Interview

«Die Hauptstrasse nach Boston ist leer»

Hamsterkäufe, Schneeschaufeln, Fahrverbot: Die Schweizerin Meret Horn, die in der Nähe von Boston lebt, schildert ihre Eindrücke des Wintersturms Nemo.

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Frau Horn, Sie leben in Arlington in der Nähe von Boston. Wie sieht es dort zurzeit aus?
Alles ist weiss – überall liegt Schnee. Arlington ist ein typischer amerikanischer Vorort mit vielen Einfamilienhäusern und Gärten. Die Einwohner sind verpflichtet, vor ihren Häusern die Trottoirs freizuschaufeln. Wo man hinblickt, sind jetzt alle daran, den Schnee zu räumen. Die Strassen wurden zwar von den Räumungstrupps gepflügt, aber auf den Trottoirs gibt es nur ganz schmale schneefreie Wege für die Fussgänger. Die grosse, vierspurige Hauptstrasse nach Boston, die normalerweise immer stark befahren ist, ist jetzt einfach leer. So lässt sich die Situation zusammenfassen: Überall liegt Schnee, und die Strassen sind wie leergefegt.

Waren Sie heute draussen?
Ja, wir waren am frühen Morgen draussen und haben den Weg freigeschaufelt, damit wir überhaupt aus dem Haus kamen. Auf den Strassen waren vergleichsweise viele Familien zu sehen, die vor ihren Häusern geschlittelt haben. Viele haben Fotos von diesem ungewöhnlichen Naturereignis gemacht. Meine Gastmutter sagt, es habe seit dem Jahr 2002 nicht mehr so stark geschneit.

Wie viel Schnee liegt denn in Arlington?
Der Schnee reicht mir bis über die Knie. Dort, wo die Räumungsmaschinen die Strassen gepflügt haben, liegt er auf den Trottoirs meterhoch.

Und in welchem Bereich bewegen sich die Temperaturen?
Im Moment ist es zwar «nur» minus sieben Grad. Aber wegen des starken Windes fühlt sich das noch viel kälter an.

In der Region Boston herrscht ein Fahrverbot – wer dagegen verstösst, kann sogar zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wird. Wird das Verbot eingehalten?
Gestern Morgen war ich noch mit dem Auto unterwegs; das Verbot galt ab dem Nachmittag, weil es erst dann stark zu schneien begonnen hat. Das ist das Spezielle an diesem Sturm: Er ist von einem Moment auf den anderen gekommen. Die Menschen in Arlington halten sich an das Fahrverbot – die Strassen sind richtiggehend ausgestorben. Es wäre auch gefährlich, mit dem Fahrzeug unterwegs zu sein: Selbst dort, wo gepflügt wurde, liegt schnell wieder Schnee, denn der Wind verweht den feinen Pulverschnee in alle Richtungen. Und zudem mussten viele ihre Autos zuerst ausbuddeln.

In Boston wurden die Geschäfte regelrecht gestürmt. Die Menschen wollten auf die Schliessung der Lebensmittelläden vorbereitet sein. Hat Ihre Gastfamilie sich auch mit Vorräten eingedeckt?
Ja, das war auch bei uns so. Zuerst habe ich darüber gelacht, weil wir Schweizer uns ja an viel Schnee gewohnt sind. Die Läden waren aber tatsächlich voll, und die Milch war bereits ausgegangen, als wir am Donnerstag einkaufen gingen. Jetzt sind alle Läden geschlossen, und auch die Subway und die Busse fahren nicht. Bereits gestern fand kein Unterricht an den Schulen mehr statt. Das gesamte öffentliche Leben ist zum Erliegen gekommen.

Wie haben sich die Menschen ausser den Hamsterkäufen auf den Blizzard vorbereitet?
Viele haben ihre elektrischen Schneepflüge einsatzbereit gemacht, und vor den Tankstellen haben sich lange Schlangen gebildet.

Wie sind in Ihrer Region die Wetteraussichten für die kommenden Tage?
Bereits jetzt hat es aufgehört zu schneien, und nächste Woche sollte sich die Wetterlage gemäss Prognose stark verbessern. Zudem soll es wieder wärmer werden.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.02.2013, 22:38 Uhr

Erlebt ein aussergewöhnliches Naturereignis: Die 20-jährige Meret Horn aus Rorbas im Kanton Zürich lebt für ein Jahr als Au-pair in Arlington bei Boston.

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