Sechs Stunden, um Tim K. zu stoppen

Die Chance, den Amoktäter von Winnenden an der Gräueltat zu hindern, hatte bestanden. Jedoch: Die Polizei fand den Hinweis nicht, und Chat-Partner glaubten ihm nicht.

1/30 15 Menschen und sich selber hatte der Täter am 11. März dieses Jahres umgebracht.
Bild: KEYSTONE/AP

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Debatte über Echtheit von Internet-Eintrag

In einigen Internet-Foren wird angezweifelt, dass es sich bei dem angeblichen Eintrag von Tim K. am Mittwochmorgen um 2.47 Uhr tatsächlich um ein Posting des späteren Attentäters handelt. Einige sind der Meinung, es müsse sich um eine Fälschung handeln. Ein angeblicher Screenshot der Einträge sei erst im Nachhinein erstellt und dann in Umlauf gebracht worden. Auch nach der Pressekonferenz der baden-württembergischen Behörden ist man der Meinung, es handle sich um eine Photoshop-Arbeit. In mehreren Beiträgen amüsierten sich Teilnehmer über die angebliche Dummheit der Massenmedien. Hat die Quelle von des baden-württembergischen Innenministers Heribert Rech aber die Wahrheit über die Uhrzeit des Postings gesagt, muss man es wohl ernst nehmen. Letzte Klarheit über die Echtheit der Nachricht wird wohl erst die Auswertung der Server-Daten durch die Ermittler bringen.

Als Tim K. am Mittwoch in der Frühe um 2.47 Uhr auf der Internetseite krautchan.net seine Amoktat ankündigte, glaubte ihm keiner. «Ich meine es ernst, ich habe Waffen hier. Ich werde morgen zu meiner Schule gehen. (...) Ihr werdet morgen von mir hören, merkt euch nur den Namen des Ortes Winnenden», schrieb der spätere Amoktäter seinem Chat-Partner aus Bayern.

Der Bursche habe die Ankündigung nicht ernst genommmen, sagte der Innenminister des deutschen Bundeslandes Baden-Württemberg, Heribert Rech, heute an einer Pressekonferenz. Dann habe der bayrische Junge LOL (Laughing out loud - Chatzeichen für Lachen) daruntergeschrieben.

«Wenn man die Ernsthaftigkeit erkannt hätte»

Ob die Tat hätte verhindert werden können, fragte ein Journalist an der Pressekonferenz der Behörden. «Wenn man die Ernsthaftigkeit um 2:47 Uhr erkannt hätte, als der Eintrag ins Internet gestellt wurde, kann man davon ausgehen», gab Landespolizeipräsident Erwin Hetger zur Antwort. Das sei immerhin sechs Stunden vor der Tat passiert, so der Spitzenbeamte.

Doch es passierte nichts: Stunden später, morgens gegen 9.30 Uhr, betrat Tim K. seine frühere Schule, die Albertville-Realschule in einem Schulzentrum mit über 1700 Schülern in Winnenden. Er hatte vor einem Jahr dort seinen Abschluss gemacht. Doch diesmal trug er einen schwarzen Kampfanzug. Wortlos ging er gezielt in zwei Klassenräume und eröffnete dort das Feuer.

«Kontrollieren kann man nur in Ansätzen»

Als die Medien am Mittwochmorgen von der schrecklichen Tat berichteten, muss es dem 17-jährigen Burschen in Bayern wohl kalt den Rücken heruntergelaufen sein. In der Folge schilderte er sein nächtliches Erlebnis dem Vater – jetzt war es allerdings zu spät, der vermeintliche Spasspartner Tim K. hatte tatsächlich zugeschlagen. Für den Jungen aus Bayern eine schwere Hypothek: Er muss damit leben, dass er eine Schreckenstat hätte verhindern können, die Zeichen aber nicht richtig deutete.

Auf der Suche nach solchen Zeichen sind aber auch Spezialdienste von Polizei und Ermittlungsbehörden. Allerdings können diese das Web nur stichprobenmässig durchforsten. «Das Internet überwachen kann man wirklich nur punktuell. Es ist der freieste Raum dieser Welt, und kontrollieren kann man nur in Ansätzen. Wir sind auf Hinweise durch Leute, die sich im Internet bewegen, angewiesen», sagte bereits früher einmal der verantwortliche Polizeichef Baden-Württembergs als Forderungen nach einer verstärkten Überwachung von Internet-Foren laut wurden, um potenzielle Amoktaten zu verhindern.

Mehr Geld nötig

Auch im Fall Winnenden war dieses Netz der Überwachung jetzt zu breitmaschig. Der Ruf nach mehr Ressourcen nach der jüngsten Schreckenstat wurde bereits laut. (bazonline.ch/Newsnetz)

Erstellt: 12.03.2009, 15:56 Uhr

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