Panorama
«Die Zerstörung ist gewaltig»
Artikel zum Thema
- Warum es in Neuseeland nicht 250'000 Tote gab
- Was den 350'000 Einwohnern noch bleibt
- Nach dem Erdbeben folgte das nächste Unglück
Stichworte
Das mit 7,1 auf der Richterskala folgenschwerste Erdbeben in fast 90 Jahren erschütterte die neuseeländische Südinsel am Samstagmorgen um 4.36 Uhr Ortszeit. Es sei ein «riesiges Glück, dass dabei niemand ums Leben gekommen ist», meinte der Chef der Zivilschutzbehörde, John Hamilton.
Bis zum Sonntagabend meldeten die Behörden zwei Schwerverletzte. Ein Mann starb an einem Herzinfarkt. Das Ausmass der Schäden an Infrastruktur und Gebäuden in der historischen Stadt Christchurch dagegen ist enorm. Mehr als 500 Geschäftshäuser wurden beschädigt; bis zu 20 Prozent aller Häuser der Stadt sind ersten Untersuchungen zufolge unbewohnbar.
250 Bewohner mussten die Nacht auf Sonntag in Notunterkünften verbringen, weil ihre Häuser komplett zerstört sind. Im Vorort Kaiapoi sind die Strassen aufgerissen und mehrere Gebäude in der Mitte auseinander- gebrochen. «Mein Haus ist in drei Teile gespalten», sagte Steve Davies gegenüber den Medien. Schwere Schäden richtete das Erdbeben auch an der Wasserversorgung und der Kanalisation an. Viele Strassen sind überschwemmt, die Versorgung mit Frischwasser war am Sonntagabend erst teilweise wieder hergestellt. Das Epizentrum des Erdbebens lag in zehn Kilometer Tiefe etwa 40 Kilometer westlich von Christchurch. In der Nacht und am Sonntag kam es zu einer Reihe von Nachbeben. Das schwerste erreichte die Stärke 5,4.
Ausgangssperre verhängt
Nachdem die Behörden wegen Plünderungen und der Gefahr einstürzender Gebäude am Samstag eine Ausgangssperre verhängt hatten, wurden am Sonntag einzelne Geschäftsleute in die Innenstadt gelassen. «Wohin auch immer ich schaue – die Zerstörung ist gewaltig», meldete Peter Townsend von der Handelskammer Christchurch. Am Sonntag erklärte die Stadtbehörde, der Zugang zur Innenstadt werde auch am Montag nicht gestattet, während Rettungskräfte in den Trümmern weiter nach möglichen Verschütteten suchen. Orkanartige Winde behinderten die Aufräumarbeiten. Es werde mindestens ein Jahr dauern, bis die Schäden behoben seien, meinte Premierminister John Key, der das Gebiet noch am Samstag in-spizierte.
Kurze Zeit später wurde er zu einer weiteren Katastrophe gerufen. Nur Stunden nach dem Erdbeben stürzte in der Nähe des ebenfalls auf der Südinsel gelegenen Fox-Gletschers ein Flugzeug ab. Neben einer Frau aus Baden-Württemberg starben drei Touristen aus Irland, Grossbritannien und Australien, vier Fallschirmsprunglehrer und der Pilot. Die Ursache des Unglücks ist nicht bekannt.
Schlimmeres steht bevor
Neuseeland ist eines der geologisch aktivsten Gebiete der Welt, erklärt Brad Scott von der Vulkanbeobachtungsbehörde Geonet Project in Rotorua. Als Teil des sogenannten pazifischen Rings des Feuers schiebt sich vor der Nordinsel Neuseelands die Pazifische Platte von Osten her unter die Australische Platte. Das führt in der Erdkruste zum Aufbau gewaltiger Mengen Energie, die sich in Form von Erdbeben entladen. Laut dem Vulkanologen und Experten für Naturkatastrophen gibt es pro Jahr in Neuseeland rund 15 000 Erdbeben, die meisten sind aber kaum spürbar.
Das letzte folgenschwere Erdbeben kostete 1931 in der Stadt Napier mehr als 250 Menschen das Leben. Das stärkste Beben der jüngeren Geschichte ereignete sich 2009 in der dünn besiedelten Region Fjordland im Süden der Südinsel Neuseelands. Es erreichte die Stärke 7,8. Seismologen errechneten damals, die Südspitze Neuseelands habe sich durch die Wucht der Erdstösse 30 Zentimeter näher an Australien herangeschoben.
Verschiedene neuseeländische Experten glauben, dass dem Land ein noch grösseres Erdbeben bevorsteht. Der Geologe Richard Norris von der Universität Otago prognostiziert, die Inselnation werde innerhalb der nächsten 50 Jahre von einem Beben der Stärke 8 erschüttert. «Das von gestern war nicht das grosse Beben», warnte der Experte am Sonntag. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.09.2010, 07:14 Uhr



