Vergelts Gott ohne Ende

Der Katholische Männerverein Tuntenhausen ist ein konservatives Bollwerk – eine teilnehmende Beobachtung.

«Man muss geradestehen»: Mitglieder und Gäste des Katholischen Männervereins Tuntenhausen (Bayern), versammelt vor dem Gasthof Schmid, mit dem Vorsitzenden Marcel Huber (5. v. l.).

«Man muss geradestehen»: Mitglieder und Gäste des Katholischen Männervereins Tuntenhausen (Bayern), versammelt vor dem Gasthof Schmid, mit dem Vorsitzenden Marcel Huber (5. v. l.). Bild: Werner Stache

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Zwischen der «Basilika Unserer Lieben Frau zu Tuntenhausen» und dem Gasthof Schmid liegen kaum fünf Meter. Die Kirche und die Wirtschaft sind sich im oberbayerischen Tuntenhausen noch treu verbunden. Bekannt ist der Ort für seinen katholischen Männerverein, der zweimal im Jahr eine Wallfahrt veranstaltet: Ende April und Ende September. Das Programm ist immer dasselbe: Zuerst wird gebetet, dann «gschimpft». Jeder bedeutende CSU-Politiker hat hier eine Rede gehalten: Franz Josef Strauss, Edmund Stoiber, Karl-Theodor zu Guttenberg. Diesen Sonntag ist es der bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle. Tuntenhausen sei «ein Gravitationspunkt in der bayerischen Entwicklung», sagt er. Hier zu sprechen, sei «etwas ganz Besonderes im bayerischen Kosmos».

Der Spiegel nannte den Männerverein in den Neunzigerjahren ein «symbiotisches Bündnis von katholischem Klerus und dem fundamentalistischen Flügel der CSU». Die Süddeutsche Zeitung fasste 2010 die mutmassliche Programmatik zusammen: «Gegen Sex, Bikinis und die Pille». Davon ist in der Satzung des Vereins, der 1945 gegründet wurde, nichts zu lesen. Der zentrale Paragraf lautet: Der Männerverein habe den Zweck, «in der Öffentlichkeit für die Vertiefung des katholischen Glaubenslebens zu wirken und die katholischen Grundsätze zur Geltung zu bringen». Voraussetzung: männlich, katholisch. Kosten: 3 Euro, jährlich.

Eine schwankhafte Fahrt

Nach Tuntenhausen gibt es nicht einmal eine Zugverbindung. Der Zug aus München hält in Ostermünchen. Ich bin der Einzige, der da aussteigt. An der Station hängt ein verblichenes Plakat mit einer Taxi-Nummer, «24 Stunden erreichbar». Es nimmt niemand ab.

Schliesslich sind es zwei ältere Damen, die mich mit nach Tuntenhausen nehmen. Ein Schweizer ginge, sagt die Fahrerin, «den Erdogan hätten wir nicht mitgenommen». Grosses Gelächter, die Fahrt ein Schwank. Die eine Schwester war 75 Jahre im Kirchenchor und hat dafür eine Urkunde bekommen, die andere sieht ein bisschen aus wie Carla del Ponte. Die eine fährt, die andere plaudert.

An die Wallfahrt gingen sie jedes Jahr, wegen der schönen Messe und der Musik. Früher hätten sie sich auch die Rede im «Schmid» angehört, jetzt gingen sie danach aber immer gut essen. Was gesagt werde, könne man anderntags im Oberbayerischen Volksblatt lesen. Die Honoratioren des Vereins stehen in Jankern und Uniformen vor der Kirche herum, auch zwei berittene Polizisten. «Da sieht man schon, dass etwas Besonderes ist», sagt die eine Dame gleich. Marcel Huber, der erste Vorsitzende des Männervereins, geht zu den Reitern hin. «Der Chef ist blau», sagt er. Die Polizisten lachen ein bisschen, aber nicht sehr. Der Polizeichef hat eine blaue Uniform, die Reiter tragen eine grüne. «Danke fürs Kommen», sagt Huber. Der Morgen in Tuntenhausen ist ein grosses Grüssen und Danken. Vergelts Gott ohne Ende.

Ein grosser Anachronismus

Um Viertel vor neun wird eingeläutet, um neun intoniert die Orgel. Drei nicht betagte Priester ziehen in die Kirche ein, angeführt von Monsignore Thomas Schlichting aus München. Vorne weg an die fünfzehn Ministranten, in rot-weissen Gewändern. Ein Kreuz schleppen sie an und machen fromme Gesichter. Tuntenhausen wirkt wie ein grosser Anachronismus. Die katholische Show geht weiter wie seit Jahrhunderten. Das Weihrauchfass wird geschwungen. Weil die Kirche gerade restauriert wird und ein Baugerüst dicht über den Köpfen der Leute hängt, kann sich der Rauch nicht recht verziehen. Die Folge ist eine angenehme Benommenheit. Der Katholizismus hat verstanden, dass es nicht so sehr um Inhalte geht. Nicht um Konzentration, sondern darum, die Menschen zu ergreifen. Mit Orgelmusik, Gemälden, Ritualen. CSU-Politiker Thomas Goppel, der 1992 in Tuntenhausen war, sagte in seiner Rede: «Es gibt nichts Verbindenderes, als nebeneinander, Kopf an Kopf, mit gefalteten Händen auf der Gebetsbank zu knien.»

