Garderobe und eine für ihren Gatten. Die Sängerin, vor der ein Angestellter permanent rückwärts gehen muss - für den Fall, dass sie aufgefangen werden müsste, sollte sie wider Erwarten hinfallen. Die, die ihre Beine für eine Milliarde Dollar versichern liess. Und die, die einen persönlichen Kaugummientsorger auf der Lohnliste hat.
Und nun das: Carey hat im Sozialdrama «Precious» eine Rolle ergattert. Die Verfilmung des Erfolgsromans «Push» der Autorin Sapphire erzählt die Geschichte einer zum zweiten Mal schwangeren 16-Jährigen. Vom Vater missbraucht, von der Mutter gehasst und geprügelt, versucht sie, sich einen Panzer anzufressen. Carey spielt eine Sozialarbeiterin, die sich des Mädchens annimmt. Und das gemäss «Variety» mit einer «schlicht perfekten» Darbietung. Fans - und vor allem Neider - staunen.
Vom konturlosen Schätzchen zum Superweib
Doch vielleicht hatte die 40-Jährige einfach Abwechslung nötig. In ihrer 20-jährigen Karriere als Musikerin hat sie 160 Millionen Alben verkauft. Mit 18 Nummer-eins-Hits in Amerika ist sie drauf und dran die Beatles zu überholen. Wobei der Erfolg früh kam, bereits Careys erste drei Singles landeten auf Platz eins, die LP «Mariah Carey» aus dem Jahr 1990 verkaufte sich sechs Millionen Mal.
Was die Zahlen verschweigen, sind die negativen Kritiken. Carey wurde lange als billiger Abklatsch von Whitney Houston bezeichnet. Das Album «Music Box» etwa verunglimpfte der «Melody Maker» als «schmalzigen Rock für Erwachsene». Es kam zum ersten Imagewechsel. Ende der 90er wandelte sich Carey vom konturlosen Schätzchen zum Superweib. Die phototechnische Verlängerung ihrer Beine auf Bildern zeugt ebenso davon wie ein paar Affären.
Smarte Business-Frau
Gleichzeitig versuchte sie in Hollywood Fuss zu fassen. Dazu suchte sie sich sinnigerweise den Part einer Sängerin aus (wie bereits Whitney Houston in «Bodyguard»). Doch «Glitter» floppte und wurde für die Goldene Himbeere als schlechtester Film des Jahres nominiert. Zwar entging er dieser Auszeichnung, dafür gewann Carey 2002 mit ihrer Darstellung die Goldene Himbeere als schlechteste Schauspielerin. Für die Perfektionistin war das zu viel. Sie hinterliess wirre Nachrichten auf ihrer Homepage und behauptete Marilyn Monroe spreche durch ein Klavier zu ihr. Sie kollabierte und musste hospitalisiert werden.
Doch Carey tat, was sie am besten kann: sich neu positionieren. 2005 legte sie sich einen Bühnennamen und das entsprechende Album zu: «The Emancipation of Mimi». Schnell rappelte sie sich so wieder auf und begann, an ihrem Diven-Image zu werkeln («Ich weiss gar nicht, wie man in flachen Schuhen geht»).
Sängerin, Schauspielerin, Diva, Werbeikone (Carey hat natürlich ihre eigene Parfumlinie und wirbt für Gillette): Dank einer geschickten Karriereplanung zählt die Amerikanerin inzwischen zu den sechs reichsten Frauen im Unterhaltungsbusiness. Ihr Vermögen wird auf 225 Millionen Dollar geschätzt. Unter den vielen Gesichtern der puppenhaften Künstlerin dürfte jenes der smarten Unternehmerin denn auch das authentischste sein. So gesehen ist der menschliche Kaugummientsorger keine Diven-Flause, sondern Businessstrategie. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 20.01.2010, 12:15 Uhr



