Bern

Ärztin klagt gegen Spital wegen Diskriminierung

Angeblich gefährdete Patientensicherheit, keine Rücksicht auf werdende Mütter unter den Ärztinnen: Pflegende und Ärzte opponieren seit längerem gegen den Direktor einer Klinik des Berner Inselspitals.

Juristischer Angriff gegen das Inselspital. An der Klinik für Anästhesiologie und Schmerztherapie soll der Mutterschutz für schwangere und stillende Mitarbeiterinnen systematisch verletzt werden, rügt eine betroffene Ärztin in einer Klage.

Juristischer Angriff gegen das Inselspital. An der Klinik für Anästhesiologie und Schmerztherapie soll der Mutterschutz für schwangere und stillende Mitarbeiterinnen systematisch verletzt werden, rügt eine betroffene Ärztin in einer Klage. Bild: Stefan Anderegg

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Frank Stüber ist seit 2008 Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Schmerztherapie (KAS) am Berner Inselspital, und sein Führungsstil wühlt Mitarbeiter und vor allem Mitarbeiterinnen seit Jahren auf. Die Liste der Abgänge ist enorm: In den letzten vier Jahren verliessen 127 Ärzte und Pflegefachkräfte die KAS, davon 73 Frauen und 40 Kaderärzte.

Zu einem stillen Eklat kam es an der KAS im Sommer 2013, als 65 Angehörige der Pflege – praktisch die ganze Abteilung – eine interne Beschwerde gegen den Klinikdirektor einreichten. Die Pflegenden kritisierten die Gefährdung der Patientensicherheit durch diverse von Stüber angeordnete Restrukturierungen.

Aufstand verlief im Sand

Sie rügten unter anderem das Fehlen eines konstruktiven Arbeitsklimas. Die Pflegefachkräfte sprachen damit eine von Stüber alimentierte Stimmung der Einschüchterung und Diskriminierung an, die verhindere, dass auch gegenüber Vorgesetzten Bedenken und Kritik geäussert werden könnten. Das wäre eine wichtige Bedingung zur Vermeidung von Kunstfehlern – gerade für Anästhesisten, die bei Operationen, Notfallbehandlungen und Schmerztherapien verantwortlich sind für angepasste Betäubungsmassnahmen.

Dass der Aufstand der Pflege fortgesetzt und öffentlich wird, liegt an einer Klage gegen die Inselspital-Stiftung, die Natalie Urwyler vor wenigen Tagen eingereicht hat. Urwyler ist Ärztin und Wissenschaftlerin, im Sommer 2014 habilitierte sie als erst zweite Frau in der Geschichte der Universität Bern im Fach Anästhesiologie zur Privatdozentin.

Per Ende November kündigte ihr aber das Inselspital die Stelle. Offizieller Grund der Entlassung: Das Arbeitsverhältnis sei «aufgrund zahlreicher Vorfälle über längere Zeit hinweg sehr belastet» worden. Natalie Urwyler gehörte, als Oberärztin mit Führungsfunktion, zu den hartnäckigsten Kritikerinnen von Klinikdirektor Stüber – oft auch stellvertretend für andere, die sich offenbar an sie gewandt hatten. Nun ficht sie die aus ihrer Sicht missbräuchliche Kündigung an und erhebt massive Vorwürfe.

In der 60-seitigen Klageschrift, die dieser Zeitung vorliegt, beschreibt Natalie Urwyler eine lange Serie von Unstimmigkeiten, Konflikten und Regelverstössen an der KAS. Daran stiess nicht nur sie sich, sondern auch zahlreiche KAS-Mitarbeiter, wie die der Klage beigelegten Beweismittel dokumentieren. Ein zentrales Konfliktthema ist der an der KAS offenbar systematisch missachtete Mutterschutz. Schwangere und stillende Ärztinnen können an der KAS nicht mit den im Arbeitsgesetz vorgeschriebenen Ruhezeiten rechnen.

Häufige Fehlgeburten

Die Klage führt mehrere Fälle von KAS-Mitarbeiterinnen auf, die Fehlgeburten erlitten – als Folge dieses Regimes. Urwyler selber kollabierte mehrmals im Dienst und verlor ihre erste Schwangerschaft während der Nachtschicht einer 80-Stunden-Woche, sie arbeitete aber voll bis zum Ende der Nachtschichtperiode durch.

