Und glücklich schnarrt der Pinguin

Das Eis der Polarkappen wächst wieder. Dies stört Klimatologen. Andere freuen sich. Ein Kommentar.

Wasser oder Eis? Der Pinguin findet an der Antarktis vorerst noch beides.

Wasser oder Eis? Der Pinguin findet an der Antarktis vorerst noch beides. Bild: Keystone

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In diesen Tagen soll ihre Expedition starten. Auf einem chilenischen Forschungsschiff will die 17-jährige Mittelschülerin Janine Wetter aus
Fehraltdorf im Kanton Zürich von Punto Arenas aus in die Antarktis aufbrechen. Am unteren Ende der Erdkugel will sie einen Dokumentarfilm über Pinguine drehen. Nicht einfach aus purer Freude an den putzig watschelnden Vogelwesen. Sie will aufrütteln. Gehe es so weiter mit der Klimaerwärmung, weiss die Schülerin, seien die Pinguine bis ins Jahr 2100 grösstenteils ausgestorben. Verendet an Überhitzung.

Auf deren düstere Zukunft will sie aufmerksam machen, und sie hat sich hartnäckig vorbereitet. Sie hat Filmen unter eisigen Bedingungen in den Alpen geübt, Kontakte geknüpft und erfolgreich Sponsoren für das 100'000-Franken-Budget gesucht. Viele hatten Freude an der idealistischen jungen Kämpferin für die bedrohten Vögel und die schmelzende antarktische Eiswüste. Der «Tages-Anzeiger» brachte ein halbseitiges Porträt über den Muster-Öko-Teenager, das Schweizer Fernsehen delegierte einen Reporter, der einen Film über Janine beim Filmen drehen soll, und der WWF Schweiz betreibt eine Website während ihres Aufenthaltes am Südpol.

Packeis statt schmelzender Gletscher

An alles hatte sie gedacht, nur an eines nicht: 
an die Realität in der Antarktis. Sie hatte wohl zu sehr geglaubt, was Al Gore im Dok-Film «Eine unbequeme Wahrheit» prophezeit hatte: Das Eis der Arktis werde bis 2013 verschwunden sein, das Eis der Antarktis bald danach. Aber mit diesem Glauben war sie nicht die Einzige.

Anfang Dezember 2013 war das russische Schiff Akademik Schokalskij Richtung Antarktis in See gestochen. An Bord eine Truppe Klimawissenschaftler unter Leitung des australischen Klimaforschers und Abenteurers Chris Turney, einige Ökotouristen und Umweltjournalisten. Zu den Zielen gehörte es, Nachweise für den Einfluss der Erderwärmung auf das Polareis zu sammeln. Doch statt auf schmelzende Gletscher stiessen sie auf ausgreifendes Packeis, das den Forscherkahn an Heiligabend vollständig einschloss und zur skurrilen Metallskulptur in einer unermesslichen Eislandschaft erstarren liess. Auch der über Satellit zu Hilfe gerufene chinesische Eisbrecher Schneedrache blieb stecken, ebenso die Aurora Australis (Südlicht), ein australischer Brecher,
der mühelos bis zu eineinviertel Meter dicke Eisschichten durchpflügen kann. Mit Helikoptern wurden die Passagiere der «Akademik» auf die
Hunderte Kilometer entfernte «Aurora» evakuiert, die sich im Rückwärtsgang aus dem Eis befreien und ins offene Meer navigieren konnte. Inzwischen hat sich auch die «Akademik» aus der frostigen Umklammerung befreien können.

Ausdehnung statt Schrumpfung

Turneys gescheiterte Expedition erntete vor allem in angelsächsischen Blogs und Zeitungen Spott. Wie konnte jemand aus einer Berufszunft, die sich anmasst, das Klima der nächsten 100 Jahre auf Zehntelsgrade und den Meeresspiegelanstieg auf Millimeter vorauszusagen, die Regierungen und Bevölkerungen unter Androhung von Apokalypse-
Szenarien Milliarden teure Rettungsmassnahmen verkauft – wie konnte einer wie Turney, der sich brüsten soll, die «weltweit bestbesuchte Website über globale Erwärmung und Klimawandel» zu betreiben, die Begegnung mit den Packeismassen nicht vorhersehen?

«Am falschen Ort zur falschen Zeit» kommentierte dieser salopp das peinliche Debakel. Und machte es sich zu einfach. Tatsächlich hat das antarktische Meereis nicht abgenommen, sondern 2013 laut Nasa eine Rekord-Ausdehnung erreicht, seit es 1979 erstmals mit Satellitenaufnahmen ausgemessen wurde. Ein Blick auf Google hätte genügt. Aber auch die Arktis ist entgegen den Alarmrufen nicht eisfrei geworden. Nach einem kalten arktischen Sommer 2013 zeigten Satellitenbilder des von der Nasa gesponserten National Snow and Ice Data Center vielmehr eine um 29 Prozent gewachsene Eisdecke von den kanadischen Inseln bis zu Russlands Nordküste. Die Nordwest-Passage vom Atlantik in den Pazifik war ganzjährig blockiert, ein Kreuzschiff musste umkehren, mehr als 20 Jachten blieben im Packeis stecken. Wie Chris Turney und Filmdebütantin Janine hatten sie offenbar blind darauf vertraut, dass die angekündigte grosse Schmelze tatsächlich eingetreten sei. Nun haben sich aber die globalen Temperaturen seit 17 Jahren nicht mehr erhöht, und anstelle
 der prognostizierten milden und schneefreien Winter erleben Abermillionen Menschen immer wieder aussergewöhnlich kalte und harsche Monate. In diesen Tagen brausten arktische Schneestürme durch die USA, im Dezember brachte ein halber Meter weisse Pracht den
Verkehr in Jerusalem, der Heiligen Stadt am Ölberg, zum Erliegen. Die auf Computermodellen basierenden Klima-Hochrechnungen haben sich alle als falsch erwiesen.

Halsstarrigkeit statt Selbstreflexion

Die natürliche Antwort der Wissenschaft und der aufgeklärten Intelligenz auf solche Diskrepanzen müsste in einer Infragestellung ihrer Hypothesen bestehen, in diesem Falle derjenigen der Erderwärmung durch von Menschen verursachten
 Kohlendioxidausstoss. Dass diese Selbstreflexion aber kaum stattfindet, liegt daran, dass planetarische Untergangsvisionen zur Lieblingsreligion des reichen, neoheidnischen Westens geworden sind. Klimatologen, vor Kurzem noch belächelte, nerdige Verwandte der akademischen Grosscommunity, stiegen überraschend auf zu Schamanen der Postmoderne. Ob Eisregen, Taifun oder Hitzewelle, jedes Naturereignis deuten sie dem sinnsüchtig schauernden Publikum als Vorboten der finalen Katastrophe, die nur abgewendet werden kann, wenn die Menschen Busse tun für ihren sündigen Lebensstil. Die klimatische Drohkulisse garantiert den Wetterpriestern Status, Ehrfurcht und das üppige Manna staatlicher Forschungsgelder. Der Anreiz, eigene Fehlprognosen einzugestehen, ist gering.

Den Eisbären am Nordpol und den Pinguin auf der anderen Seite der Kugel kümmert dies nicht. Beide lieben das klirrend-kalte Ambiente. Falls Janine Wetters chilenisches Forschungsschiff den Weg durch das Packeis schaffen sollte, wird die Schülerin aus Fehraltorf glücklich trompetende und schnarrende Pinguine antreffen. Hoffentlich kann sie sich trotzdem darüber freuen. (Basler Zeitung)

(Erstellt: 10.01.2014, 11:50 Uhr)

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