Panorama

Am digitalen Pranger

Eine Welpenkillerin verstört die Internet-Community. Wie diese reagiert, ist ebenso verstörend.

Wird von der Internetgemeinde gejagt: Die jugendliche Tierquälerin, die grölend sechs Hundewelpen in einen reissenden Fluss wirft.

Wird von der Internetgemeinde gejagt: Die jugendliche Tierquälerin, die grölend sechs Hundewelpen in einen reissenden Fluss wirft.
Bild: Youtube

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Auch sie zog sich den Hass der Internetgemeinde zu: Die Britin, die eine Katze in eine Mülltonne steckte.

Die Bilder schockieren. Da schmeisst ein unbekanntes Mädchen grölend sechs Hundewelpen in einen reissenden Fluss. Die Tiere ertrinken mit hoher Wahrscheinlichkeit elendiglich. Das Video geistert seit ein paar Tagen im Internet herum. Ob es echt ist, weiss niemand.

Trotzdem fahnden mittlerweile Menschen auf der ganzen Welt nach der Tierquälerin. Auf Facebook drohen sie: «Man sollte sie fesseln, in einen Fluss werfen und dann erschiessen.» Oder: «Die Haut sollte man ihr vom Leibe reissen.» Schon werden Namen von möglichen Täterinnen veröffentlicht, die auf den ersten Blick rein äusserlich wenig mit der Frau im Film zu tun haben.

Mehrere Verdächtige werden belästigt

Aktuell am Web-Pranger steht eine 19-jährige Deutsche. Mit Name, Adresse und Telefonnummer. Auch wo sie zur Schule geht, erfährt man, und in welcher Mannschaft sie Volleyball spielt. Eine anderes Mädchen, das verdächtigt wird, die scheussliche Tat begangen zu haben, kommt aus Kroatien. Ihre persönlichen Daten sind ebenfalls im Netz für alle einsehbar. Auch so können Existenzen zerstört werden.

Vor einem Jahr sprang in England eine 15-Jährige in den Tod, nachdem sie monatelang auf Onlineplattformen gehänselt wurde. In den USA erhängte sich 2003 ein 13-jähriger Bub; er hielt die Gerüchte, die im Internet über ihn kursierten, nicht mehr aus (TA vom 27. 8.). In Südkorea sah sich der Staat gezwungen, strengere Kontrollen einzuführen: Die Anfeindungen im Cyberspace hatten eine regelrechte Selbstmordwelle ausgelöst.

Kopfgeld von Tierschützern

Die Hetzjagd nach der Welpenkillerin ist im vollen Gange: «Findet sie, vergewaltigt sie, tötet sie!» Dass es ein verschmähter Liebhaber sein könnte, der aus Rache einen Namen ins Netz stellt, scheint die selbst ernannten Internetpolizisten nicht zu interessieren. Zusätzlich motiviert wird der Mob von der Tierschutzorganisation Peta, die gestern ein Kopfgeld von 2000 Dollar ausgesetzt hat. Und von den Medien, die permanent Updates darüber liefern, in welchen Privathaushalt die jüngste heisse Spur gerade führt.

Ähnliches ereignete sich vor rund einer Woche in England. Dort wurde eine Hausfrau von einer privaten Überwachungskamera dabei gefilmt, wie sie eine Katze in eine Mülltonne steckte. Weltweit war die Empörung riesig, es gab Morddrohungen. Als die Frau schliesslich gefunden war, entschuldigte sie sich in aller Öffentlichkeit. Trotzdem kann sie bis heute ihr Haus nur unter Polizeischutz verlassen. Nur will sie das gar nicht mehr; seit gestern ist die Bankangestellte krankgeschrieben.

Dynamischer Mob

Harmlos erscheint da die Story von der Schweizerin, die unlängst ihre Astronautinnen-Karriere mit etwas Würze aufgepeppt und damit die Medien an der Nase herumgeführt hatte. Trotzdem hat auch sie Morddrohungen erhalten.

Was aber treibt die Menschen dazu, im Internet andere zu jagen? Bestimmt ist es das anonyme Umfeld, in welchem ohne Furcht vor Konsequenzen übelste Drohungen ausgestossen werden können. Dazu kommt eine alte Weisheit: In der (Facebook-)Gruppe ist man stark. Der Mob ist dynamisch, der Griff zum virtuellen Totschläger fällt leichter, wenn die Masse ihr Urteil gefällt hat. Klar wird täglich viel Schrott gepostet, wovon das meiste virtuelles Gedankenspiel bleibt. Werden jedoch Privatadressen veröffentlicht, wird die Gefahr ziemlich bald real.

