Panorama
Krisen? Erdbeben? Hauptsache die Party stimmt!
Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 28.01.2010 8 Kommentare
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«The Zurich Night» der Zurich Financial Services im Steigenberger Belvédère Hotel ist ein gediegener Anlass. Es tanzen Damen in Cocktailkleidern und Herren im Anzug an, die sich ungestört von lästigen Fotografen über ihre Gläser beugen und sich Freundlichkeiten zuwerfen. Allerdings sind die Herrschaften deutlich in der Überzahl und meist ohne Begleitung hier. «Die finden es langweilig, ihren Männern überall hin nachrennen zu müssen», erklärt Belvédère-Direktor Ernst Wyrsch. «In den letzten Jahren haben sich die nicht mehr blicken lassen.»
Und so steht nun Ex-Botschafter Thomas Borer im auffälligen Nadelstreifenanzug ohne Gattin Shawne im Raum, und steht plötzlich Rücken an Rücken mit Alt-Bundesrat und Ex-Vorgesetztem Joseph Deiss, auf den er wohl noch immer nicht gut zu sprechen ist - schliesslich hat ihn dieser damals abgeschossen. Unauffällig und kontinuierlich drehen sie sich voneinander weg, wie zwei positiv geladene Magnete. Deiss verzieht sich mit einem kichernden Damenkränzchen in eine Ecke, und will dabei auch nicht durch profane Fragen gestört werden. Er habe zur UBS nichts zu sagen, sagt er - er sei nicht einer von denen, die sich in alles einmischen. Dieser kleine Seitenhieb auf Christoph Blocher muss dann doch sein. Derweil wirft sich Borer dem Headhunter Björn Johansson in die Arme.
Wo sind die Frauen?
Auch Opernhauspräsident Alexander Pereira ist ohne seine blutjunge Gattin Daniela Weisser gekommen, dafür erklimmt er die Bühne wie ein junges Reh und kündigt den Auftritt des Abends an. Nachdem Zurich-CEO Martin Senn noch einmal an die Erdbebenopfer von Haiti erinnert, nicht ohne zu erwähnen, wie sein Unternehmen gespendet habe und dabei an den grausam-charmanten Christoph Waltz in «Inglorious Basterds» erinnert, singt nun der Sopranstar Malin Hartelius.
Das weibliche Geschlecht ist an der Zurich Night nicht nur schwach vertreten, einige Exemplare sind sogar besonders schwach - ein junges, dünnes Ding kippt einfach aus den Stiefeln und sorgt kurz für Irritation - steht aber sogleich wieder auf. Man sollte sie vielleicht mit dem Dessertbuffet aufpäppeln, das jetzt hinter ihr aufgetischt und von den versammelten Herrschaften gestürmt wird. Ex-Model und Zurich-Filmfestival-Frau Nadja Schildknecht steht mittendrin, überragt in ihren High Heels die meisten Männer und strahlt.
Wie ein waidwundes Reh
Später verschiebt sich das Publikum zur Party des Verlegers Hubert Burda. Hier ist was los, die Stimmung ist ausgelassener, die Absätze sind höher, die Röcke kürzer als bei der Zurich Night. Eine Jazzband spielt, aber auch in den Pausen ist der Lärm ohrenbetäubend. Verleger Burda schaut sich mit Udo Jürgens den eigenen Auftritt im Schweizer Fernsehen an und stolziert dann durch die Menge wie ein römischer Kaiser. Krisen? Erdbeben? Hauptsache die PR stimmt. WEF-Gründer Klaus Schwab gesellt sich ebenfalls dazu. «Sis is ä dainscherös way of sinking», schmetterte er den WEF-Besuchern bei der Eröffnungsrede noch entgegen, um sie vor allzu viel Sorglosigkeit zu warnen. Doch jetzt, zu später Stunde, sorgt nicht die Krise, sondern eher der Alkohol für rote Köpfe.
Medienleute mit Kameras und Mikrophonen jagen durch den Raum, ihre Beute posiert willig. Peter Brabecks Kopf schimmert rötlich unter seinem weissen Haar, das er sich eitel aus dem Gesicht streicht, als die Kameras auftauchen. Joseph Ackermann zeigt im Scheinwerferlicht sein kräftiges Gebiss. Dagegen wirkt Bestseller-Autor Paulo Coelho geradezu schüchtern, er trägt ein neckisches kleines Haarbüschel am Hinterkopf, lässt sich aber von den Kameras in die Ecke drängen und wirkt dort wie ein waidwundes Reh. Als Schriftsteller fehlt ihm wohl der nötige Biss, die Fotografen einzuschüchtern.
Alles ist Arbeit
Wie angekündigt, sind sie alle da, auch Youtube-Chef Chad Hurley, der im sportlichen Sakko und Jeans auftaucht und Wikipedia Chef Jimmy Wales. Die Internet-Koryphäen wirken allerdings wesentlich gelassener, auch nüchterner als die Banker-Topshots. Was schmerzlich fehlt, ist der Glamour-Faktor, so sind sich die Anwesenden einig. Was wohl damit gemeint ist? Vielleicht das, was die Herren vom Arbeiten ablenken würde, denn in Ermangelung anderer Zerstreuung, stecken sie immer noch die Köpfe zusammen. Schliesslich ist WEF, hier ist alles Arbeit. Auch wenn das für den Aussenstehenden schwer zu verstehen ist. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 28.01.2010, 14:18 Uhr
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