Panorama
Rechtsmediziner: Brasilianerin hat sich selbst verletzt
Die Stadtpolizei informiert.
War nicht schwanger: Paula O.
Artikel zum Thema
- Das Communiqué der Stadtpolizei Zürich
- Chronik der vorgetäuschten Misshandlungen, Vergewaltigungen, Entführungen
Der Fall
Die Frau hatte den Polizisten am vergangenen Monat gesagt, sie sei von drei Männern angegangen und mit einem Messer verletzt worden. Sie sei auch in den Unterleib getreten worden.
Im Weiteren hatte sie ausgesagt, dass sie im dritten Monat schwanger gewesen sei und die ungeborenen Zwillinge in der Bahnhofstoilette verloren habe. Die Polizei hatte am Montagabend im Zuge einer Nahbereichsfahndung in Zürich-Schwamendingen drei Männer überprüft. Bei der Kontrolle der Männer habe sich aber kein dringender Tatverdacht ergeben, der eine Festnahme gerechtfertigt hätte.
Die Ermittlungen der Polizei und des Instituts für Rechtsmedizin laufen auf Hochtouren. Die Frau und weitere Personen seien inzwischen ausführlich befragt worden. Aus Persönlichkeitsschutzgründen und aus ermittlungstaktischen Gründen würden über die Ergebnisse dieser Befragungen aber keine Auskünfte erteilt, heisst es weiter.
Am Freitagnachmittag um 14 Uhr fand die mit grösster Spannung erwartete Pressekonferenz der Zürcher Stadtpolizei zum Fall von Paula 0. statt. Weltweit haben Medien über diesen Fall (siehe Box) berichtet.
Die erste Überraschung: Schwanger war die Frau nicht. Rechtsmediziner Walter Bär vom Institut für Rechtsmedizin (RMI) der Universität Zürich dazu: «Aufgrund der Laborwerte und der gynäkologischen Untersuchung können wir sagen, dass zum Zeitpunkt der Tat keine Schwangerschaft vorlag. Auch eine Zweituntersuchung hat dieses Ergebnis bestätigt.»
Verletzungen nicht schwerwiegend
Man habe «sehr viele» kratzerartige Wunden festgestellt, die zum Teil auch etwas geblutet haben. Er habe sie noch nicht ausgezählt. Das Verletzungsbild sei eindrücklich, aber nicht schwerwiegend.
Die verschiedenen Schnittwunden seien untersucht worden, sagte Bär. Dabei habe das RMI festgestellt, dass sich keine schweren Schnittverletzungen darunter befänden. Die für Frauen besonders empfindlichen Regionen, nämlich Brustwarzen, Bauchnabel und äussere Genitalien, seien nicht betroffen gewesen. Sämtliche Verletzungen seien nicht schwer, weder einzeln noch in ihrer Gesamtheit, und alle Verletzungen befänden sich in Körperregionen, die man selbst erreichen könne. Das war die zweite Überraschung des Nachmittags.
Erfahrener Rechtsmediziner erkennt eine Selbstverletzung
Der Leiter des Rechtsmedizinischen Instituts (RMI) der Universität Zürich, Bär, sagte wörtlich: «Der erfahrene Rechtsmediziner wird nicht zögern, davon auszugehen, dass hier eine Selbsthandlung vorliegt.» Er betonte aber, dass mit dieser Schlussfolgerung das Risiko von Fehlinterpretationen verbunden sei. Deshalb würden alle Untersuchungen weitergeführt, um allfällige Fehlinterpretationen ausräumen zu können.
Polizeikommandant Philipp Hotzenköcherle übernimmt wieder das Wort und hält kurz fest: «Ich lege ausdrücklich Wert auf die Feststellung, dass die Ermittlungen nach wie vor in einem Radius von 360 grad durchgeführt werden, bevor das Vorgefallene abschliessend geklärt ist.»
