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Der tote Drogenboss gibt Rätsel auf
Von Sandro Benini. Aktualisiert am 13.10.2012
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Die mexikanischen Ordnungshüter scheinen die fatale Neigung zu haben, ihre grössten Triumphe eigenhändig in ein schiefes Licht zu rücken. Das war schon im Dezember 2009 so, nachdem sie in der Stadt Cuernavaca Arturo Beltrán Leyva, den gefürchteten Boss des gleichnamigen Drogenkartells, nach einem mehrstündigen Feuergefecht erschossen hatten.
Später tauchten Fotos auf, welche die Leiche mit blutigen Dollarnoten beklebt zeigten. «All dein Geld nützt dir jetzt nichts mehr», lautete die Botschaft. Die an der Erstürmung von Beltrán Leyvas Luxuswohnung beteiligten Marinesoldaten hatten sich zu einem Erniedrigungsritual hinreissen lassen, wie es bei der Drogenmafia üblich ist. Die Öffentlichkeit fragte sich, ob sie moralisch auf dasselbe Niveau abgesunken waren.
Nur ein Leibwächter begleitete den Boss
Am vergangenen Sonntag konnte die Staatsgewalt ihren wohl grössten Erfolg seit dem Ausbruch des mexikanischen Drogenkrieges im Jahre 2006 feiern: Bei einer Schiesserei im nördlichen Bundesstaat Coahuila töteten Soldaten Heriberto Lazcano alias «El Lazca», den legendären Chef der Kriminellenorganisation Los Zetas. Lazcano gehörte zu einer militärischen Eliteeinheit, ehe er vor gut zehn Jahren die Seiten wechselte und zu einem der brutalsten Verbrecher Mexikos wurde. Dass nach dem Tod eines Capos Gerüchte aufkommen, es sei in Wirklichkeit alles ganz anders gewesen und der angeblich Getötete sei noch am Leben, ist unvermeidlich. Vollkommen überflüssig ist hingegen, dass die Behörden solchem Gemunkel durch ungeschicktes Verhalten und widersprüchliche Kommunikation noch Vorschub leisten.
Für Verwunderung sorgte schon die Tatsache, dass Lazcano am Tage seines Todes ein Baseballspiel besuchte und sich dabei von einem einzigen Leibwächter begleiten liess. Dafür zirkulieren zwei Erklärungen: Die Ermittler hatten ihn derart in die Enge getrieben, dass er gezwungen war, auf den für einen Drogenboss üblichen Begleitertross und sonstigen Pomp zu verzichten. Dieser Theorie zufolge versuchte Lazcano, sich durch alltägliche Unscheinbarkeit zu tarnen. Oder er fühlte sich dank der Bestechung hochrangiger Sicherheitsfunktionäre derart unangreifbar, dass er glaubte, sich in Coahuila völlig sorglos bewegen zu können.
Ein Kommando stahl die Leiche
Wie auch immer: Die sechs Marinesoldaten, die aufgrund eines anonymen Hinweises im Baselballstadion aufmarschierten und Lazcano sowie seinen Leibwächter nach einem zwanzigminütigen Gefecht erschossen, hatten keine Ahnung, welcher Schlag gegen das organisierte Verbrechen ihnen geglückt war. Auch die Staatsanwaltschaft und die Polizei gingen zunächst davon aus, es mit zwei unbedeutenden Drogenmafiosi zu tun zu haben. Deshalb wurde Lazcanos Leichnam nach der Autopsie in einem privaten Bestattungsinstitut aufbewahrt. Erst als in der Nacht von Montag auf Dienstag ein bewaffnetes Kommando die Herausgabe des Körpers erzwang, kam bei den Behörden der Verdacht auf, es könnte sich um einen grossen Fisch handeln. Die Auswertung der Fingerabdrücke sowie eine DNA-Analyse lieferten den Beweis. «Hätten wir gewusst, wer da im Sportstadion sass, wären wir natürlich mit einem Grossaufgebot ausgerückt», sagte ein Sprecher der mexikanischen Regierung.
Der Leichnam ist zwanzig Zentimter zu gross
Nun schieben sich die Marine und die Polizei von Coahuila gegenseitig die Schuld am Verschwinden des Leichnams zu. Wer hatte den Gefolgsleuten gesteckt, wo der tote Zeta-Chef hingebracht worden war? Für zusätzliche Gerüchte sorgt ein weiterer Umstand: Als sich Lazcano mit 18 Jahren als Rekrut meldete, massen die Aushebungsärzte eine Körpergrösse von 1.60 Metern. Warum war dann der obduzierte Leichnam 1.80 Meter gross? «Es ist nicht auszuschliessen, dass er noch gewachsen ist», behauptete ein Sprecher der Marine. Darauf beteuerten mehrere Orthopäden, ein Wachstumsschub von 20 Zentimetern nach dem achtzehnten Lebensjahr sei völlig ausgeschlossen. Genauso wenig sei es möglich, einen Körper durch eine Operation oder sonstige Methoden derart in die Länge zu ziehen.
Das Rätsel um die verschwundene Fanny
Zu reden gibt schliesslich die Fotografie einer jungen Frau, die Lazcano im Moment seines Todes auf sich trug. Angeblich handelt es sich dabei um Silvia Sánchez, genannt Fanny, die 2004 im Alter von 16 Jahren entführt wurde. Die Familie hat nie aufgehört, nach der Verschwundenen zu suchen. Dabei erhielt sie immer wieder anonyme Hinweise, wonach sich Fanny in ihren Kidnapper verliebt habe, Mutter geworden sei und unerkannt in Texas lebe. Und dieser Kidnapper sei niemand anderer als Heriberto Lazcano. Nach dessen Tod erhielt Fannys Mutter ein Foto zugespielt, auf dem der Verbrecher in Begleitung einer jungen Frau zu sehen ist. Die Ähnlichkeit mit dem Entführungsopfer scheint zwar gross, doch ist die Aufnahme zu verschwommen, um mit letzter Sicherheit zu sagen, dass es sich tatsächlich um Fanny handelt. Nun bittet die verzweifelte Mutter die Facebook-Gemeinschaft um Hilfe. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 13.10.2012, 10:25 Uhr
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