So scheint es eine Frage der Zeit zu sein, bis die erste Unschuldige oder Schuldige von einer wütenden Meute gelyncht wird. Wer im Internet Rufmord begeht, wird bestraft. Der Schaden, den er angerichtet hat, lässt sich freilich nicht mehr rückgängig machen. Der Ball liegt bei der Community: Sie muss sich der Konsequenzen ihres Tuns bewusst werden.

Die Bilder der winselnden Welpen schockieren, keine Frage. Noch verstörender jedoch ist die unheimliche Fortsetzung dieser Geschichte im Internet. Es bleibt zu hoffen, dass sie dort bleibt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.09.2010, 20:59 Uhr

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10 Kommentare

Franz Egglin

30.03.2011, 00:25 Uhr
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Einfach nur wiederlich! Antworten


Ruedi Küng

02.09.2010, 10:42 Uhr
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Die Bilder sind grausam, keine Frage. Aber das Töten und Ersäufen von Welpen oder Kätzchen hat auch hierzulande Tradition. Was machen wohl hiesige Bauern seit Generationen, falls sich nicht genügend Abnehmer für den vielen Nachwuchs der Bauernhofkatzen und Hofhunden finden? Antworten


Peter Grass

02.09.2010, 09:58 Uhr
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...und zum Mittagessen winkt den Empörten aus der Tellermitte ein Tier. Oder das, was es einmal war. Übrigens auch vegetarische Blumenpflücker sind Massenmörder, sie trampeln Milliarden von Mikroben zu Tode, und sogar Schafe sind eigentlich Carnivoren. Eine Welt voller Schmerz, frei nach Heidegger. Antworten


Christoph Geiser

02.09.2010, 09:36 Uhr
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Das ist ja nichts neues. Die Fichenaffäre ging auch in diese Richtung. Nicht so öffentlich, aber wie viele deswegen Nachteile erleiden mussten, bleibt offen. Nirgendwo bringen sich so viele Menschen um wie bei uns, auch ohne den Einfluss des Internets. Oder wie war das bei Armeechef Naef? Keiner ist besser wie der andere. Antworten


Tom Müller

02.09.2010, 09:20 Uhr
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Sorry, wer so etwas grausames tut und so wenig Respekt vor wehrlosen Lebewesen hat, hat absolut nichts anderes verdient. Antworten


Rolf Bänziger

02.09.2010, 09:02 Uhr
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Ob das Video tatsächlich echt ist, sei mal dahingestellt! Auf unserer tollen Welt hat es leider "Menschen", welche viel schlimmere Greuetaten zu verantworten haben und ohne jegliche Strafe davon kommen. Ghadaffi, Rumsfeld,Berlusconi, alle religiösen+politischen Hetzer, Hamas, Siedler, Ospel.... da lohnt es sich zu intervenieren. Wenn es aber in Lynchjustiz endet, sind wir wieder alle gleich.. Antworten


beat buerki

02.09.2010, 08:41 Uhr
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herr aeschlimann, sehr guter bericht. jetzt wäre ich froh über eine ähnlich kritische herangehensweise, wenn die polizei wieder mal nach angeblichen hooligans sucht. wozu das führen kann, sieht man ja jetzt auf dramatische und plastische weise. noch vor wenigen tagen wurde man belächelt, wenn man genau das als gefahr der onlinefahndung andeutete. Antworten


Ueli Kaiser

02.09.2010, 08:07 Uhr
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Eben das ist es, diese Netzwerke müssen so schnell wie möglich geschlossen werden, die Politiker sind gefragt, bevor es zu spät ist. Da wird ständig wegen Kinderpornographie am Netz herumgedoktert, was gut ist, aber anderes ausser acht gelassen. YouTube, Facebook usw. sind extrem gefährlich, wer dort einmal registriert ist, bleibt für immer im Internet Antworten


Tschannen Werner

02.09.2010, 07:46 Uhr
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da sieht man mal wieder was für einen Einfluss sogenannte ,,Networkcommunities,, haben. Da werden ein paar Hündchen ersäuft und der Mob will Lynchjustiz. Tagein tagaus sterben Menschen an Unterernährung, Wassermangel. Erfundene Kriege töten Milionen von Zivilisten, Freiheitsberaubungen durch erfundene Gesetzte usw. Was wird gemacht? Nichts! Antworten


Ulrich Zaugg

02.09.2010, 07:32 Uhr
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Einfach verwunderlich: Menschen, die sich dem Wohle der Tiere verschrieben haben, steigern ihren blinden Eifer in unbegreifliche Wut bis hin zur Morddrohung! Selbstverständlich haben diese Hirnis da längst vergessen, was ihre Bestürzung ausgelöst hat: zutiefst schäbiges Verhalten gegenüber wehrlosen Tieren! Leute: auch der Mensch ist "nur" ein Tier! Ach,Intelligenz, wie tief bist Du gesunken! Antworten



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