Auch ich habe gesungen, gebetet, bin zur Kommunion gegangen und habe danach Bier getrunken. Es war eine teilnehmende Beobachtung. Vieles kam mir bekannt vor. Es war ein bisschen wie in der Schwyzer Pfarrkirche in den Neunzigerjahren. «Amen», «Dank sei Gott» kommen synchron aus der Menge, Setzen und Knien sind als ein koordiniertes Krachen in den Kirchenbänken vernehmbar. Es sind orchestrierte Aktionen, genaue Übergänge, die niemanden anstrengen. Der Blick ins Gesangsbuch «Gotteslob» ist nicht lesend, er ist gewohnheitsmässig. An der Seite steht die heilige Maria als Mater dolorosa, schaut zu, ein Säbel in der Brust. Katholische Überdeutlichung.

Der Monsignore aus München sieht von Weitem aus wie H. P. Baxxter, der Sänger von Scooter, einfach in Messe­ornat und mit Brille. Die Haare wirken eher blond als weiss. Er hat das faltenfreie Gesicht eines vergeistlichten Menschen, dabei ist er hochexpressiv und ein rhetorisches Talent. Seine Predigt will er eigentlich mit dem Boxkampf von Vitali Klitschko beginnen. Thema: Das grosse Messen der Männer – passend für den Männerverein. Joshua, der Name des Gegners, fällt ihm aber nicht ein. Die Leute lachen. Er nimmts locker.

Schlichting spricht von der Offenbarung Jesu am See Tiberias, wo Nathanael und die Zebedäus-Söhne und noch ein paar andere Leute fischten, aber wenig Glück hatten. Da habe Jesus ihnen gesagt: «Werft das Netz auf die rechte Seite. Dann werdet ihr Erfolg haben.» Man konnte erst denken, es handle sich um eine plumpe politische Analogie.

Hamma no nie gmacht

Aber der Monsignore hat eine andere Botschaft. Um die Netze auf die rechte Seite auszuwerfen, hätten sich Nathanael und die Zebedäus-Söhne im Boot wenden müssen. Das Zitat bedeute deshalb: «Dreh dich manchmal in die andere Richtung.» Das durfte die Gemeinde dann ein bisschen auf sich wirken lassen. Die Gesetze des bayerischen Dorfes wie «Hamma no nie gmacht» und «do kannt jo jeda keman» müssten manchmal auch infrage gestellt werden, sagt der Monsignore.

Im «Schmid» sitzen fast nur Männer unter einer niedrigen Decke. Draussen scheint die Sonne, hier herrscht Dämmerstimmung. Eine Blaskapelle spielt in der Ecke. Vorne beim Rednerpult sind Tische mit weissen Tüchern. Da sind die Pfarrer, Polizisten und Politiker. Alle trinken Bier und essen Weisswürste, nur die Polizisten bekommen Tee und Cola in Kübelgläsern.

Bayerische Leitkultur

Kultusminister Spaenle holt weit aus, er spricht über «das Christliche in der Politik». Fängt beim Römischen Reich an und bewegt sich allmählich Richtung Jetzt-Zeit. Er redet frei, nur mit dem Ellenbogen stützt er sich ab, auf das Rednerpult. Im Saal ist es still. Ab und zu klirrt Geschirr.

Heute erlebe man «erratische Veränderungen», sagt Spaenle. Eine Million Menschen seien nach Deutschland gekommen. Spaenle nennt den Begriff «Leitkultur» und ruft aus: «In welcher Zeit leben wir eigentlich, dass man sich für diesen Begriff rechtfertigen muss!» Zur bayerischen Leitkultur gehörten auch Pizza und Spaghetti. Man müsse den Menschen nichts aufzwingen, «aber freundlich darauf hinweisen, wie man hier lebt». Wenn Prägekräfte nachlassen, würden sich Junge schwertun, einen «Standpunkt in Raum und Zeit» zu finden. Spaenles Zauberwörter: Katholizität und Bavarität. Er könnte auch sagen: Kirche und Wirtshaus.

In Bayern hat etwas überlebt, was es in Deutschland fast nicht mehr gibt: eine positive Identität nach dem Zweiten Weltkrieg, die mit dem Ort verbunden ist und länger zurückreicht als die Wiedervereinigung. Eine Geschichte, die nicht nur schambehaftet ist. In ­Tuntenhausen existiert ein natürlicher Stolz jenseits des Sühnestolzes.

Als 2015 Hunderttausende Flüchtlinge nach Deutschland kamen, rief die Grünen-Politikerin Kathrin Göring-­Eckardt: «Unser Land wird sich ändern, und zwar drastisch. Und ich freue mich drauf!» Aus der Begeisterung für die Flüchtlinge klang auch die Lust auf Selbstaufgabe. Die Reaktion aus Bayern war anders: Wir helfen, aber wir möchten unsere Identität behalten. Dass in der Flüchtlingskrise kein Bundesland mehr und professioneller geholfen hat als Bayern ist die Ironie der Geschichte.

