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Mordverdächtiger aus gutem Hause

In der Türkei ist eine 17-Jährige wahrscheinlich vom Sohn einer reichen Familie getötet worden. Die Behörden ermittelten auffallend zurückhaltend.

Münevver und Cem waren 17, als sie sich im Starbucks-Café im schicken Istanbuler Vorort Bebek kennen lernten. Münevver war hübsch und beliebt bei ihren Mitschülern, sie bereitete sich auf die Hochschulaufnahmeprüfungen vor, wollte Internationale Beziehungen studieren. Er war der Sohn reicher Eltern und viel in der Welt herumgekommen, oder vielleicht muss man sagen: herumgereicht worden. Seit seinem 12. Lebensjahr lebte er in Internaten überall auf der Welt, war vielleicht kein guter Schüler, dafür sprach er Spanisch, Französisch, Italienisch, Russisch und Chinesisch. Für sie scheint es die grosse Liebe gewesen zu sein.

Am 3. März dieses Jahres wollte Cem Garipoglu seiner Freundin eine Geburtstagsparty organisieren. Kurz vor Mittag brachte er sie zu sich nach Hause. Am Vorabend hatten die beiden noch übers Internet gechattet. Er hatte ihr eine «grosse Überraschung» versprochen. Um 14 Uhr, das werden die Überwachungskameras später zeigen, verliess er das Haus noch einmal. Um eine Säge zu kaufen, wie die Polizei vermutet.

Leiche in Müllcontainer

Münevver Karabulut soll ihren 18. Geburtstag nicht mehr erleben. Man findet ihre zerstückelte Leiche in einem Müllcontainer, den abgetrennten Kopf in einem Gitarrenkoffer. In Cems Gitarrenkoffer. Vor ihrer Ermordung war sie misshandelt worden. Münevver war bis zu ihrem Tod noch Jungfrau, aber an ihrer Unterwäsche fand man Spermaspuren.

Als die Polizei wenige Stunden später in der Villa von Cems Eltern eintrifft, ist das Haus vom Keller bis zum Dach frisch geputzt. Die Polizei findet dennoch Spuren von Blut, von Münevvers Blut. Sie findet Cems blutgetränkte Kleider und unter seinem Bett eine mit Haaren und Blut beschmierte Säge. Nur von Cem keine Spur. Die Eltern sagten, sie wüssten von nichts, und obwohl die Polizei auch an ihren Kleidern Blutspritzer entdeckte, liess ein Gericht sie erst einmal frei.

Cem Garipoglu ist spurlos verschwunden, bis heute. Die Familie Garipoglu ist eine der reichsten Familien der Türkei. Cems Vater Mehmet Nida Garipoglu ist einer der Besitzer von «Burgaz Raki», ein Spirituosenproduzent. Auch deshalb hat der Fall so hohe Wellen geschlagen. Schon kurz nach der Ermordung taten sich auf Facebook die ersten jungen Türken zusammen, um der ermordeten Münevver zu gedenken. 88'000 Unterstützer hat die Facebook-Seite bisher.

Proteste waren erfolgreich

Neben Aktionen auf Facebook gab es Demonstrationen gegen die Untätigkeit der Justiz. Der mutmassliche Mörder Cem Garipoglu hat sich, so der Verdacht, längst mit Hilfe der Familie ins Ausland abgesetzt. Es ist ein weitverbreiteter Verdacht im Land: Wenn du reich bist, kommst du mit allem davon.

Und die Proteste zeigten Wirkung: Cems Vater, den die Richter zuerst hatten laufen lassen, wurde festgenommen, er sitzt heute in Haft. Und dann war da die Sache mit dem Polizeichef von Istanbul, Celalettin Cerrah. Der beantwortete vor zwei Monaten Vorhaltungen, die Polizei tue zu wenig, mit Gegenfragen: «Warum haben sie denn nicht auf ihre Tochter aufgepasst? Würden Sie etwa Ihrer Tochter erlauben, bis spät nachts bei ihrem Freund im Haus zu bleiben?» Mit diesem «Selber schuld» tat er sich keinen Gefallen. Mit einem Mal war der Fall Münevver nicht bloss eine Plattform für Kritiker der türkischen Klassengesellschaft, mit einem Mal hatten die Behörden auch noch die Frauengruppen des Landes am Hals. Auch die Menschrechtskomission des Parlaments zeigte dem Polizeichef die rote Karte. Seit letzter Woche hat er einen neuen Job: Er leitet jetzt die Polizei von Osmaniye, weit hinten in der Türkei. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.06.2009, 13:01 Uhr

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