Mehrfache Interventionen verschiedener Frauen blieben folgenlos. Ohne Ergebnis blieb gemäss der Klage auch der Versuch, die Sensibilität in dieser Thematik zu erhöhen und am KAS mehr Frauen in leitende Stellungen zu bringen. «Ich sehe keine Frauen in Führungspositionen», liess der Klinikleiter gemäss einem Protokoll verlauten. Dies, obschon mittlerweile 65 Prozent der erstsemestrigen Medizinstudenten Frauen sind. Der Frauenanteil auf Chefarztstufe liegt an der Insel allerdings erst bei 13 Prozent.

Intransparenter Fonds?

Verschärft wird die frauendiskriminierende Praxis an der KAS durch einen gemäss der Klage reglementswidrigen Finanzfonds, den der Direktor an seiner Klinik installiert habe.

Spitalärzte lassen Einnahmen aus sogenannt privatärztlicher Tätigkeit, die sie bei der Behandlung zusatzversicherter Patienten erzielen, in einen gemeinsamen Pool fliessen. Gemäss einem Reglement des Inselspitals müssten die leitenden Ärzte im Konsens bestimmen, wie sie diese Gelder untereinander verteilen. KAS-Direktor Stüber hingegen hat nach der Klage über den von seinen Angestellten alimentierten Fonds alleine die Macht: Offenbar zwingt er seinen Ärzten heimliche Zusatzverträge auf, die ihm die alleinige Kompetenz zur Geldverteilung zuweisen.

Dem Vernehmen nach fliessen jährlich rund sieben Millionen Franken in diesen intransparenten Fonds, aus dem der Klinikdirektor seine Ärzte (oder sich selber) zusätzlich honorieren oder Forschungsvorhaben unterstützen soll. Frauen, in den höheren Positionen stark untervertreten, ziehen auch finanziell den Kürzeren, rügt die Klage.

Beschwerde bei Uni-Rektorat

Obwohl Natalie Urwyler die Praktiken an der KAS insel- und universitätsintern verschiedenen Vorgesetzten, Personal- und Gleichstellungsbeauftragten vortrug, bewegte sich nichts. Sie stiess bisweilen auf Verständnis, blitzte aber trotzdem ab oder wurde vertröstet. Niemand schien gewillt, den mächtigen Klinikdirektor infrage zu stellen oder eine Abklärung der Zustände an der KAS zu fordern.

Einzig das Generalsekretariat der Universität riet Natalie Urwyler zu einer Aufsichtsbeschwerde wegen Diskriminierung des weiblichen Geschlechts, die aber noch hängig ist. Wird sie gutgeheissen, müsste Urwyler eigentlich wieder angestellt werden. Trotzdem kündigte die Insel der habilitierten Anästhesie-Ärztin, die für ihre wissenschaftlichen Projekte auch erfolgreich finanzielle Drittmittel einwarb, die Stelle.

Reaktion der Insel-Leitung

Der Fall liegt nun zum Versöhnungsversuch bei der Schlichtungsbehörde. In einer Stellungnahme bedauert die Geschäftsleitung der Insel, dass «ein hängiger arbeitsrechtlicher Streitfall mit schwerwiegenden Vorwürfen gezielt an die Öffentlichkeit getragen» worden sei. Die Vorwürfe würden aber seriös geprüft und bewertet.

Die Insel-Spitze hält «nach Konsultation der internen Kontrollmechanismen» fest, «dass die Patientensicherheit in der Klinik vollumfänglich gewährleistet war und ist». Sie stärkt Klinikdirektor Stüber, der sich nicht äussern wollte, schon jetzt den Rücken und sieht keinen Anlass zur Annahme, dass die Klinikleitung ihrer Verantwortung in Medizin und Führung nicht vollumfänglich nachkäme. Wegen des laufenden Verfahrens seien «weitere Aussagen nicht möglich».

Der Anwalt von Natalie Urwyler, Rolf P. Steinegger, gibt keinen Kommentar ab, wie er auf Anfrage festhält. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.11.2014, 10:47 Uhr

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