Spaenle hat nichts gesagt, was nicht für Zustimmung gesorgt hätte. Mehr Gepolter hatte man in Tuntenhausen aber schon gehört. Als Franz Josef Strauss kam, hatte der Männerverein im «Schmid» keinen Platz mehr. Es musste ein Zelt aufgestellt werden. Früher, sagt ein Mann, seien auch Kamerateams in der Kirche gewesen, bis sie der Pfarrer verjagt habe.

Horstl war hier

Zum Ende erheben sich die Männer in allen Winkeln des Saals; die Blas­musik stimmt die Bayern-Hymne an. Der Tuntenhausener Bürgermeister Georg Weigl hat die letzten Hymnen-Wörter «Weiss und blau!» kaum fertig gesungen, als er sagt: «Da kriegt man schon Gänsehaut, nicht?»

Später blättert er zufrieden durch das Goldene Buch, in das alle wichtigen Besucher der Gemeinde eingetragen sind. «Auch der Horstl war hier», sagt Weigl und deutet auf ein Bild mit Horst Seehofer, dem bayerischen Ministerpräsidenten. Redner Spaenle hat einen Satz ins Buch geschrieben, der fortan Teil der Orts-Geschichte sein wird: «Was Rom für die Welt ist – gibt Tuntenhausen Bayern.»

Seehofers Troubleshooter

Kaum ist die Hymne verklungen, wird die Ergriffenheit brachial aufgelöst. Vereins-Chef Huber erwische ich noch, wie er gerade in seinen Dienst­wagen einsteigt. Dann weist er seinen Fahrer an, nochmals zu parkieren. Es ist die berühmte Extra-halbe-Stunde für Politiker. Huber setzt sich vor das «Schmid» in die Sonne und kneift die Augen zusammen. Viel kann man nicht notieren. Huber ist kein Philosoph des Konservativen, er lebt es einfach. Früher hätte man gesagt: Er sei ein «braver Mann». Heute klänge das zu ironisch.

Der frühere Tierarzt ist Leiter der Bayerischen Staatskanzlei und damit Seehofers Troubleshooter. Seit acht Jahren ist er Chef des Männervereins. Christlich-konservative Werte seien die «Leitschnur» des Vereins, sagt er. «Des is ka alter Hut.»

Eine Verlangsamungsmaschine

Als ich das Wort Think-Tank benutze, schüttelt er den Kopf. Schon das Wort gefällt ihm nicht. «Ein Think-Tank im klassischen Sinne sind wir nicht.» In Tuntenhausen lege man aber den Grundstock für christliche Wertevorstellungen, «daran kann sich die CSU orientieren». Das gelte auch in der Flüchtlingspolitik: «Wir sind gehalten, zu helfen, allein aus christlicher Nächstenliebe.» Aber: «Wir müssen uns bewusst bleiben, wer wir sind.» Huber sagt: «Man muss geradestehen.»

Der Verein zählt 1000 Mitglieder. Im «Schmid» sassen kaum 200. Die Jungen seien alle beim Maibaum-Aufrichten, erklärt Huber. Aber er ist realistisch. «Der Zeitgeist ist gegen uns.»

Konservativismus ist eine Verlangsamungsmaschine. Das Gute und das Schlechte – beides hält länger. Mehr als verzögern kann er aber auch nicht.

Am Ortsausgang treffe ich auf Sigfried Franke. Ich will mich eigentlich nur nach dem Weg erkundigen, aber Franke war im «Schmid». Mit Bayern über Identität zu sprechen, ist nicht schwer. Sie fangen von alleine an. «Wir sind hier bodenständig», sagt Franke gleich. Bei einem solchen Anlass wie eben brauche es «keine Security, nichts», sagt er, man könne mit den Politikern direkt reden. In Norddeutschland könnten sich die Leute das natürlich nicht vorstellen!

Wallfahrtsverein!

Franke fährt mich zum Bahnhof. Als er mit seinem Garagenschlüssel zurückkommt, hat ihm seine Frau schon erzählt, dass ich am Morgen mit Tante Kathl und der Schwester zur Kirche gefahren bin – «das sind die Tanten ­meiner Frau». Alle wissen alles. Im Zug zurück nach München habe ich Marcel Huber in den Ohren. «Wenn ein solcher Verein heute erfunden würde, hiesse er nicht mehr Männerverein, sondern vielleicht Wallfahrtsverein», meinte er. Frauen dürften zwar nicht Mitglied sein, aber sie seien willkommen. «Wallfahrtsverein» wäre ein Name, der auch nicht gerade wie eine moderne Zumutung klingt, denke ich, aber es gibt einen entscheidenden Grund, wieso der Männerverein nicht Wallfahrtsverein heisst. «Das sind hier traditionsbewusste Männer, die wollen so etwas nicht», sagte Huber. «Hier bleibt vieles, wie es war.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 11.05.2017, 09:36 Uhr

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