Erdbeben: Mafiosi reiben sich die Hände

Von Marc Brupbacher. Aktualisiert am 09.04.2009

Die Geschichte in Italien zeigt: Die Mafia gehört bei Erdbeben immer zu den grossen Gewinnern. Nach der Katastrophe in den Abruzzen fordern nun Experten eine transparente Vergabe der Hilfsmilliarden.

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Einige der Obdachlosen suchen Trost in der Kirche. Dieser Mann betet vor einer Zelt-Kapelle im Lager bei L'Aquila.
Bild: Reuters

   

Nach dem verheerenden Erdbeben in Mittelitalien rechnet Ministerpräsident Silvio Berlusconi mit Wiederaufbaukosten von mehreren Milliarden Euro. Die Mafia reibt sich schon einmal die Hände.

«Die meisten Erdbeben haben bislang der organisierten Kriminalität genützt», sagt Lino Busà, Chef von SOS Impresa, einer Antimafiavereinigung gegenüber «Financial Times Deutschland». Busà fürchtet, dass Mafiaorganisationen versuchen könnten, sich nun einen Teil der Hilfsgelder zu sichern.

Camorra und 'Ndrangheta profitieren

Und diese Befürchtungen sind begründet. Mafiaorganisationen versuchen traditionell, sich öffentliche Bauaufträge zu sichern. Diese führen eigene Firmen dann oft schlampig und zu überhöhten Preisen durch. Seit Jahrzehnten sind öffentliche Bauaufträge eine Einkommensquelle der Mafia – weshalb sie in der Bau- und Immobilienbranche immer schon zu Hause war.

Italien hat seit 1976 für die Behebung der Schäden von drei Erdbeben 46 Milliarden Euro ausgegeben. Ein bedeutender Teil dieses Geldes ist in die Taschen der Mafia geflossen. So zum Beispiel auch 1980. Damals, nach dem Beben bei Neapel, das fast 3000 Menschenleben forderte, hat die Regierung oft auf die transparente öffentliche Vergabe der Aufträge verzichtet. Davon haben die Mafiavereinigungen Camorra und 'Ndrangheta profitiert.

Das grosse Geld machte die Mafia

Dasselbe Phänomen wurde auch in Sizilien beobachtet. Nach dem Beben von 1968 (370 Tote) wurden hohe Summen in den Wiederaufbau investiert. Doch noch heute sieht man Notunterkünfte und zerfallene Häuser, berichten Anwohner. Von jenen 2600 Milliarden Lire, die von der römischen Regierung damals für den Wiederaufbau zur Verfügung gestellt wurden, erreichte nur ein verschwindend kleiner Teil die Bedürftigen, schreibt die «Zeit». Das grosse Geld machte die Mafia. Sie übernahm das Baugeschäft, sicherte sich die privaten und öffentlichen Bauaufträge und wurde so zum grössten Arbeitgeber im Belice-Tal. Wer Arbeit gibt, der kontrolliert auch Wählerstimmen.

Lino Busà von der Antimafiavereinigung fordert die Region Abruzzen deshalb auf, grössere Sorgfalt als bislang walten zu lassen. «Es muss transparent vorgegangen und Bauaufträge müssen ordentlich ausgeschrieben werden.»

Lokale Firmen sollen zum Zug kommen

Die Abruzzen sind kein traditionelles Mafiagebiet, doch gibt es Anzeichen, dass die organisierte Kriminalität die Region für sich entdeckt. So zitiert die deutsche Wochenzeitung «Die Zeit» Francesco Forgione, den Präsidenten der parlamentarischen Anti-Mafia-Kommission: Im Erdbebengebiet sei vor allem die aus Kampanien stammende Camorra aktiv sowie die apulische Sacra Corona Unita, die jüngste und kleinste Mafia-Organisation.

Enzo Giammarino, Regionalpräsident von Confesercenti in den Abruzzen ruft dazu auf, vor allem lokale Firmen kleiner und mittlerer Grösse zu beauftragen. «Betroffen sind vor allem die Altstädte. Um diese Häuser zu renovieren, braucht man kleine Spezialfirmen», sagt er der «Financial Times Deutschland». (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.04.2009, 21:44 Uhr

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