Panorama
«Schweizer Schulhäuser sind nicht gegen Amokläufe gewappnet»
Interview: Claudio Habicht. Aktualisiert am 11.03.2009
«Wir schätzen, dass es in der Schweiz etwa alle zehn Jahre zu einem Amoklauf kommen kann»: Jürg Liechti.
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Jürg Liechti
Jürg Liechti ist Geschäftsführer der Neosys AG in Gerlafingen, die Sicherheitsfragen für Schulhäuser klärt: Bei Gewalt gegen Lehrer oder Schüler, bei Kidnapping von Schülern, Verkehrsunfällen auf Schulwegen sowie Diebstahl.
Herr Liechti, beim Amoklauf an der Albertville-Realschule in Baden-Württemberg sind 17 Menschen ums Leben gekommen. Wie sicher sind die Schulen in der Schweiz?
Bis jetzt fehlt uns das Bewusstsein, dass Amokläufe auch an Schweizer Schulen passieren können. Die meisten Schulhäuser sind gegen solche Gewalttaten nicht gewappnet. Eine Ausnahme sind Gemeinden, die schon mit Gewalt oder Drohungen zu tun hatten: So zum Beispiel in St. Gallen, wo ein Vater vor 10 Jahren einen Lehrer erschoss; oder in Lenzburg, wo die Berufschule Zielscheibe einer Amokdrohung wurde. Grundsätzlich rechnet man in der Schweiz jedoch nicht mit Amokläufen und glaubt, man befinde sich nach wie vor auf einer Insel der Glücklichen.
Dann muss zuerst etwas passieren?
Genau. In vielen Kantonen wurden sich die Zuständigen erst nach dem Amoklauf von Zug bewusst, dass Parlamente gesichert werden müssen. Heute sind Sicherheitskontrollen in diesen Gebäuden selbstverständlich und werden akzeptiert. Man muss allerdings sagen, dass es einfacher ist, ein Parlament zu schützen, als ein Schulhaus. Diese sind offen, Eltern können Schulbesuche machen, Kinder und Jugendliche gehen ein und aus.
Wie hoch ist die Gefahr von Amokläufen in der Schweiz?
Wir schätzen, dass es in der Schweiz etwa alle zehn Jahre zu einem Gewaltszenario wie in Baden-Württemberg kommen kann. Das ist eine nicht zu unterschätzende Häufigkeit.
Gibt es einen Schutz gegen Amokläufer?
Nein, aber die Wahrscheinlichkeit eines Amoklaufs kann verringert werden. Dazu analysieren wir zuerst die Bedrohungssituation des Schulhauses; abgestützt auf dieses Gefahrenprofil empfehlen wir der Schulleitung organisatorische und technische Massnahmen: Wichtig ist, dass Vorwarnungen ernst genommen werden, und dass möglichst schnell Alarm ausgelöst wird, sollte es zu einem Amoklauf kommen.
Werden unter jeder Schulbank rote Alarmknöpfe montiert?
Nein, das ginge zu weit. In erster Linie muss der telefonische Alarm besser organisiert werden. Die Lehrer sollten wissen, wen sie im Notfall anrufen müssen: Zum Beispiel die Polizei und den Krisenstab der Gemeinde. Ziel ist es, die Lehrer richtig auszubilden.
Sind das nicht Papiertiger? So kann ein Amoklauf doch nicht verhindert werden.
Wir setzen auch auf Prävention: Sozialarbeiter und Schulpsychologen sollen frühzeitig eingesetzt werden, um Spannungen in der Schule abzubauen. Oft sind Amokläufe schwierig zu erkennen, wenn die Lehrer jedoch frühzeitig einen Schulpsychologen mit einbeziehen, wenn ihnen ein Schüler auffällt, ist schon viel gewonnen. Sie sollten auch Drohvideos im Internet ernst nehmen und sofort die Polizei kontaktieren.
Was raten Sie, wenn auch das nichts nützt? Und der Amokläufer plötzlich vor der Türe steht?
Dann nutzen nur noch Massnahmen, die die Zeit verkürzen, bis die Polizei eintrifft. So hat der Amokläufer nicht zwei Stunden um herumzuschiessen, sondern nur zwanzig Minuten. Die Lehrer müssen gemäss dem Notfallplan reagieren.
Wie sollen sich Lehrer und Schüler bei einem Amoklauf verhalten?
Sie sollten sich verstecken und nicht herumrennen. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 11.03.2009, 16:53 Uhr
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