Panorama
«Potenzielle Amokläufer kann man heilen»
Interview: Reto Hunziker. Aktualisiert am 11.03.2009
«Amokläufer sind krank»: Notfallpsychologe Herbert Wyss leitet ein Amok-Interventionsteam und betreut Schulen in der ganzen Schweiz.
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Herr Wyss, überrascht Sie der Amoklauf in Stuttgart?
Nein, das überrascht mich nicht. Ich sage schon seit vielen Jahren: Amokläufe sind ein Phänomen, das immer mehr in unsere Länder einzieht. Dieses Mal war es wieder in Deutschland, aber das wird auch in der Schweiz vorkommen.
Warum das?
Einerseits verschiebt sich der Schwerpunkt an den Schulen immer mehr in den Leistungsbereich. Die soziale Kontrolle nimmt ab und die Anonymität zu. Ferner befinden wir uns in einer wirtschaftlich heiklen Situation. Diese Belastung überträgt sich auch auf das Kind: Der Vater ist arbeitslos, die Mutter verzweifelt, an wen soll sich da das Kind mit seinen Problemen wenden? Diese Rahmenbedingungen erhöhen das Risiko eines Amoklaufes. In einem Schulsystem mit einer hohen sozialen Kontrolle hingegen, kann ein Lehrer die Merkmale potenzieller Amokläufer rechtzeitig erkennen und etwa unser Amok-Interventionsteam anfordern.
Was sind das für Merkmale?
Persönlichkeitsstörungen, dissoziales Verhalten, aggressive Problemlösungs-Ansätze, eine kleine Frustrationstoleranz, Machtstreben. Potenzielle Amokläufer verändern sich äusserlich, entwickeln eine Waffenaffinität und konsumieren vermehrt Gewaltmedien.
Muss dann nicht die Polizei eingreifen?
Bei Androhungen von Amokläufen nützen Polizeiinterventionen in der Regel nichts. Im Gegenteil, sie erhöhen das Risiko, weil sie stigmatisieren. Sie verstärken die Machtgefühle der potenziellen Amokläufer nur noch.
Wie kann man Amokläufe verhindern?
Es braucht eine notfallpsychologische Sicherung, ein professionalisiertes System. Aber nicht nur in Schulen, auch in Banken, überall, wo sich Menschen in einer ausserordentliche Situation befinden und – bedingt durch eine krankhafte Persönlichkeitsstörungen – Gewaltlösungen in Betracht ziehen. Es wird nicht sehr lange dauern, bis ein Bankbeamter in einer Notsituation durchdrehen wird. Eine Schule oder eine Bank muss die Sensibilität entwickeln, um zu merken: Hier verhält sich ein Mensch nicht normal wie sonst.
Wie schätzen Sie den Fall in Stuttgart ein?
Ich bin überzeugt, dass dies ein Schüler ist, der die Schule verlassen hat und über längere Zeit Zeichen gesetzt hat: Ich bin nicht korrekt behandelt worden, die Schule hat Fehler gemacht, sie hat mich kaputt gemacht. Ein Amokläufer sieht sich selbst nur als Opfer, nicht als Täter. Wenn solche Signale auftauchen, muss man das ernst nehmen. Seit 2000 ist unser Amok-Präventionsteam 31-mal ausgerückt, nur in sechs Fällen war ein klares Amok-Potenzial vorhanden. Von den anderen hätte die Hälfte womöglich Suizid begangen, die andere Hälfte hätte mit grosser Wahrscheinlichkeit keine Gewalt angewendet. Doch ausrücken muss man trotzdem. Und die Schule muss wissen, dass sie jemanden kommen lassen muss, bevor etwas passiert.
Sind Amokläufer bloss überfordert oder auch psychisch krank?
Amokläufer sind immer pathologisch krank. Sie haben ein gestörtes Verhältnis zu Gewalt. Sie nehmen sich selbst nicht richtig wahr. Ein Amoklauf ist streng genommen ein Massenselbstmord. Doch potenzielle Amokläufer kann man heilen. Ich bin der Meinung, dass Amokläufe immer verhindert werden können.
Ist die Gefahr von Trittbrettfahrern bei Amokläufen hoch?
Diese Gefahr besteht natürlich. Vor allem die intensiven Bilder, die wir in den Medien sehen, können für potenzielle Amokläufer auslösende Reize haben. Das Columbine-Massaker in den USA gilt da als Grundmuster, das sich mit fast jedem Amoklauf wiederholt: Die Amokläufer orientieren sich in punkto Kleider oder Bewaffnung an den Columbine-Attentätern.
Welche Rolle spielt dabei die Verfügbarkeit von Waffen?
Es geht nicht nur um die Verfügbarkeit, es geht um ein krankhaftes Verhältnis zu Waffen. Fast alle Amokläufer haben auch ein Faible für Killer-Games. Den Umkehrschluss darf man aber nicht machen: Jemand mit einem normalen Gewaltverständnis wird durch Killergames nicht zum Amokläufer. Wer ein gestörtes Gewaltverständnis hat, den beeinflussen Killergames jedoch negativ. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 11.03.2009, 17:19 Uhr
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