Starkes Nachbeben sorgt für neue Panik

Aktualisiert am 07.04.2009

Mit Spürhunden haben tausende Rettungskräfte in den italienischen Abruzzen fieberhaft nach weiteren Überlebenden gesucht. Mit jeder Stunde verringerten sich die Chancen.

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Einige der Obdachlosen suchen Trost in der Kirche. Dieser Mann betet vor einer Zelt-Kapelle im Lager bei L'Aquila.
Bild: Reuters

   

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Bis am Dienstagabend haben die Helfer 150 Menschen lebend aus den Trümmern gerettet. Für mindestens 228 Menschen kam aber jede Hilfe zu spät. Bei dem Beben um die Regionalhauptstadt L'Aquila wurden etwa 1500 Menschen verletzt, 100 davon seien immer noch in einem kritischen Zustand, sagte Regierungschef Silvio Bernasconi an einer Medienkonferenz.

Unter den Geretteten war Medienberichten zufolge eine 98-Jährige, die am Morgen 30 Stunden nach dem Beben wohlbehalten geborgen wurde. Die alte Dame sagte, sie habe sich die Zeit mit Häkeln vertrieben, während sie auf Hilfe wartete, wie die Nachrichtenagentur ANSA meldete.

Die Suche in der von Wassermangel und Energie-Notstand betroffenen Region werde noch 48 Stunden fortgesetzt, «bis zur Gewissheit, niemanden mehr lebend bergen zu können», sagte Berlusconi.

Unterdessen wurde bekannt, dass weit weniger Menschen obdachlos geworden sind als bisher kommuniziert. Die Rettungkräfte vor Ort sprachen neu von 17'000 Menschen. Die Stadtverwaltung hatte die Zahl zuvor mit 50'000 angegeben, die Regierung hatte sie auf 70'000 geschätzt.

«Fahren Sie ans Meer»

Für neue Panik sorgten am Dienstag mehrere Erdbeben. Am Abend erschütterte ein Beben der Stärke 5,3 erneut die Region - das Beben war fast so stark wie das erste.

Angesichts dessen warnte Berlusconi die Bewohner evakuierter Stadtteile vor einer Rückkehr. Er forderte die Obdachlosen auf, in die Hotels an der Adria-Küste zu ziehen, die der Zivilschutz zur Verfügung stellt. «Fahren Sie ans Meer über Ostern, gönnen Sie sich eine Ruhepause, die wir bezahlen werden», sagte Berlusconi.

In L'Aquila mussten Dutzende Überlebende bei eisigen Temperaturen in ihren Autos übernachten. Ein Betroffener klagte: «Wir haben noch nicht mal einen Kaffee gehabt, niemand kümmert sich um uns!» Ein junges Paar mit Säugling verbrachte bereits die zweite Nacht im Auto.

Andere Erdbebenopfer wurden in Kasernen, Stadien und Sporthallen untergebracht, viele suchten Unterkunft bei Freunden oder Verwandten. Berlusconi kündigte an, bis Dienstagabend 20 Zeltlager zu errichten, die 14'500 Menschen aufnehmen könnten.

Die Regierung in Rom gab 130 Millionen Euro Nothilfe für den Rettungseinsatz frei. Nach ihrer Schätzung wird es etwa 1,3 Milliarden Euro kosten, die beschädigten Gebäude wiederaufzubauen.

Hilfsangebote aus dem Ausland lehnte Berlusconi dankend ab. Unterstützung sei nicht nötig, die Italiener seien «ein stolzes Volk» und kämen allein zurecht. Die Opposition nannte das «unverständlich». Berlusconi kündigte jedoch an, bei der Europäischen Union Hunderte Millionen Euro an Hilfen zu beantragen.

Polemik über schlechte Bauten

In Italien begann derweil eine scharfe Polemik über die schlechte Bauqualität in den Regionen mit erhöhtem Erdbeben-Risiko. «In Italien gibt es keine Kultur der Prävention», sagte der Ex-Chef des italienischen Zivilschutzes Franco Barberi, der seit Jahren die mangelnde Vorsorge kritisiert.

Geologen schätzen, dass Millionen Häuser auf der Apennin- Halbinsel «potenziell einsturzgefährdet» sind. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf unterstrich die Notwendigkeit von katastrophensicheren Spitälern. (bru/sda)

Erstellt: 07.04.2009, 23:47 Uhr

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