Panorama
Strassenhunde pendeln gezielt durch Moskau
Von David Nauer, Moskau. Aktualisiert am 23.04.2009 12 Kommentare
Beobachtet wird das Phänomen der Pendlerhunde seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Zunächst fuhren die Vierbeiner mit oberirdischen Vorortszügen zu den grossen Moskauer Fleischfabriken, wo sie auf Abfallhalden nach Leckerbissen suchten. «Eines Winters dann entdeckten sie die Metro», so Tierpsychologe Andrei Neuronow in der Zeitung «Komsomolskaja Prawda». Der Forscher studiert die obdachlosen Hunde seit zwei Jahrzehnten. Sein Fazit: «Sie werden immer klüger.»
Nach mehreren Generationen im Untergrund haben die Hunde nicht nur ausgefeilte Betteltechniken entwickelt – und etwa gelernt, dass man sich vor Polizisten in Uniform besser versteckt. Laut Neuronow kennen die vierbeinigen Fahrgäste auch das U-Bahn-Netz ziemlich gut. Sie reisen von der einen Station zur anderen, fressen dort etwas und nehmen den nächsten Zug zurück. Unklar ist, wie sie sich orientieren. Zählen sie die Stopps bis zur Destination oder hören sie auf die Ansage?
In den Labyrinthen der Moskauer Metro
Gewohnheitstiere jedenfalls sind die Kläffer, wie menschliche Metro-Benutzer beobachtet haben. Sie bevorzugen die Waggons an der Spitze und am Ende des Zuges, meiden Stosszeiten und mögen keine Rolltreppen. Besonders vornehme Köter fahren am liebsten dann mit, wenn ein Platz frei ist – auf den gepolsterten Sitzbänken, versteht sich.
In den Labyrinthen der Moskauer Metro und rund um die Stationen leben nicht nur unterprivilegierte Hunde. Auch randständige Menschen, Snack-Verkäufer, Taschendiebe und Blumenfrauen bevölkern den Untergrund. Sie sind es, welche die pelzigen Metro-Bewohner füttern.
Man lässt die Hunde gewähren
Die menschliche Liebe zu den obdachlosen Vierbeinern geht weit. Freiwillige spendeten sogar vor zwei Jahren eine hübsche Summe, um Moskaus Strassenkötern ein Denkmal zu setzen. Die bronzene Hundefigur steht heute in der Metro-Station Mendeleewskaja.
Für gefährlich hält Forscher Neuronow die zuweilen etwas verwahrlost ausschauenden U-BahnHunde nicht. «Wer sie nicht anfasst, den fassen sie nicht an», schildert er seine Erfahrung.
Die Behörden jedenfalls krümmen den Tieren kein Haar. Offiziell wird geschätzt, dass auf Moskauer Stadtgebiet 30’000 streunende Hunde leben. Nur die schlausten von ihnen benützen auch die Metro. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.04.2009, 10:56 Uhr

















Die Welt in Bildern












