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«Eiskalter Engel» betritt lächelnd das Gericht

Der Prozess zum «Mord des Jahres» hat heute in Italien begonnen, bereits gibt es erste Bilder. Die US-Studentin Amanda Knox soll Meredith Kercher brutal ermordet haben.

1/21 Zuversichtlich: Amanda Knox während des Berufungsprozesses im Gerichtssaal. (7. September 2011)
Bild: Reuters

   

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Das «Haus des Horrors» liegt verlassen. Das Tor zu dem verwilderten Garten ist mit einer Kette abgesperrt, die Fenster sind verrammelt. Nach hinten hinaus fällt das Grundstück steil ab in eine Schlucht. Gegenüber ahnt man die Hügel, für die Umbrien berühmt ist. Bei schönem Wetter muss der Blick atemberaubend sein. Auch die vier jungen Frauen, die hier gelebt haben, haben ihn wohl genossen. Auf der Terrasse modert ein schwarzes Sofa im Regen vor sich hin. Niemand hat sich die Mühe gemacht, es ins Haus zu holen seit jenem Tag vor mehr als einem Jahr, als sich drinnen Schreckliches ereignete.

In der Nacht des 1. November 2007 wurde die britische Studentin Meredith Kercher auf bestialische Weise umgebracht. Am nächsten Tag fand man sie halbnackt in einer riesigen Blutlache mit klaffenden Stichwunden an der Kehle. Seither ist in der beschaulichen Universitätsstadt nichts mehr, wie es war. Der Mord im «Haus des Horrors» katapultierte Perugia in die globalen Schlagzeilen, hatte er sich doch in jenem Milieu ereignet, das die Stadt berühmt gemacht hat.

Auch heute ist Perugia wieder Aufmerksamkeit gewiss, aber sie ist nicht von der Art, die man sich hier wünscht. Ein Heer von Journalisten fällt ein, um in einem Renaissance-Bau die Hauptverhandlung um den mysteriösen Mord zu verfolgen. Und um die junge Frau zu sehen, die der Justiz als treibende Kraft in dem Fall gilt: die US- Studentin Amanda Knox, die mit Kercher und zwei Italienerinnen im Haus am Rande der Altstadt Perugias wohnte.

Wenig Fakten, viele Mutmassungen

Knox und ihrem damaligen Freund, dem italienischen Studenten Raffaele Sollecito (24), wirft die Anklage vor, gemeinsam mit dem Afrikaner Rudy Guede in einer Drogenorgie Kercher zuerst zu Sex gezwungen und dann umgebracht zu haben. Knox und Sollecito, beide aus bürgerlichem Elternhaus, sitzen seither im Gefängnis. Guede, ein Drogendealer aus der Elfenbeinküste, ist bereits zu 30 Jahren Haft verurteilt worden. Die DNA-Spuren des 21-Jährigen fanden sich auf der Leiche, und er gibt zu, am fraglichen Abend im Haus gewesen zu sein.

Damit aber erschöpfen sich die Fakten bereits, und das macht die Geschichte so vertrackt. Es gibt keine Beweise, nur sich widersprechende Indizien und kein Motiv. Und drei Verdächtige, die jede Schuld abstreiten. Alle drei haben auch den Fehler begangen, sich in schwere Widersprüche zu verwickeln. Amanda Knox gab zunächst an, die Nacht bei Sollecito verbracht zu haben, dann erinnerte sie sich plötzlich, zeitweise zu Hause gewesen zu sein und sogar die Schreie Merediths gehört zu haben. Sollecito wiederum behauptete, sie sei bei ihm gewesen, man habe Marihuana geraucht und geredet. Später widerrief er, und noch später kehrte er zur alten Version zurück.

Seither hält der «Mord des Jahres» Italien in Atem, bekommt mehr Aufmerksamkeit als die brutalen Verbrechen, die die Mafia begeht, hat er doch alle Zutaten, die eine saftige Geschichte braucht: Sex und Drogen, eine idyllische Kleinstadt, die in Wahrheit ein Sündenbabel ist, und eine männermordende Renaissance-Schönheit mit gespaltener Persönlichkeit.

