Hund nach Peking-Art

Von Henrik Bork. Aktualisiert am 01.11.2009

Auf den Strassen der chinesischen Hauptstadt stellen organisierte Diebesbanden den Hunden nach. Rassehunde werden verkauft; alle übrigen landen im Kochtopf.

Entführt und vermutlich verspeist: Der Dackel Biber fiel einem Hundedieb in die Hände.

Entführt und vermutlich verspeist: Der Dackel Biber fiel einem Hundedieb in die Hände.

Der Hundedieb griff blitzschnell zu. Jörg Wuttke hatte seinen geliebten Dackel «Biber» nur ganz kurz aus den Augen verloren. Im Pekinger Kempinski-Hotel gibt es einen «Paulaner-Biergarten». Dort durfte der Dackel kurz von der Leine, während Wuttke eine Pause machte. Eine Überwachungskamera hielt fest, was dann geschah. Ein Chinese schnappte sich den Hund, nahm ihn auf den Arm und ging seelenruhig davon. «Wir haben der Polizei das Video gezeigt, aber sie rühren keinen Finger», sagt Wuttke, der als Präsident der Europäischen Handelskammer in China arbeitet.

Spezialität für Gourmets

Weder der Vorfall noch die Reaktion der Beamten sind ein Einzelfall. In Chinas Städten ist diese Art von Hundeklau neuerdings weit verbreitet. Organisierte Diebesbanden stehlen die Vierbeiner. Teure Rassehunde werden anschliessend verkauft. Auf die meisten der geklauten Hunde aber wartet ein noch traurigeres Schicksal: Sie werden geschlachtet und kiloweise an Restaurants verkauft. Hundefleischeintopf ist in China vor allem im Herbst und Winter ein bei Gourmets sehr beliebtes Gericht.

Nur wenn die Diebe allzu gierig werden, gibt es ab und zu eine Razzia. Die Pekinger Polizei verhaftete im Juni dieses Jahres eine Bande von zehn Dieben, die monatelang in der chinesischen Hauptstadt und ihren Vororten über tausend Hunde eingesammelt hatten.

«Sie warfen vergiftetes Fleisch in die Höfe der Besitzer, warteten, bis die Hunde es gefressen hatten, und klauten sie dann», berichteten die «Pekinger Abendnachrichten». Keine Rasse war vor den Dieben sicher. Sie nahmen Tibetische Hirtenhunde, sibirische Huskys oder teure Schäferhunde genauso gern mit wie gewöhnliche Mischlinge. Acht Yuan (1.20 Franken) pro Kilo verlangten sie für das Fleisch. Mindestens zwei weitere Gangs waren schon im Frühjahr aufgeflogen.

In vielen Städten Chinas sind ähnliche Banden aktiv. In Taiyuan in der Provinz Shanxi machen sie mit Blasrohren und vergifteten Nadeln Jagd auf die teureren Rassen. Später werden die betäubten Hunde weit unter Martkpreis an Tierhandlungen verkauft.

Nachfrage versiegt nie

Besonders beliebt, weil sehr effektiv, ist aber auch in Shanxi das Vergiften von Hofhunden. Die Diebe werfen mit Zyanid präparierte Hühnerknochen über die Zäune. Innerhalb einer Minute sind die Hunde tot. Inzwischen warnen Chinas Medien vor dem Verzehr jeglichen Hundefleisches, weil es Giftreste enthalten könnte. «Menschen können sich ebenfalls vergiften, wenn sie das Fleisch so getöteter Hunde essen», zitierte die Zeitung «Shanxi Wanbao» einen Doktor Li aus dem Volkskrankenhaus von Taiyuan.

Die Nachfrage der Restaurants aber versiegt nie: Rund 750 Hunde wandern allein in Taiyuan jeden Monat in den Kochtopf. Auf Chinas Fleischmärkten liegen viele Kadaver von Hunden, die noch ein Halsband tragen.

Nur wenige Hundebesitzer haben so viel Glück wie eine Diplomatentochter in Peking, deren Hund direkt vor dem Botschaftsgelände gestohlen wurde. Sie setzte eine Kleinanzeige in die Zeitung, dass sie 500 US-Dollar Belohnung für den «glücklichen Finder» zu zahlen bereit sei. Kurz darauf war ihr Hund wieder da. Allen Beteiligten war klar, dass es die Diebe selbst waren, die sich die 500 Dollar abholten.

Und noch seltener geht es den Dieben an den Kragen. In Qingyuan in Shanxi ertappten Bauern einen Hundedieb auf frischer Tat und zwangen ihn, seine vergifteten Hühnerklauen selbst zu schlucken. Er starb an Ort und Stelle. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.11.2009, 18:16 Uhr

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