Panorama

60 Sekunden Stille für Haiti

Von . Aktualisiert am 18.02.2010

Die Caritas verkauft eine Schweigeminute als Download. Hinter der Idee stehen Zürcher Werber.

Haiti braucht Hilfsgüter.

Haiti braucht Hilfsgüter.
Bild: Keystone

Alexander Jaggy ist Executive Creative Director bei der Zürcher Werbeagentur Jung
von Matt/Limmat.

Alexander Jaggy ist Executive Creative Director bei der Zürcher Werbeagentur Jung von Matt/Limmat.

Erdbeben Haiti

Haiti, war da was? Es klingt zynisch, aber so ist das mit der Aufmerksamkeitsökonomie. Bebt die Erde, weint die Welt. Kaum sind die Überlebenden aber geborgen, zieht die Medien-Karawane weiter, und im Bürostuhl fragt man sich: War das vor vier Wochen, als der Karibikstaat im Elend versank? Es war vor fünf, was für Hilfswerke heisst: Das Zeitfenster ist enorm klein, um Spenden zu sammeln. Neue Wege probiert die Caritas. Mit ihrem Song «One Minute of Silence», der sich für 1.90 Franken runterladen lässt. Das Geld fliesst nach Haiti – und zu hören ist darauf: nichts. Oder 60 Sekunden Stille für die Erdbebenopfer. Und wer hats gratis erfunden? Werber der Zürcher Agentur Jung von Matt/Limmat. Sie spannten dafür mit Universal Music zusammen.

Alexander Jaggy, schafft es «One Minute of Silence» in die Hitparade?
Wir wissen es noch nicht, wir erhalten die Zahlen erst. Weil es für die Top 75 aber nur einige Hundert verkaufte Songs braucht...

...hoffen Sie darauf. Kommt es so, hören die Hitparaden-Hörer plötzlich nichts – und zappen weg?
Das haben wir auch diskutiert, ob ein Radio einfach nichts senden kann. DRS 3 hat es simuliert und die Stille zuvor angekündigt. Die Hitparade ist aber nur eine Seite. Die andere, die Stille, die man auf sein Gerät lädt. Hört man sie und sieht das Logo von «One Minute of Silence» auf dem Display, wird man immer wieder an Haiti erinnert.

Um nochmals zu spenden?
Im Idealfall, ja. Die Katastrophe in Haiti wird die Caritas schliesslich noch für Jahre beschäftigen.

Die nächste Katastrophe kommt bestimmt. Was denken Sie, ist die Idee multiplizierbar?
Ich glaube schon. Vielleicht müsste sie mit der Zeit weiterentwickelt werden. Warum nicht einen Videoclip mit einem bekannten Künstler machen, der 60 Sekunden nichts singt? Alles möglich. Gleichzeitig mag ich allerdings nicht zu sehr über solche Szenarien nachdenken, über Katastrophen, die noch eintreten. Haiti hat es schon hart genug getroffen.

Wie wärs mit einem wirklichen Song für Haiti statt nichts für 1.90 Franken?
Es wird sich zeigen, wie sich das Ganze entwickelt, auch für die Caritas.

Wann ist die Idee entstanden?
Als die Opferzahl bekannt wurde: 200'000 Menschen, halb Zürich auf einen Schlag ausgelöscht! Da haben wir angefangen, über Schweigeminuten nachzudenken. Und daraus hat sich die Idee entwickelt.

Kommen Sie nicht fast zu spät damit?
Ein früherer Start wäre sicher wünschenswert gewesen, aber es ging halt nicht. Zuerst musste die Idee und danach die Partner gefunden werden.

Auch iTunes führte den Song, nahm ihn dann aber vom Netz. Wieso?
Ich kann nur spekulieren. Vielleicht hat es damit zu tun, dass iTunes bereits mit dem Roten Kreuz eine Spendenaktion am Laufen hatte. Wir sind auf andere Plattformen ausgewichen und haben es in kurzer Zeit trotzdem geschafft.

Ruf Lanz hat mit ihren Blindenspots schon Preise gewonnen. Was reizte Sie an Werbung für karitative Organisationen: die Auszeichnungen oder das freie Denken?
Einer guten Idee ist es egal, wer sie hatte. «One Minute of Silence» ist keine klassische Werbeidee, sondern eine kreative Businesslösung. Wir wollen mit diesem Ansatz eine neue, jüngere Zielgruppe von Spendern erreichen. Die grösste Auszeichnung für uns wäre, wenn sich die Idee als neue Spendenform durchsetzte.

Wieso die Caritas? Es gibt noch andere Hilfswerke in Haiti.
Stimmt, und wir setzen uns im Normalfall auch gerne für den unbekannten Herausforderer ein. Damit diese Idee aber zum Fliegen kommt, braucht es eine breite Abstützung in diversen Communities.

Gerade solche Internetgemeinschaften reagieren sehr empfindlich auf Werbe- oder PR-Botschaften.
Absolut, die Leute mögen es überhaupt nicht, wenn sie sich manipuliert fühlen. In diesem Fall aber – wir arbeiten gratis, der Fonds ist Zewo-zertifiziert und überwacht – hat das einen anderen Ansatz.

Ist das der Anfang vom Ende der klassischen Hilfswerkwerbung?
Das glaube ich nicht. Die Plakate in der Weihnachtszeit wird es weiterhin geben. Und auch die Direktmails mit dem Einzahlungsschein, an den die älteren Spender gewöhnt sind. Junge Menschen spenden anders, spontaner. Man muss sie aber erst gewinnen, und deshalb war man bei der Caritas auch Feuer und Flamme für die Idee.

Mit Alexander Jaggy sprach Marcel Reuss

Downloaden lässt sich «One Minute of Silence» u. a. bei www.exlibris.ch oder www.musicload.ch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.02.2010, 04:00 Uhr

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