Am digitalen Pranger

Von Peter Aeschlimann. Aktualisiert am 02.09.2010 10 Kommentare

Eine Welpenkillerin verstört die Internet-Community. Wie diese reagiert, ist ebenso verstörend.

Wird von der Internetgemeinde gejagt: Die jugendliche Tierquälerin, die grölend sechs Hundewelpen in einen reissenden Fluss wirft.

Wird von der Internetgemeinde gejagt: Die jugendliche Tierquälerin, die grölend sechs Hundewelpen in einen reissenden Fluss wirft.
Bild: Youtube

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Auch sie zog sich den Hass der Internetgemeinde zu: Die Britin, die eine Katze in eine Mülltonne steckte.

Die Bilder schockieren. Da schmeisst ein unbekanntes Mädchen grölend sechs Hundewelpen in einen reissenden Fluss. Die Tiere ertrinken mit hoher Wahrscheinlichkeit elendiglich. Das Video geistert seit ein paar Tagen im Internet herum. Ob es echt ist, weiss niemand.

Trotzdem fahnden mittlerweile Menschen auf der ganzen Welt nach der Tierquälerin. Auf Facebook drohen sie: «Man sollte sie fesseln, in einen Fluss werfen und dann erschiessen.» Oder: «Die Haut sollte man ihr vom Leibe reissen.» Schon werden Namen von möglichen Täterinnen veröffentlicht, die auf den ersten Blick rein äusserlich wenig mit der Frau im Film zu tun haben.

Mehrere Verdächtige werden belästigt

Aktuell am Web-Pranger steht eine 19-jährige Deutsche. Mit Name, Adresse und Telefonnummer. Auch wo sie zur Schule geht, erfährt man, und in welcher Mannschaft sie Volleyball spielt. Eine anderes Mädchen, das verdächtigt wird, die scheussliche Tat begangen zu haben, kommt aus Kroatien. Ihre persönlichen Daten sind ebenfalls im Netz für alle einsehbar. Auch so können Existenzen zerstört werden.

Vor einem Jahr sprang in England eine 15-Jährige in den Tod, nachdem sie monatelang auf Onlineplattformen gehänselt wurde. In den USA erhängte sich 2003 ein 13-jähriger Bub; er hielt die Gerüchte, die im Internet über ihn kursierten, nicht mehr aus (TA vom 27. 8.). In Südkorea sah sich der Staat gezwungen, strengere Kontrollen einzuführen: Die Anfeindungen im Cyberspace hatten eine regelrechte Selbstmordwelle ausgelöst.

Kopfgeld von Tierschützern

Die Hetzjagd nach der Welpenkillerin ist im vollen Gange: «Findet sie, vergewaltigt sie, tötet sie!» Dass es ein verschmähter Liebhaber sein könnte, der aus Rache einen Namen ins Netz stellt, scheint die selbst ernannten Internetpolizisten nicht zu interessieren. Zusätzlich motiviert wird der Mob von der Tierschutzorganisation Peta, die gestern ein Kopfgeld von 2000 Dollar ausgesetzt hat. Und von den Medien, die permanent Updates darüber liefern, in welchen Privathaushalt die jüngste heisse Spur gerade führt.

Ähnliches ereignete sich vor rund einer Woche in England. Dort wurde eine Hausfrau von einer privaten Überwachungskamera dabei gefilmt, wie sie eine Katze in eine Mülltonne steckte. Weltweit war die Empörung riesig, es gab Morddrohungen. Als die Frau schliesslich gefunden war, entschuldigte sie sich in aller Öffentlichkeit. Trotzdem kann sie bis heute ihr Haus nur unter Polizeischutz verlassen. Nur will sie das gar nicht mehr; seit gestern ist die Bankangestellte krankgeschrieben.

Dynamischer Mob

Harmlos erscheint da die Story von der Schweizerin, die unlängst ihre Astronautinnen-Karriere mit etwas Würze aufgepeppt und damit die Medien an der Nase herumgeführt hatte. Trotzdem hat auch sie Morddrohungen erhalten.

Was aber treibt die Menschen dazu, im Internet andere zu jagen? Bestimmt ist es das anonyme Umfeld, in welchem ohne Furcht vor Konsequenzen übelste Drohungen ausgestossen werden können. Dazu kommt eine alte Weisheit: In der (Facebook-)Gruppe ist man stark. Der Mob ist dynamisch, der Griff zum virtuellen Totschläger fällt leichter, wenn die Masse ihr Urteil gefällt hat. Klar wird täglich viel Schrott gepostet, wovon das meiste virtuelles Gedankenspiel bleibt. Werden jedoch Privatadressen veröffentlicht, wird die Gefahr ziemlich bald real.

So scheint es eine Frage der Zeit zu sein, bis die erste Unschuldige oder Schuldige von einer wütenden Meute gelyncht wird. Wer im Internet Rufmord begeht, wird bestraft. Der Schaden, den er angerichtet hat, lässt sich freilich nicht mehr rückgängig machen. Der Ball liegt bei der Community: Sie muss sich der Konsequenzen ihres Tuns bewusst werden.

Die Bilder der winselnden Welpen schockieren, keine Frage. Noch verstörender jedoch ist die unheimliche Fortsetzung dieser Geschichte im Internet. Es bleibt zu hoffen, dass sie dort bleibt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.09.2010, 20:59 Uhr

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10 Kommentare

Tom Müller

02.09.2010, 09:20 Uhr
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Sorry, wer so etwas grausames tut und so wenig Respekt vor wehrlosen Lebewesen hat, hat absolut nichts anderes verdient. Antworten


Ruedi Küng

02.09.2010, 10:42 Uhr
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Die Bilder sind grausam, keine Frage. Aber das Töten und Ersäufen von Welpen oder Kätzchen hat auch hierzulande Tradition. Was machen wohl hiesige Bauern seit Generationen, falls sich nicht genügend Abnehmer für den vielen Nachwuchs der Bauernhofkatzen und Hofhunden finden? Antworten



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