Italiens Katastrophenhelfer Nummer 1 in der Kritik
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«Wer ist hier der Dummkopf?» Diese Frage geht durch die italienischen Blogs, seit das Erdbeben in den Abruzzen über 200 Menschen in den Tod gerissen hat. Gemünzt ist sie auf Guido Bertolaso, den Chef des nationalen Zivilschutzes.
Vor gut einer Woche hatte sich dieser nämlich genervt über die «Dummköpfe, die sich ein Vergnügen daraus machen, Alarmismus zu verbreiten». Gemeint hatte er vor allem Giampaolo Giuliani, jenen Forscher, der seit einiger Zeit vor einem Erdbeben gewarnt hatte.
Die Wissenschaft hat Bertolaso zwar auf seiner Seite. Giulianis Vorhersagemethoden seien wenig zuverlässig, beschieden die Experten unisono. Aber angesichts der immensen Zerstörung im Erdbebengebiet würde Bertolaso seine Worte heute wohl etwas bedächtiger wählen. «Was hätten wir tun sollen? Eine ganze Stadt eine Woche lang evakuieren?», fragte er nach dem Beben, von den Journalisten auf die Warnungen Giulianis angesprochen.
Berlusconi stützt Bertolaso
Die Rücktrittsforderungen an die Adresse Bertolasos konnten natürlich nicht ausbleiben. Sie kamen vor allem aus dem Lager des ehemaligen Staatsanwalts Antonio Di Pietro. Doch die Mehrheit der italienischen Politiker und vor allem Premierminister Silvio Berlusconi stellten sich hinter den obersten Katastrophenmanager. «Die Hilfsmaschinerie läuft auf vollen Touren, danke Guido», hat der Regierungschef am Montag demonstrativ verkündet. Guido Bertolaso, von einer Mitte-links-Regierung in Rom ins Amt eingesetzt, geniesst auch das Vertrauen der Rechten. Im Mai 2008 hat ihn Silvio Berlusconi zum Unterstaatssekretär für die Abfallkrise in Neapel berufen. Ein Amt, das er vorübergehend schon unter Berlusconis Vorgänger Romano Prodi innegehabt hatte.
Der 59-jährige Römer ist ausgebildeter Arzt mit einem Master in Public Health. Nach einigen Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit wurde er 1993 Vizedirektor des Kinderhilfswerks Unicef in New York. Drei Jahre später kehrte er nach Italien zurück, wo er 1998 eine leitende Funktion im Zivilschutz übernahm. 2001 ernannte ihn die Regierung zum obersten Zivilschutzchef – ein Mandat, das 2006 erneuert wurde.
Vereinzelt war in Italien Kritik an Bertolaso schon vor dem Erdbeben in und um L'Aquila aufgetaucht. «Weshalb sieht man den Zivilschutz immer erst nach der Krise?», fragte im Februar ein Blogger auf der Webseite agoravox.it. «Wäre es nicht seine Aufgabe, solchen Katastrophen vorzubeugen?»
Wenn in einem bekannten Erdbebengebiet wie den Abruzzen nicht einmal ein kaum 15 Jahre altes Spital den Erschütterungen standhält, kann man sich tatsächlich fragen, was die zuständigen Behörden für den Katastrophenfall vorgekehrt haben. Dass staatliche Bauvorschriften im Erdbebengebiet auch bei neuen Wohnhäusern offenkundig nicht eingehalten wurden, wird man allerdings kaum Katastrophenmanager Guido Bertolaso anlasten können.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.04.2009, 00:34 Uhr
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