Kaum die Prüfung bestanden, geht das Gelernte vergessen

Mit zunehmender Verkehrsdichte sollte vorsichtiger gefahren werden. Weshalb aber gewisse Verkehrsregeln nicht in den Kopf der Autofahrer gehen und was getan werden kann.

In den Fahrstunden greift der Fahrlehrer noch ein. Nach bestandener Prüfung aber, sollten die Lenker reif für den Verkehr sein.

In den Fahrstunden greift der Fahrlehrer noch ein. Nach bestandener Prüfung aber, sollten die Lenker reif für den Verkehr sein. Bild: Keystone

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Die Ausbildung der Fahrschüler wurde in den letzten Jahren intensiviert. Genügten früher während Jahrzehnten ein paar Fahrstunden sowie das Bestehen der theoretischen und praktischen Fahrprüfung, sind die Anforderungen an Fahrschüler inzwischen deutlich erhöht worden. Lernfahrer müssen den Verkehrskundeunterricht besuchen und erhalten ihren Führerschein nur auf Probe. Innert drei Jahren nach der Fahrprüfung müssen sie zwei weitere Kurse besuchen und dürfen sich keine groben Verkehrsregelverletzungen zuschulden kommen lassen, um die definitive Fahrerlaubnis zu erhalten.

Ein junger Autofahrer sollte nach diesem Lernmarathon eigentlich die Verkehrsregeln in- und auswendig kennen, müsste man meinen. Dennoch sind auf Schweizer Strassen Manöver an der Tagesordnung, die jedem Fahrlehrer die Haare zu Berge stehen lassen. Uwe Ewert, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Schweizerischen Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU), ortet die Gründe dafür teilweise bei der Vergesslichkeit der Autofahrer. Und manche Situationen seien aus der Theorie nur schwer in die Praxis umsetzbar. Als Beispiel nennt Ewert die Abstandsregeln auf der Autobahn: «Wer konsequent den halben Tachoabstand zum Vordermann einhalten will, muss immer wieder abbremsen, wenn ein anderes Fahrzeug die Spur wechselt und sich dazwischen einreiht.» Darum würden viele Autofahrer automatisch näher aufrücken, um dies zu vermeiden.

Männer fahren mit mehr Risiko

Das Fahrverhalten ist eine Frage der Persönlichkeit und abhängig von Alter, Geschlecht und sozialer Herkunft der Person am Steuer. So nimmt beispielsweise das Unfallrisiko nach den ersten drei Jahren nach der Fahrprüfung massiv ab. Jungfahrer sterben mit höherer Wahrscheinlichkeit in einer Kurve auf der Landstrasse, während das Unfallrisiko für ältere Fahrzeuglenker beim Abbiegen an einer Kreuzung innerorts am höchsten ist. Und Männer sterben häufiger im Strassenverkehr als Frauen, obwohl sie im Verhältnis nicht häufiger verunfallen. Aber wenn, dann gleich richtig. Gründe dafür sind vor allem die höhere Risikobereitschaft und höhere Tempi. Bei der BFU hat man jedoch Anlass zur Hoffnung: «Wir beobachten die Tendenz, dass sich das Fahrverhalten der Männer eher demjenigen der Frauen annähert», sagt Ewert. Befürchtet hatte man das Gegenteil.

Einer, der täglich mit Junglenkern zu tun hat, ist der Prattler Fahrlehrer Felix Knöpfel. Er macht den gesellschaftlichen Wandel fürs tägliche ­Chaos auf den Strassen mitverantwortlich. Seit 38 Jahren bildet er junge ­Autofahrerinnen und Autofahrer aus und stellt fest, dass sich die Mentalität der Lernfahrer über die Zeit verändert hat: «Früher waren rund zwei Drittel meiner Schüler ernsthaft daran interessiert, Autofahren zu lernen, während der Rest nur irgendwie die Prüfung bestehen wollte. Heute ist dieses Verhältnis umgekehrt.»

Minimalistische Fahrschüler

Immer und immer wieder muss Knöpfel einfachste Dinge erklären. Es fehle bei der heutigen Generation an Allgemeinbildung und Verständnis für einfache physikalische Zusammenhänge, sagt Knöpfel. Den Fahrschülern sei beispielsweise oftmals nicht klar, was passiert, wenn es regnet und sich die Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt bewegen. «Viele begreifen einfach nicht, dass Wasser gefrieren kann und warum diese Erkenntnis für Autofahrer von grosser Bedeutung ist.» Viele Jugendliche wollen zudem nicht als besonders lernbegierig auffallen. «Bei den jungen Leuten ist Mittelmass Trumpf», wundert sich der Fahrlehrer. «Keiner will durchfallen, aber es will auch keiner als Streber gelten. Die meisten machen nur das Nötigste.» Da bringt es aus seiner Sicht auch nicht viel, die Jungen mit immer mehr Theorie zu bombardieren. «Die behalten das ohnehin nicht im Kopf.» Besser wäre es laut Knöpfel, die Verkehrserziehung würde regelmässigen Eingang in den Schulunterricht auf allen Altersstufen finden.

Eine Forderung, die auch die BFU unterstützt. Keine gute Idee sind hingegen Fahrtrainings: Wer ein solches besucht, hat anschliessend eine höhere Wahrscheinlichkeit, zu verunfallen. Der Grund dafür ist laut Ewert, dass man in solchen Trainings oftmals lerne, sein Fahrzeug an die physikalischen Grenzen zu führen. Dort aber fehlt die Sicherheitsmarge – besonders, wenn man das Erlernte dann im Alltag anwendet.

Bussen wirken

Einen grösseren Effekt auf das Fahrverhalten habe das Verteilen von Bussen. Aber nicht die Höhe der Busse sei entscheidend, erklärt Ewert. «Viel wichtiger ist die Wahrscheinlichkeit, überhaupt erwischt zu werden.» Dies habe die Polizei erkannt und in den letzten Jahren vor allem in puncto Geschwindigkeit und Alkohol die Kontrollen massiv intensiviert. Grosse Hoffnungen setzt die BFU ausserdem in Fahrassistenzsysteme. Laut Ewert reduziert beispielsweise das Antischleudersystem ESP die Unfallwahrscheinlichkeit um 40 Prozent. Künftig bremsen Autos möglicherweise sogar selbstständig, wenn ein Fussgänger vor das Fahrzeug tritt. Oder sie halten die Spur, wenn der Fahrer in einen Sekundenschlaf fällt.

Zu viele Verkehrsteilnehmer

Fahrlehrer Knöpfel hingegen wünscht sich, dass die Autofahrer künftig wieder etwas mehr aufeinander Rücksicht nehmen. Angesichts der Zahlen ein frommer Wunsch: 1990 waren 3,8 Millionen Motorfahrzeuge in der Schweiz immatrikuliert. Im letzten Jahr waren es bereits 5,5 Millionen. Die Verkehrsdichte ist denn für Knöpfel auch einer der Hauptgründe für die vielen Fahrfehler auf Schweizer Strassen. Mehr Fahrzeuge, die unterwegs sind, bedeutet weniger Platz pro Auto und das wiederum bedeutet weniger Zeit für den Fahrer, um eine Situation einzuschätzen. Bei der BFU sieht man das hohe Verkehrsaufkommen jedoch nicht nur negativ: Auf stark befahrenen Strassen fliesst der Verkehr langsamer. Dadurch verringere sich die Wahrscheinlichkeit eines schweren Unfalls. Das ist immerhin beruhigend. Denn Abnehmen wird der Verkehr in nächster Zukunft kaum. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.07.2012, 10:49 Uhr

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