Panorama

Wie aus einem faden Medien-Häppchen ein Mehrgänger wird

Von Simone Matthieu. Aktualisiert am 29.10.2009

Das Rezept für ein Skandälchen kennt man bei den Boulevardzeitungen. Das Menü ist einfach nachzukochen. Das zeigt die aktuelle Polemik um eine Deutsche Moderatorin in der Schweiz. Wir verraten die Zutaten.

Von den Boulevard-Medien zum Hauptgericht hochgekocht: Die bislang völlig unbekannte deutsche «usgang.tv»-Moderatorin Alena Gerber.

Von den Boulevard-Medien zum Hauptgericht hochgekocht: Die bislang völlig unbekannte deutsche «usgang.tv»-Moderatorin Alena Gerber.

Man nehme ein Thema, das polarisiert. Als Opfer ein hübsches Mädchen mit leicht schmuddligem Image und als Täter ein paar Verbal-Haudegen, die keine Gelegenheit auslassen, öffentlich ihre Gesinnung kundzutun. Nun lasse man Opfer und Täter öffentlich gegeneinander antreten. Fertig ist das Skandal-Geschichtchen.

Die Hauptingredienz des derart aufbereiteten Gerichts, das die «Bild» gestern ihren Lesern servierte und das von diversen Schweizer Medien (auch von baz.ch/Newsnet) übernommen wurde: Das deutsche «Playboy»-Model Alena Gerber moderiert neuerdings auf dem Schweizer Internetsender Usgang.tv. «Bild» würzte diesen faden Fakt mit den Aussagen zweier SVP-Politiker. Abschmecken unnötig – die Meinung der beiden war vorauszusehen. Deshalb wurden sie von der «Bild» gezielt angefragt zu ihren Ansichten über das heikle Thema «Deutsche, die in der Schweiz arbeiten» – ein alter Journalisten-Trick um Zoff zu inszenieren. Natürlich empörten sich die SVPler über die Ausländerin, die einen Schweizer Arbeitsplatz besetzt und mit ihrem Hochdeutsch angeblich die nationale Identität der Schweiz gefährdet. Nun noch ein bisschen «Bild»-redaktionsinterne Empörung über die bösen, ausländerfeindlichen Schweizer unter das Gebräu gemischt und schon ist angerichtet.

Immer schön weiterkochen lassen

«Schweizer Politiker will deutsches Model rauswerfen weil sie kein Schwyzerdütsch kann» – «Was ist bloss mit den Schweizern los?», entrüstet sich die «Bild». Nur um am nächsten Tag neues Öl ins Feuer zu giessen und so die Story weiter am Köcheln zu halten: Heute lässt das Springer-Blatt Gerber «zurückschlagen» und den Schweizern vorhalten, was in Deutschland besser ist. Die Liste beginnt beim Fussball und endet mit einem Vergleich der Boulevard-Zeitungen beider Länder (ganze Liste siehe Link): «Unsere ‹Bild› kracht richtig und euer ‹Blick› ist ziemlich müde.»

Bemerkenswert: Der Koch dieses «Bild»-Mehrgängers ist ein Schweizer. Einer, der bis vor kurzem noch beim «müden ‹Blick›» gearbeitet hat. Damit ist auch zu erklären, warum das Schweizer Boulevard-Blatt in seiner heutigen Ausgabe die Geschichte der «Bild» als «hausgemachtes Skandälchen» belächelt.

Wir warten gespannt, was man uns in dieser Angelegenheit zum Dessert auftischen wird.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.10.2009, 13:36 Uhr

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