Einfach nur die Schnauze halten

Die Weltretter unter den Stars und Sternchen haben bei Trumps Amtseinführung ihren freien Tag – und entgegen ihrer tief verankerten Überzeugung wird es den Grossteil der Zuschauer freuen.

Jon Bon Jovi und Lady Gaga haben für Hillary Clinton die Werbetrommel gerührt.

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Selbstverständlich kann man an der ­festlichen Amtseinführung eines Präsidenten ein Lied über das Lynchen singen – das ist etwa so passend, wie wenn Gainsbourg & Birkin ihren Stöhn-Hit «Je t’aime» an der Geburtstagsfeier des Papstes zum Besten geben würden.

Aber von vorne: Was haben die morgige Amtseinführung von Donald Trump und das Dschungel­camp gemeinsam? Nur wer seinen Auftritt mit Gründen der Publicity rechtfertigen oder die Gage dringend brauchen kann, nimmt an der Show teil, so scheints. Kein einziger Weltstar hat sich bereit erklärt, Mr. President ein Ständchen zu singen – es treten auf: Jackie Evancho, eine «America’s Got Talent»-Teilnehmerin, ein Mormonenchor und die Tanzgruppe The Rockettes. Immerhin bot sich Trumps Erzfeind, Hollywood-Schauspieler Alec Baldwin, an: «Ich möchte an Trumps Amtseinführung performen, und zwar ‹Highway to Hell› von AC/DC», schrieb er auf Twitter. Opernstar Andrea Bocelli sah sich gemäss Mail on Sunday gezwungen, die Anfrage nach Erhalt von Todesdrohungen abzulehnen (und nicht wie ursprünglich berichtet aus Furcht vor einem Fan-Boykott).

Dafür rückte Rebecca Ferguson ins Rampenlicht. Die britische Sängerin («Nothing’s Real but Love») sagte, sie würde auftreten – unter der Bedingung, den Song «Strange Fruit» singen zu dürfen. «Strange Fruit» wurde um 1939 aus ­Protest gegen Lynchmorde in den Südstaaten geschrieben und enthält Zeilen wie «Blut auf den Blättern und Blut an der Wurzel» oder «Ein schwarzer Körper baumelt im Südstaatenwind». Team Trump hielt das offenbar für ungünstig – wenig später zog Ferguson ihre Zusage zurück und twitterte: «Ich wollte ‹Strange Fruit› singen, weil das der einzige Song war, der meine ­künstlerische Integrität nicht kompromittieren würde. Als jemand, der viel Liebe hat für alle ­Menschen, besonders aber für Afroamerikaner und die «Black lives matter»-Bewegung, wollte ich einen Moment der Pause kreieren, damit die Leute nachdenken können.»

Kaum treten sie vor Massenmedien auf, ziehen Stars heute gewohnheits­mässig ihr Predigergewand über.

Gewiss, berühmte Menschen haben das Recht, die Vergesslichen und Verstandlosen unter uns Normalos zum Nachdenken über vergangene Verbrechen oder künftige Staatsmänner zu bewegen, so wie sie das Recht auf Selbstüberschätzung haben. Nur gibt es Rechte, die man vernünftigerweise nicht in Anspruch nimmt – wie etwa eine Show für seine persönlichen Zwecke zu miss­brauchen oder das Publikum seiner simplen Unterhaltung zu berauben. Kaum treten sie vor Massenmedien auf, ziehen Stars heute gewohnheits­mässig ihr Predigergewand über und drängen der Welt ungefragt ihre politischen und idealistischen ­Botschaften auf; Meryl Streep, George Clooney, Lady Gaga et cetera, alle wurden sie im Laufe ihrer Karriere zu Heiligen, die es zu ihren Pflichten zählen, das Publikum zu erziehen und uns mitzuteilen, wie gut sie sind – und wie schlecht alle anderen.

Die Weltretter haben morgen ihren freien Tag – und entgegen ihrer tief verankerten Überzeugung wird es den Grossteil der Zuschauer freuen. «Stars müssen endlich erkennen, dass sich niemand dafür interessiert, was sie über Trump denken», fasste es Schauspieler Mark Wahlberg vor einigen Wochen im Magazin Task & Purpose zusammen. «Viele in Hollywood leben in einer Blase. Sie sind realitätsfremd gegenüber den ­Sorgen normaler Leute, des Durchschnittstypen, der täglich seine Familie ernähren muss. Stars sollten nicht über Politik reden.»

Oder, frei nach Kinski: «Halten Sie die Klappe, Sie haben hier keine Funktion im Augenblick.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 19.01.2017, 13:30 Uhr

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