Panorama
Die nackte Begeisterung
Von Reto Hunziker. Aktualisiert am 03.02.2010 48 Kommentare
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Frauen von nebenan
Im Vergleich zu den früheren Seite 3-Fotos, welche hauptsächlich eingekaufte Bilder einer Agentur waren, zeigen die jetzigen Fotos auf Seite 1 «echte» Girls. Durch das Foto, das die Halbnackt-Models ungeschminkt zeigt und das neben dem Sexy-Bild steht, erhält das heutige «Blick»-Girl einen «Make-Over»-Charakter, sprich man sieht den Vorher-Nachher-Vergleich. Dabei überrascht immer wieder der grosse Kontrast zwischen der geschminkten und der ungeschminkten Variante. Gemäss Hackh wird dabei aber nicht extra nachgeholfen: «Die Vorher-Bilder sind teilweise Bewerbungsbilder der Kandidatinnen, aber in keinem Fall nachbearbeitet.» Die Frauen erhalten für das Shooting auch kein Geld. «Für Spesen werden sie mit 200 Franken entschädigt», so Hackh, «ausserdem kriegen sie Abzüge der professionellen Fotos».
Sie sind keine Models. Sie haben keine Traummasse. Und doch zeigen sie sich halbnackt Tausenden von Lesern. Jeden Tag entblättert sich im Boulevardblatt «Blick» der «Star des Tages» auf Seite 1. Ganz normale Frauen zwischen 18 und 35, Frauen, die unsere Nachbarinnen sein könnten. Und auch wenn sich heute im Internet jeder kostenlos Pornographie beschaffen kann – die Seite-1-Girls des «Blick» erfreuen sich grosser Beliebtheit.
«Es ist eine Erfolgsstory», sagt Ringier-Sprecher Stefan Hackh. Aktuell lägen ein paar hundert Bewerbungen auf dem Pult der «Blick»-Girl-Macher, sowohl von Doktorandinnen als auch von Verkäuferinnen. «Das Blick-Girl auf Seite 1 ist einer der auffälligsten Punkte des Relaunchs im letzten Jahr», sagt Hackh. Man habe von Leserseite nur positive Reaktionen darauf erhalten.
Aufmerksamkeit und Anerkennung
Wehrten sich Frauen früher noch mit Händen und Füssen, um nicht als Sexobjekt zu gelten, machen sie es heute freiwillig. Wie kommt das?
«Angesichts der sexualisierten Zeit, in der wir leben, ist der Erfolg der «Blick»-Girls nicht erstaunlich», sagt Dominique Grisard vom Zentrum für Gender Studies an der Universität Basel. «Das ist Teil eines Zeitphänomens: Sich sexy zu geben, bedeutet heute, selbstbewusst zu sein.» Der Körper werde, sowohl bei Männern als auch bei Frauen, vermehrt als Kapital eingesetzt. Sich offenherzig zu zeigen, sei eine Form der Selbstverwirklichung. «Die Blick-Girls wollen diese paar Sekunden Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit wird dabei oft mit Anerkennung verwechselt», so Grisard. Auch hätten sie womöglich das Gefühl von Macht. Früher waren freizügige Fotos ein Zeichen der Unterdrückung. Heute ist das gemäss Grisard anders. «Das Tabu ist nicht mehr, sich nackt ablichten zulassen. Tabu ist vielmehr, sich und anderen einzugestehen, dass man es nicht nur selbstbestimmt tut.» Immerzu sexy sein zu wollen, sei zu einer gesellschaftlichen Anforderung an Frauen geworden.
«Patriarchale Gehirnwäsche»
Ganz andere Worte findet die Psychologin und Feministin Julia Onken. Sie findet die erotischen Fotos nicht so unproblematisch: «Hier hat die patriarchale Gehirnwäsche ganze Arbeit geleistet», so Onken. Diese nämlich habe Frauen dazu gebracht, sich über die Bewirtschaftung von Weiblichkeit zu definieren. «Ganz nach dem Motto: Ich werde begehrt, also bin ich.» Die Frauen beschränkten sich darum auf die einfachste Möglichkeit, sich darzustellen. «Dahinter steht ein archaisches Bild: Früher galt es als die Aufgabe der Frau, sich erotisch zu präsentieren, um überhaupt wahrgenommen zu werden.»
Warum sich viele Frauen als «Blick»-Girl bewerben, kann Onken darum nicht verstehen. «Einige Frauen haben anscheinend immer noch nicht begriffen, dass das Kapital nicht im Körper, sondern im Hirn liegt.» Sie habe die Profile der «Blick»-Girls studiert, sagt Onken, und dabei sei ihr aufgefallen, dass die meisten von ihnen Wünsche äusserten, die andere für sie erfüllen müssen, etwa eine Villa oder eine Weltreise. «Offenbar gehen die Frauen nicht davon aus, dass sie diese Ziele selbst erreichen könnten», so Onken.
Ob modern oder archaisch: Der Trend, sich zu präsentieren, sei es auf der Seite 1 eines Boulevardblatts oder bei einer Castingshow, und den eigenen Augenblick der Aufmerksamkeit zu geniessen, scheint ungebrochen. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 03.02.2010, 09:57 Uhr
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48 Kommentare
Frau Onken hat ein spezifisches Problem,.Sie will andern Frauen erklären was man tut und was nicht. Und dass nicht der Körper wichtig ist, sondern das Hirn. Sicher nicht falsch, nur die andern Leute treffen ihre Entscheidungen ganz sicher mit dem Hirn und nicht mit dem Körper. Darüber hinaus was hat sich Frau Onken über Fotos die Ihr nicht zusagen aufzuregen ?? Antworten
Welcher gebildete und gutaussehende (obwohl, was heisst das schon, ist ja Geschmackssache) Mann will eine Frau, die jeder 6ste Schweizer nackt gesehen hat, noch ausziehen? Man darf dann der 1`000`001ste sein? Ich finde das ganze nur noch billig. Und diese Frauen dürfen gerne Träumen. Leider hat der Feminismus versagt. Arme Schweiz, so sieht die weitere Zukunft aus... Ihhh.... Antworten
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