Facebook zensiert Kriegsfoto wegen Nacktheit

Erst hat Facebook einen Beitrag einer Zeitung gelöscht – und dann auch die Kritik an der Entscheidung. Der Chefredaktor wehrt sich mit einem offenen Brief an Mark Zuckerberg.

«The Terror of War»: Die 9-jährige Kim Phuc flüchtet vor Napalmangriffen während des Vietnamkriegs. (8. Juni 1972)

«The Terror of War»: Die 9-jährige Kim Phuc flüchtet vor Napalmangriffen während des Vietnamkriegs. (8. Juni 1972) Bild: AP/Nick Ut/Keystone

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«Ich bin verärgert, enttäuscht – sogar auch beängstigt – darüber, was du im Begriff bist, einem Grundpfeiler unserer Demokratie anzutun.» Mit diesen Worten wendet sich der Chefredaktor der grössten norwegischen Zeitung «Aftenposten» in einem offenen Brief an Facebook-Chef Mark Zuckerberg. Der Hintergrund: Facebook löschte einen Beitrag der Zeitung mit «sieben Fotos, die die Kriegsgeschichte veränderten». Eines der Fotos war «The Terror of War», in dem vietnamesische Kinder vor einem Napalmangriff flüchten – eine der berühmtesten Ikonen der Kriegsfotografie.

Das Bild war Facebook aber zu viel, weil das flüchtende Mädchen, die 9-jährige Kim Phuc, nackt ist. Der Post wurde gelöscht und das Konto des Autors suspendiert. Als «Aftenposten» dann über den Vorfall berichtete und den Artikel – mit dem gleichen Bild – auf Facebook stellte, teilte Facebook mit, sie mögen das Bild bitte entfernen oder verpixeln. «Jegliche Fotos, die völlig nackte Genitalien, Hintern oder weibliche Brüste zeigen, werden entfernt», schrieb Facebook. Und noch bevor die Zeitung reagieren konnte, löschte der Konzern das Bild und den Artikel von der Facebook-Seite der Zeitung.

«Du missbrauchst diese Macht»

«Hör zu, Mark, das ist ernst. Zuerst erstellst du Regeln, die nicht zwischen Kinderpornografie und berühmten Kriegsfotos unterscheiden», schreibt Chefredaktor Espen Egil Hansen in seinem Brief. «Dann setzt du diese Regeln auf eine Art durch, die keinen Raum für gesundes Urteilsvermögen lässt. Zuletzt zensierst du sogar die Kritik und Diskussion über die Entscheidung und bestrafst die Person, die sich der Kritik ermutigt hat.»

Facebook sei aus guten Gründen zu einer der grössten sozialen Plattformen geworden. «Aber Mark, du bist der mächtigste Redaktor der Welt», so Hansen weiter. «Ich glaube, du missbrauchst deine Macht.»

Kim Phuc selbst «unterstützt das Zeitdokument»

Facebook stehe jetzt einem ganzen «Chor von Kritikern» gegenüber, schreibt die Nachrichtenagentur AFP. Auch die norwegische Ministerpräsidentin Erna Solberg stimmte am Freitag ein und warf dem sozialen Netzwerk «Zensur» vor. Sie «schätze die Arbeit von Facebook und anderer Medien», um die Verbreitung unangemessener Inhalte zu stoppen, schrieb Solberg auf ihrer Facebook-Seite. «Aber Facebook schlägt den falschen Weg ein, wenn es solche Fotos zensiert», schrieb die Ministerpräsidentin weiter. Damit bremse Facebook die Meinungsfreiheit aus.

Gegen die Zensur des Fotos wehren sich nun nicht nur der Autor und der Chefredaktor, sondern auch Kim Phuc selbst – das Mädchen im Bild. «Kim ist traurig, dass einige den Fokus auf ihre Nacktheit im historischen Bild richten statt auf die starke Botschaft, die es übermittelt», wird ihre Sprecherin in der Zeitung «Dagsavisen» zitiert. Phucs Stiftung schreibt in einer Mitteilung: «Kim unterstützt das Zeitdokument des Fotografen Nick Ut vollumfänglich. Es zeigt einen Moment der Wahrheit, der den Horror des Krieges und seiner Folgen für Unschuldige einfängt.»

(mch/afp)

Erstellt: 09.09.2016, 13:35 Uhr

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