Für die italienische Öffentlichkeit steht das Urteil bereits fest. Selbst der seriöse «Corriere della Sera» stilisierte die 21-jährige Knox zum «eiskalten Engel»: eine berechnende, aparte junge Frau, aufgewachsen im sittenstrengen Seattle, die in Italien die grosse Freiheit suchte und fand.

Als Beweis für Knox' moralische Verderbtheit dienen nicht nur abfällige Bemerkungen von Meredith Kercher über die Amerikanerin. Während Kercher als strebsame junge Frau gezeichnet wird, soll Amanda Knox ständig Männer mitgeschleppt haben, schrieb über Sexfantasien und jobbte in einem stadtbekannten Nachtklub. Auch ihre Inszenierungen im Facebook waren eher bizarr und trafen sich wohl gut mit den merkwürdigen Hobbys von Sollecito, dem Ingenieursstudenten aus Bari.

Doch auch er gilt in Italien als Opfer von einer, die in ihrem Gefängnistagebuch behauptet, bereits sieben Liebhaber gehabt zu haben. Nur: Ist das wahr oder Teil ihrer wohl beachtlichen Fähigkeit zur Selbstinszenierung? Und wenn, ist es so ungewöhnlich heute? Und wie passt dazu, dass sie Sollecito ganz romantisch auf einem Konzert kennenlernte und sich in ihn verliebte, weil er Harry Potter ähnelte?

«Ich bin unschuldig», sagt Amanda Knox, und davon sind auch ihre geschiedenen Eltern im fernen Seattle überzeugt. In ihrer Heimat wird die junge Frau mittlerweile verehrt wie ein Rockstar, überbieten sich Blogger in Verschwörungstheorien gegen die italienische Justiz, haben sich Fans sogar aufgemacht, um auf Amandas Spuren zu wandeln.

Gefunden haben sie ein verwinkeltes Kleinod auf einem Hügel, das dem Traum eines jeden Amerikaners vom alten Europa sehr nahe kommt. In Perugia studieren fast 50'000 junge Leute. Die berühmte Ausländeruniversität lockt heute Studenten aus aller Welt an, wie die Rektorin Stefania Giannini stolz anmerkt. Und daran hat auch der Mord an einer ihrer Studentinnen nichts geändert. «Zum Glück», sagt sie.

Ein modernes Dolce Vita

Im barocken Prachtbau büffeln Deutsche und Engländer, Kubaner und Kongolesen, Amerikaner und neu immer mehr Chinesen die Sprache Dantes und die Kultur der Renaissance. Gleich nebenan liegt die altehrwürdige Universität. Beide Institutionen haben ein Milieu erzeugt, in dem man unter seinesgleichen ist. Alles ist nah und klein, auch das «Haus des Horrors» nur einen Katzensprung entfernt. Die einstige Etruskerstadt gleicht einem Freilichtmuseum, in dem eine globalisierte Studenten-Wohngemeinschaft ein modernes Dolce Vita lebt, auch wenn davon in trüben Wintertagen nur wenig zu spüren ist.

Regen peitscht durch die feuchten Gassen, und abends ist fast kein Mensch unterwegs. Die meisten Bars und Kneipen sind leer. Nur die Drogendealer versuchen ihr Glück. Auch das ist Perugia: der Ort mit dem höchsten Drogenkonsum in Italien. Die Globalisierung bringt nicht nur höhere Töchter und begabte Erasmus-Stipendiaten, sondern auch fliegende Händler und Kleinkriminelle. Einen kleinen Park im Zentrum hat die Polizei jetzt geschlossen, weil er als Drogenumschlagplatz gilt.

Immer mehr Bewohner der von der Linken regierten Stadt fühlen sich bedroht, fordern ein härteres Vorgehen in der Drogenszene. Erst recht seit jener Nacht im November 2007, in der Meredith Kercher ermordet wurde. «Wir wollen nur eines: Wahrheit und Gerechtigkeit», sagt Renato Locchi. Perugia, seufzt der Bürgermeister von der Demokratischen Partei, habe einen hohen Preis gezahlt für den Mord. Dabei sei es doch eine Stadt wie viele andere, mit Problemen, gewiss, aber weltoffen und liberal. Doch ob der Prozess die Wahrheit zutage fördern wird? Locchis Zögern ist auch eine Antwort.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.01.2009, 12:52 Uhr

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