Panorama
Sex, Schnaps und Schmiergeld
Von Henrik Bork. Aktualisiert am 12.03.2010 3 Kommentare
Was genau machen eigentlich chinesische Beamte den ganzen Tag lang? Diese Frage ist nun beantwortet, jedenfalls was den Beamten Han Feng betrifft. Sein Tagebuch fand den Weg ins Internet. Millionen von Chinesen haben es inzwischen gelesen. Es dokumentiert für den Zeitraum vom September 2007 bis zum Januar 2008 vor allem drei Tätigkeiten, die sich fast täglich wiederholten. Han kassierte Schmiergelder. Han schlief mit einer seiner Geliebten. Han trank Unmengen von Alkohol.
Han Feng war Abteilungsleiter des örtlichen Tabakmonopolbüros des Städtchens Laibin in der Südwestprovinz Guangxi. In der Volksrepublik China hat sich der Staat das Monopol für den Verkauf von Tabak reserviert, was seine Beamten in eine beneidenswerte Position versetzt, wie dem Tagebuch zu entnehmen ist. Nachdem Hans Vorgesetzte öffentlich eingeräumt haben, dass der im Internet veröffentlichte Text zumindest «teilweise authentisch» sei, ist er von mehreren chinesischen Medien dokumentiert worden.
Alle Schmiergelder notiert
Die veröffentlichten Auszüge stammen aus dem Jahr 2007. Ein Tag gleicht dem andern: Han Feng steht spät auf, empfängt Bittsteller, lässt sich zum Lunch in schicke Hotels einladen, bringt das empfangene Schmiergeld zur Bank, trifft eine seiner Geliebten in einem Hotelzimmer. Die Aufzählung wird, trotz aller saftigen Details, schnell langweilig. Einzelne Stellen fanden trotzdem sehr aufmerksame Leser. Pech für Han Feng war es vor allem, dass er sämtliche Schmiergeldzahlungen akribisch dokumentiert hatte. Die Summen schwankten zwischen umgerechnet 220 und rund 11 000 Euro. Insgesamt verzeichnet das Tagebuch für den genannten Zeitraum Schmiergelder in Höhe von rund 18 000 Euro und nicht weniger als 56 feuchtfröhliche Bankette.
Rache eines Rivalen
Wie so vielen Beamten in China ist dem staatlichen Tabakkomissar allerdings nicht das Kassieren dieser Gelder zum Verhängnis geworden. Das ist in Chinas Amtsstuben so weit verbreitet, dass sich deshalb kaum noch eine Augenbraue kräuselt. Vielmehr war es die Tatsache, dass er mit seiner sechsten eine Geliebte zu viel ausgehalten hatte. Deren gehörnter Ehemann war es, der das Tagebuch fand und ins Internet stellte.
Weil Chinas Zentralregierung seit der Gründung der Volksrepublik öffentlich die Korruption bekämpft, ist sie nun zum Einschreiten geradezu gezwungen. «Han ist bereits von seinem Posten zurückgetreten», berichtet die regierungsnahe «China Daily». Eine Disziplinarkommission beugt sich über das Tagebuch.
«Han Feng war ein guter Beamter», kommentiert hingegen der bekannte Blogger Han Han. Er habe in den sechs Monaten schliesslich nur eine relativ geringe Summe eingesteckt. «Wo finden wir heutzutage noch so einen sauberen Beamten?», spottet der Blogger. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 12.03.2010, 12:18 Uhr
WRITE A COMMENT
3 Kommentare
Herr Lechner, wir arbeiten seit 30 Jahren in und mit China und die Korruption ist sehr sehr weit verbreitet was man überhaupt nicht mit der Schweiz gleichsetzen kann, auch wenn es hier teilweise Korruption gibt gehört es doch (oder noch) nicht zur Kultur wie in China. Antworten
Bevor jetzt wieder ein Sturm der Entrüstung über meine Wahl-Heimat (in der Provinz GuangXi!) hereinbricht, möchte ich daran erinnern, dass es in der Stadt Zürich (zum Beispiel) den Fall Raphael Huber gab ... . Sicher ist Korruption auch in China ein Thema - wie übrigens überall auf der Welt. Aber der hier beschriebene Fall ist wohl doch eher die Ausnahme, als die Spitze des Eisberges ... . Antworten




Peter Kunze
@ Lechner: Aber ich bitte Sie, der Bakschisch ist eine weltweite Erscheinung, da gibt es keinerlei Entrüstung zu GuangXi. Oder veruschen Sie z.B. mal hier in der Schweiz ihr Auto ohne Zwangsabgabe an den Garagisten durch die MFK zu bringen... Antworten