Ergo: Die Stadtpolizei wird weiterhin ermitteln, ob die Tat auch durch Dritte verübt wurde.
«Ausgezeichnetes» Arbeitszeugnis
Esther Maurer als politisch Zuständige stellt der Polizei ein «ausgezeichnetes» Arbeitszeugnis aus. Man habe auch menschlich höchste Sorgfalt angewendet. Man stehe mit dem brasilianischen Generalkonsulat in engem Kontakt. Und betont, die Stadt Zürich und die ganze Schweiz sei tolerant und weltoffen und gegenüber Ausländern sehr wohlgesinnt. «Ich bedaure ausserordentlich, wenn im Ausland der Eindruck entstanden ist, dass in der Schweiz ein ausländerfeindliches Klima herrscht.»
Den Medien in der Schweiz dankt Maurer für die kritische Berichterstattung. Es handle sich hier um «einen tragischen Fall», egal zu welchem Schluss die Ermittlungen der Polizei schliesslich kämen.
Noch viele Fragen offen
An der Pressekonferenz wurde die Frage gestellt, ob es eine Entschuldigung zweier Polizisten gegenüber Verwandten oder Bekannten und somit eine Schuldbekenntnis gegeben habe und warum denn? Der Kommandant der Stapo dazu: «Ich gehe davon aus, dass dieses Gespräch stattgefunden hat. Die Beamten unterhielten sich mit Angehörigen, dabei kam es zu Vorwürfen an die Adresse der Stadtpolizei. Unsere Polizistinnen antworteten, dass es ihnen sehr leid tun würde, wenn diese Vorwürfe stimmen würden.»
Wie kamen die Fotos in brasilianische Medien? Der Kommandant dazu: «Dieser Frage sind wir noch nicht nachgegangen. Wir haben alle Hände damit zu tun, den Tathergang zu ermitteln.» Anschliessend werde man der Foto-Frage aber nachgehen.
Polizeisprecher Marco Cortesi: «Die Fotos stammen von privater Seite und wurden nicht von der Polizei gemacht.»
Messerähnlicher Gegenstand
Eine weitere Frage wurde gestellt: «Schliessen Sie es gänzlich aus, dass im Vorfeld eine Schwangerschaft vorlag?» Die Antwort der Experten: «Nein, das können wir zur Zeit nicht ausschliessen.»
Wurden überhaupt irgendwelche Spuren einer Fehlgeburt gefunden, wurde weiter gefragt. Der Stapo-Kommandant antwortete, das sei Gegenstand der Ermittlungen, mehr könne er nicht dazu sagen.
Mit was für einem Gegenstand wurden der Frau die Verletzungen zugeführt? «Ich gehe von einem messerähnlichen Gegenstand aus», so der Experte.
Videokameras der SBB zeichneten nicht auf
Was hat die Auswertung der Bilder der Überwachungskameras ergeben? Dazu die Polizei: «Wir haben keine Bilder, die ausgewertet werden können.» Waren die Kameras eingeschaltet? «Ja, das waren sie, es sind aber Live-Bilder, die nicht aufgezeichnet werden.» Die Kameras würden übrigens der SBB gehören, nicht der Polizei.
Wer hat wann wen alarmiert, wurde gefragt. Der Stapo-Kommandant: «Das können wir nicht sagen, das ist Gegenstand der Ermittlungen.»
Was noch bekannt gegeben wird: Die Frau habe einen Notausgang benutzt und sei auf der Wiese beim Bahnhof Stettbach gelandet.
Ermittlungen dauern noch länger
Die Behörden gehen davon aus, dass die Ermittlungen nicht in den nächsten Tagen abgeschlossen werden können. Dementsprechend würden auch keine weitergehenden Aussagen gemacht. Die Brasilianerin befinde sich weiterhin in Spitalpflege. Angehörige aus Brasilien würden sich um sie kümmern. (sam/ap/)
Erstellt: 14.02.2009, 10:25 Uhr



