Alice Schwarzer schreibt über Tim K.: «Die Tat eines Frauenhassers»

Von Alice Schwarzer. Aktualisiert am 18.03.2009 31 Kommentare

Der Amokläufer von Winnenden hat gezielt auf die Köpfe von Mädchen geschossen. Damit ist das Drama das erste Massaker mit dem Motiv Frauenhass in Deutschland. Welche Schlüsse werden daraus gezogen?

1/32 Die Frage nach dem Warum des Amoklaufs beschäftigte alle Beteiligten: Gedenkkerzen auf dem Schulareal.

   
«Das Böse ist mitten unter uns»: Alice Schwarzer.

«Das Böse ist mitten unter uns»: Alice Schwarzer. (Bild: Keystone)

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Zur Person

Alice Schwarzer, 66, ist Gründerin der Frauenzeitschrift «Emma»

Die Polizei sagte es auf ihrer ersten Pressekonferenz am 11. März noch unmissverständlich: «Auffällig ist, dass es sich bei den Opfern vor allem um Mädchen handelte.» Von total neunzehn Opfern in der Schule - von denen zwölf tot sind und sieben verletzt - sind achtzehn weiblich.

Regelrechte Hinrichtungen

Der Amokläufer handelte keineswegs wahllos. Er richtete seine Opfer durch gezielte Kopfschüsse regelrecht hin. Tim K. erschoss drei Lehrerinnen und acht Schülerinnen. Nur einer der Toten in der Schule war männlich: ein Junge albanischer Herkunft. Erst ausserhalb der Schule hat er dann auf der Flucht wahllos um sich geballert und dabei auch noch drei zufällig anwesende Männer getötet.

Damit ist das Drama in der schwäbischen Kleinstadt Winnenden das erste Massaker mit dem Motiv Frauenhass in Deutschland. Die ARD-Nachrichten sprachen am zweiten Tag von «drei Lehrern und neun Schülern», die getötet worden seien. Und die politischen TV-Magazine problematisierten am Abend danach zwar zu Recht den privaten Waffenbesitz oder den jugendlichen Internetkonsum.

Doch dieser zentralste, offensichtlichste Aspekt - der Frauenhass - kam mit keinem Wort mehr vor. Am dritten Tag erwähnten die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» und die «Süddeutsche Zeitung» in ihren ausführlichen Erörterungen des Dramas zwar in einem Satz, dass Tim K. gezielt auf Mädchen geschossen und einen «Hass auf Frauen» hatte. Schlüsse wurden daraus aber keine gezogen.

Der 17-Jährige kommt aus einem wohlsituierten Elternhaus. Sein Vater ist Unternehmer. Er galt als verklemmt und war ein schlechter Schüler, hatte im vergangenen Jahr jedoch den Realschulabschluss geschafft und danach eine Lehre angetreten. Tim K. soll sich früher von einer Lehrerin «gemobbt» gefühlt haben: «Er hat sie regelrecht gehasst, wie Frauen allgemein», so ein Nachbar der Familie zu «Bild».

Am Tag darauf, am 13. März, interviewt «Bild» dazu Dieter Lenzen, den Präsidenten der Freien Universität Berlin. Der Erziehungswissenschaftler erklärte: «Die Jungen sind die Verlierer im deutschen Bildungssystem.» Und er wusste auch schon warum: «Vor allem die Tatsache, dass Jungen schon in der Grundschule meistens von Lehrerinnen unterrichtet werden, verhindert, dass sie eine männliche Identität ausbilden können.»

Eine «männliche Identität» - was ist das? Wohin die Verunsicherung eines Mannes führen kann, zeigte am 6. Dezember 1989 in Kanada Marc Lepine. Der 25-Jährige stürmte einen Unterrichtsraum der Montrealer Ecole Polytechnique mit dem Ruf: «Ich will die Frauen!» Sodann erschoss er 14 Ingenieur-Studentinnen und schrie: «Ihr seid Feministinnenpack. Ich hasse Feministinnen!» Am Schluss tötete er sich selbst. Der zwischen verschiedenen Männlichkeitsmodellen zerrissene Sohn einer Kanadierin und eines Algeriers war ein arbeitsloser Elektriker, der nicht an der Ingenieursschule angenommen worden war.

Parallelleben in virtueller Welt

Auch der Jugendliche Tim K. scheint in der Tat als Mann verunsichert gewesen zu sein. Doch es gibt keine Anzeichen dafür, dass es ihm an männlichen Vorbildern mangelte. Im Gegenteil, sein Vater inszeniert sich offensichtlich als He-Man: Er gilt als «Waffennarr», ist Mitglied des örtlichen Schützenvereins, besitzt total 15 Waffen, und in seinem Waffenschrank fand die Polizei 4600 (!) Schusspatronen. Der Sohn, der häufig mit dem Vater Schiessübungen machte, entwendete die 15. Waffe und Hunderte von Patronen dazu. Das hätte noch für viele Menschen gereicht.

