Die seltsam schnelle Festlegung auf eine Wahrheit

Die Untersuchung von Flugzeugunglücken dauert meist Jahre. Beim Germanwings-Absturz schien nach 48 Stunden alles klar. Ermittler und Piloten sind empört – und warnen vor fatalen Schlussfolgerungen.

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Der Ablauf widerspricht allen Regularien einer neutralen Aufklärung eines Flugzeugabsturzes. Keine 48 Stunden nachdem Unglücksflug 4U9525 von Germanwings gegen einen Berg in Südfrankreich prallte, scheint der genaue Ablauf festzustehen.

Der 27-jährige Copilot Andreas Lubitz soll sich in der Kanzel des Airbus A320 verbarrikadiert haben, als der Pilot vorübergehend das Cockpit verliess und steuerte dann als Selbstmörder und Massenmörder 149 Menschen in den Tod. Soweit das Szenario, wie es der französische Staatsanwalt Brice Robin beschreibt.

Bei anderen Abstürzen oder Zwischenfällen verstreichen Monate, bis erste Untersuchungsergebnisse veröffentlicht werden und teilweise Jahre bis zum Abschlussbericht. Aktuelles Beispiel ist ein Unglück kurz nach Weihnachten, ebenfalls mit einem Airbus A320.

Am 27. Dezember stürzte der Flieger auf dem Weg von Indonesien nach Singapur mit 162 Menschen in einem Unwettergebiet ab. Mitte Januar wurden der Datenrekorder mit Hunderten aufgezeichneten Messwerten und der Stimmenrekorder gefunden.

Auskunftsverbot für Behörde

Es gibt also erheblich mehr Material zur Auswertung als jetzt beim Germanwings-Unglück. Trotzdem ist ausser ein paar Eckwerten über die Höhe und Geschwindigkeit des Flugzeugs beim Absturz noch kein Hinweis auf die Ursache für den Crash veröffentlicht worden. Kein Wort, kein Satz.

Daher wundern sich Branchenkenner über die rätselhaft schnelle und offensichtlich eindeutige Festlegung für den Ablauf beim Germanwings-Absturz, die alleine auf der Auswertung des Stimmenrekorders, Radardaten und Funkverkehr beruhen. «Warum wurde nicht gewartet, bis hoffentlich noch der Datenrekorder gefunden wird? Das ist ein übereilter Ablauf», sagt ein Experte, der ungenannt bleiben möchte.

Die deutsche Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung in Braunschweig hat im Fall 4U9525 inzwischen ein Auskunftsverbot erhalten. Alle Informationsanfragen werden jetzt nur noch von der französischen Ermittlungsbehörde BEA (Bureau d'Enquête et d'Analyses) beantwortet. Diese Bündelung ist rechtlich zulässig. Es soll wohl verhindert werden, dass weitere Details ungeplant nach aussen dringen.

Auslöser für das Vorpreschen des französischen Staatsanwalts Brice Robin war ein Bericht der «New York Times». Die Zeitung hatte unter Berufung auf eine namentlich nicht genannte französische Militärquelle berichtet, dass sich zum Zeitpunkt des Absturzes nur ein Pilot im Cockpit der verunglückten A320 von Germanwings befunden habe.

Die Version der Staatsanwaltschaft

Offensichtlich fühlte sich die Staatsanwaltschaft unter Druck, schnell zu reagieren und lieferte weitere Details und gab damit eine Richtung vor. Dieses Vorpreschen war ungewöhnlich. Der Staatsanwalt verwies auf ein Transkript der letzten 31 Minuten des Fluges. In den ersten 20 Minuten hätten sich die zwei Piloten völlig normal miteinander unterhalten.

«Dann hört man, wie der Kapitän beginnt, das Briefing für die Landung in Düsseldorf vorzubereiten. Der Copilot antwortet darauf lakonisch.» Anschliessend bittet der Kapitän Andreas Lubitz, das Kommando zu übernehmen. Man höre, wie eine Tür zugehe. Vermutlich habe der Kapitän auf Toilette gehen wollen, so der Staatsanwalt.

«Als der Copilot allein im Cockpit war, hat er den Knopf gedrückt, um den Sinkflug einzuleiten», erklärt Robin. «Das kann nur vorsätzlich geschehen sein.» Später höre man auf der Aufzeichnung, wie der Kapitän mehrmals den Copiloten rufe, um wieder ins Cockpit eingelassen zu werden.

Doch Andreas Lubitz habe darauf nicht reagiert. Er habe kein einziges Wort von sich gegeben. «Man hört aber jemanden im Cockpit atmen. Er war also am Leben», sagt der Staatsanwalt. Das Atmen habe sich zudem völlig normal angehört und nicht so, als habe Andreas Lubitz einen Herz- oder Schwächeanfall erlitten.

