Panorama

Kleinkrieg der TV-Hellseher

Von Hugo Stamm. Aktualisiert am 10.05.2010

Mike Shiva hat Konkurrenz bekommen. Die Zürcher Wahrsagerin Laura Gobbi schnappte ihm Sendezeit weg. Shiva klaute ihr dafür die Internet-Adresse.

Mike Shiva: Der TV-Hellseher liegt im Clinch mit einer ehemaligen Beraterin aus seinem Team.

Mike Shiva: Der TV-Hellseher liegt im Clinch mit einer ehemaligen Beraterin aus seinem Team.

Laura Gobbi, die sich den Künstlernamen Acedei Dafi zugelegt hat, ist seit Jahrzehnten eine schillernde und umtriebige Figur in der Zürcher Esoterikszene. In einem Coup schnappte sie Mike Shiva Anfang 2010 Sendezeit bei Schweiz 5 (ehemals U 1) weg, der aus Schlieren sendet. Seit Februar hat Gobbi unter dem Label Atlantis TV ihre eigene Sendung. Täglich sagen sie und rund 30 Helferinnen während zehn Stunden die Zukunft voraus.

Die Sendung steht offenbar unter einem schlechten Stern. Schon die Vorbereitung war hektisch. «Schweiz 5 hat uns erst am 26. Januar offiziell darüber informiert, dass uns ab 1. Februar 2010 Sendezeit zugunsten von Atlantis TV gestrichen wird», sagt Mike Shiva. Er vermutet, dass Atlantis TV dem Sender mehr für die Studiomiete bezahlt. Beim Start gab es technische Pannen, und mehrere Mitarbeiter suchten nach wenigen Wochen das Weite. Ex-Mitarbeiter vermuten, dass das TV-Geschäft mit den Karten harziger läuft als erhofft.

Von Shiva losgesagt

Gobbi war ursprünglich Beraterin in Shivas Team. Seit sie ihren ehemaligen Chef bei Schweiz 5 ausgebootet hat, tobt ein Kleinkrieg unter den TV-Hellsehern. Da die Wahrsagerin nicht auf die Idee kam, die Internet-Adresse Atlantis.tv zu reservieren, schnappte ihr Shiva diese nach einem Monat weg. «Ein Bubenstreich», sagt Shiva lächelnd.

Kein Grund zum Lachen haben die Beraterinnen von Gobbi. Vier von ihnen beklagten sich beim TA, sie hätten bisher keinen oder zu wenig Lohn bekommen und deshalb gekündigt. Sie versuchen nun teilweise auf dem Rechtsweg, zu ihrem Geld zu kommen. Auch mit den Arbeitsverträgen haperte es. Drei haben nie einen bekommen, eine Beraterin erst nach zweieinhalb Monaten.

Dabei preist sich Gobbi als Helferin für alle Fälle an: «Medium Acedaih Dafi hilft Ihnen bei Problemen, Sorgen, Entscheidungen und Zukunftsängsten u.a. mittels Engelkontakten, Quabbalah, Karten oder durch Jenseitskontakte.» Sie sei in kurzer Zeit im In- und Ausland als treffsicheres Medium bei diversen TV-Stationen bekannt geworden.

90 Franken – für 20 Minuten

Weiter preist die Wahrsagerin ihre Studien in Hermetischer Philosophie, Natur- und Geistwissenschaft, Astralwelten, Astrophysik und Astrologie an. Sie forsche heute noch, «um die unsichtbaren Beweise sichtbar zu machen, indem sie die Weltformel und Schöpfungsgeschichte aus ganz plausiblen Aspekten zeigt und erklärt». Ihr Motto: «Verlieren, um zu gewinnen.»

Ob sie dieses auf ihre Fernsehberatung münzt? Tatsache ist, dass Dafi - wie auch Shiva - 4.50 Franken pro Minute verlangt. Somit «verliert» eine Klientin - Männer nutzen das Beratungsangebot eher selten - in 20 Minuten 90 Franken. Ob die Ratsuchenden viel gewinnen, ist fraglich. Denn meist geben die Beraterinnen Allgemeinplätze von sich, die kaum geeignet sind, Probleme zu lösen. Eine TA-Leserin dazu: «Atlantis-TV lässt jedem unbefangenen Zuseher die Haare zu Berge stehen. Dagegen wirkt Mike Shiva wie ein kleiner Waisenknabe.»

«Es war chaotisch», erzählt eine Ex-Mitarbeiterin. Anfänglich hatte Gobbi weder Büros noch Computer besessen. Selbst über die Höhe des Salärs herrschte Unklarheit: «Ich wurde immer wieder vertröstet.» Nach drei Wochen warf sie den Bettel hin und versucht nun auf dem Rechtsweg, ihr Geld einzutreiben. Dafi dazu: «Sie war eine Kollegin, die mir ausgeholfen hat. Ich habe sie nie als Angestellte betrachtet.»

Kampf um Honorare

Ähnliches erlebte ein Mann, der die EDV für die Sendung aufbauen sollte. Er sah keine Honorare und stoppte die Mitarbeit. Eine dritte Mitarbeiterin kämpft ebenfalls um ihren Lohn. Die alleinerziehende Mutter bekam auch kein Geld von der Arbeitslosenkasse, weil sie von Gobbi - trotz Mahnung - noch keinen Kündigungsgrund bekommen hatte. «Wir haben mündlich 5000 Franken abgemacht, doch Gobi will mir nur 2100 Franken bezahlen», sagt sie. Auch eine Fernsehberaterin überwarf sich mit Dafi.

Sie erfuhr erst nach zwei Wochen, dass ihr Honorar nur 50 Rappen pro Beratungsminute beträgt, obwohl Gobbi ihr mehr versprochen habe. Ein Stundenlohn von 30 Franken sei zu wenig. Nach etwa zwei Monaten erhielt sie nach mehreren Interventionen zwar einen Vertrag, aber immer noch keine Honorare. Deshalb hat sie die Mitarbeit aufgegeben. Inzwischen sollen mehrere Beraterinnen den Job bei Atlantis-TV hingeschmissen haben.

Dafi weist alle Vorwürfe zurück. Es sei ein Komplott gegen sie im Gang. Dabei verdächtigt sie vor allem Mike Shiva und sein Team. Seit ein paar Tagen bietet Gobbi an Randstunden Beratungen zu Dumpingpreisen an. Dazu hat sie die Sendung «Oracle TV» aufgeschaltet. Pro Minute verlangt sie dort nur einen Franken. Damit sollen die Kunden an ihren Sender gebunden werden und später zu Zeiten anrufen, wenn es wieder 4.50 Franken kostet. Ein Hinweis dafür, dass die Einnahmen bisher nicht in übersinnliche Sphären gestiegen sind. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.05.2010, 06:43 Uhr

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