Tim K. befand sich seit seiner Musterung in psychiatrischer Behandlung, er brach die Therapie jedoch nach fünf Sitzungen ab. Der 17-Jährige soll «Depressionen» gehabt haben. Wir alle kennen depressive Frauen. Morden sie? Nein, höchstens sich selbst.

Es ist keineswegs eine Überraschung, dass der unauffällige Tim K. Porno- und Gewaltvideos konsumierte und täglich Stunden im Internet surfte. Seit er das tat, soll er sich verändert haben. Vielleicht sollte also statt über seine Lehrerinnen eher über sein Parallelleben in einer virtuellen Welt voller gewalttätiger Helden nachgedacht werden?

Schon im Frühling 2007 schlug der Münchner Neuropsychologe Henner Ertel Alarm. Sein «Institut für rationelle Psychologie» macht seit 30 Jahren Langzeitstudien zu den Auswirkungen von Pornografie. Bei der Auswertung der Daten stellten die Wissenschaftler «eine dramatische Entwicklung in den letzten fünf Jahren» fest: «Was da auf unsere Gesellschaft zukommt, ist das Grauen.» Die Psychologen registrierten veränderte Verhaltensweisen - «Gewalt ist heute ein legitimes Mittel, Ansprüche durchzusetzen» - und die Neurologen Veränderungen im Gehirn: «Das Gehirn passt seine Verarbeitungsstrategien an und schützt sich gegen die Flut von Gewalt und Pornografie durch Abstumpfung.» Professor Ertel: «Emotionale Intelligenz und Empathiefähigkeit haben bei den Jugendlichen enorm abgenommen. Sexualität ist heute für die Mehrheit der jungen Männer, aber auch für viele junge Frauen unlösbar mit Gewalt verknüpft.»

In quasi allen Fällen von Männergewalt in Friedenszeiten spielt der Männlichkeitswahn eine zentrale Rolle. Die männlichen Allmachts- und Todesfantasien sind das Dynamit. Da kann eine - vermeintliche - Kränkung durch eine Frau zum auslösenden Funken werden.

Das Böse ist mitten unter uns

Diese Jungen sind wandelnde Zeitbomben. Und es ist zu befürchten, dass Tim K. aus dem Eigenheim in der idyllischen schwäbischen Kleinstadt nicht der letzte Amokläufer war. Wie aber kann verhindert werden, dass diese «Verlierer» zu Verbrechern werden? Ganz sicher nicht durch ein Mehr an Männlichkeit, wie Professor Lenzen es fordert, sondern nur durch das Gegenteil: durch ein Mehr an Menschlichkeit!

Auf der ersten Pressekonferenz nach der Tat erhob ein hilfloser Polizeichef die Forderung nach Einlass-Chips für Schulen. Er scheint immer noch nicht verstanden zu haben, dass das Böse nicht von draussen kommt. Es sind unsere eigenen Söhne, Nachbarn und Mitschüler, die zu Vergewaltigern und Mördern werden. Wir können uns vor diesen ausrastenden Jungen mitten unter uns nicht schützen. Wir können sie nur vor sich selbst schützen. Das Rezept heisst: aufmerksame, zugewandte Eltern und Lehrerinnen, mehr Psychologen und Sozialarbeiter in Schulen und Jugendhäusern - sowie eine Erziehung nicht etwa zum Selbstmitleid und zur «Männlichkeit», sondern zur Mitleidensfähigkeit und Menschlichkeit. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.03.2009, 08:39 Uhr

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31 Kommentare

Beate Klamm

18.03.2009, 11:24 Uhr
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Wieso nur wird dieser Frau immer wieder ein Podium gegeben? Sie war mal gut, lang ist's her, aber seit den 80ern schreibt sie bloss noch Peinlichkeiten oder im besten Fall kräftig à la Schwarzer eingefärbte Trivialitäten wie obigen Text. Alice Schwarzer, die schlicht denkende Übermutter der Frauen und autoritäre Sachwalterin von deren Interessen, Fehlern und Pflichten, hat ausgedient. Antworten


Marcel Aegerter

18.03.2009, 08:55 Uhr
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Mangelnde Sozialkompetenz der Eltern ist das Problem. Viele Kinder erhalten heute keine Werte mehr vermittelt, weil schon die Eltern dem Wertezerfall erlagen: Kommerz, Konsum, das schnelle Leben. Was für Werte wollen solche Eltern ihren Kindern noch vermitteln ? Kinder brauchen viel Liebe und kreativen Input. Viele Eltern wissen leider nicht mehr, was ihre Kinder an Rüstzeug fürs Leben brauchen. Antworten



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