Kritik an Weitergabe von Informationen

Aus den verschiedenen Komponenten, wie unbeantworteten Funkrufen, ergebe sich «zum heutigen Zeitpunkt für uns Ermittler, dass die wahrscheinlichste Interpretation ist, dass sich der Copilot bewusst geweigert hat, dem Kapitän die Tür zu öffnen, und dass er bewusst den Knopf zur Einleitung des Sinkflugs gedrückt hat. Wir wissen nicht, warum.»

Der Staatsanwalt bedauerte, dass er die Informationen über den Inhalt der Tonaufzeichnungen aus dem Cockpit erst spät erhalten habe. «Zu spät für meinen Geschmack.» Es ist seine Art zu kritisieren, dass diese Informationen bereits in der Nacht zu Donnerstag an die Presse durchsickerten.

Dabei hatte Rémi Jouty, der Chef der für die Ermittlungen der Unfallursache zuständigen Behörde BEA noch einen Tag zuvor erklärt, es dürfte Wochen, wenn nicht Monate dauern, bis Klarheit darüber bestehe, was wirklich zum Absturz der Germanwings-Maschine geführt habe.

Der frühere BEA-Chef Jean-Paul Troadec, der bis Ende 2013 an der Spitze der Behörde stand, pochte am Donnerstag auf eine sorgfältige Aufklärung. «Man muss sehr vorsichtig sein», sagte er. Was man höre, müsse «in Zusammenhang mit den anderen Informationen des Flugdatenschreibers interpretiert und analysiert werden».

Empörung auch bei Piloten

Er wisse nicht, wer Zugang zu den durchgesickerten Informationen hätte haben können, aber sie seien mit Vorsicht zu geniessen. Das BEA sei noch nicht sicher, wie sie interpretiert werden müssten. Denn die zweite Blackbox, der Flugdatenschreiber, war Freitagvormittag noch immer nicht gefunden worden.

Auch Piloten sind empört, dass es eine undichte Stelle bei den Ermittlungen gab. Das Durchsickern von Voice-Rekorder-Daten aus dem Cockpit sei eine ernsthafte Verletzung der grundlegenden, international anerkannten Regeln für die Untersuchung von Luftfahrtunfällen, kritisiert die europäische Pilotenvereinigung ECA (European Cockpit Association).

Man verstehe, dass vieles für die nun vertretene Theorie spreche, der Copilot habe das Flugzeug zerstören wollen. «Aber es gibt zum jetzigen Zeitpunkt noch immer viele unbeantwortete Fragen», gibt die Pilotenvereinigung in einem Statement zu bedenken.

Eine zeitaufwendige, gründliche und unabhängige Untersuchung sei notwendig, um künftig Katastrophen zu verhindern. Indirekt kritisierte die europäische Pilotenvereinigung auch, dass die Staatsanwaltschaft anstelle der unabhängigen Ermittler die Führungsrolle bei den Untersuchungen übernommen hat.

Pilotengewerkschaft will klagen

Ähnlich äusserte sich auch die Vereinigung Cockpit aus Deutschland. Die vorläufige Auswertung des Cockpit-Sprachrekorders gebe zwar erste Einblicke in die Vorkommnisse an Bord des Germanwings-Fluges.

Warum der Sinkflug eingeleitet wurde, bleibe aber ebenso unbeantwortet wie die Frage, warum der Copilot später nicht mehr reagiert habe. «Ebenso geben die Ausführungen der Behörden noch keine abschliessende Erklärung, warum der Kapitän später keinen Zutritt mehr in das Cockpit erlangen konnte.»

Daher müsse zügig auch der Flugdatenschreiber gefunden und ausgewertet werden. «Wir dürfen keine voreiligen Schlüsse auf der Basis von unvollständigen Informationen ziehen. Erst nach Auswertung aller Quellen werden wir wissen, was die Gründe für diesen tragischen Unfall gewesen sind», so Ilja Schulz, Präsident der Vereinigung Cockpit.

Die grösste französische Pilotengewerkschaft SNPL Alpa kündigte inzwischen an, sie werde Klage gegen unbekannt wegen Verletzung von Berufsgeheimnissen einreichen. Das Durchsickern der Informationen sei inakzeptabel, meint Gewerkschaftsmitglied Patrick Magisson.

Der A320-Pilot arbeitet selber als Sachverständiger bei Unfallermittlungen mit. Vor allem für die Familien der Opfer bedeute das, dass sie nun durch die Hölle gehen müssten.

(Von Gerhard Hegmann , Gesche Wüpper/LENA (Leading European Newspaper Alliance) in Kooperation mit «Die Welt».)

(Erstellt: 27.03.2015, 17:56 Uhr)

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