Panorama
«Unseren Wagen riss es 70 Meter den Hang runter»
Von Matthias Chapman. Aktualisiert am 01.12.2009
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Eigentlich war die Abfahrt des Zuges von Andermatt Richtung Disentis für 12.27 Uhr geplant gewesen, berichtet Willi M.* gegenüber baz.ch/Newsnet. Offenbar hatten die Bahnverantwortlichen darüber diskutiert, ob wegen des starken Schneefalls überhaupt ein Zug den Oberalp passieren kann. Die Bergstation liegt immerhin auf über 2000 Metern über Meer. Und am Montagnachmittag schneite es in dem Gebiet massiv. Dann entschied man sich offenbar für eine letzte Fahrt. Um 13.40 Uhr ging es los, mit über einer Stunde Verspätung.
Minute für Minute kämpfte sich der Zug der Matterhorn Gotthard Bahn (MGB) durch den Neuschnee in die Höhe. Dann, auf rund 1900 Metern über Meer, zwischen Schöni und Stafelen, geschah es. Willi M. hörte zuerst ein lautes dumpfes Geräusch. «Schabend, wie wenn ein Auto in eine Schneemauer fährt», so der Passagier. Dann habe es zu rumpeln und vibrieren begonnen. Innerhalb von zwei bis drei Sekunden sei dann der Wagen von der Lokomotive losgerissen worden. Willi M. befand sich im vordersten Wagen. «Unseren Wagen riss es als ersten von der Lokomotive los.» Das Gefährt kippte um 90 Grad zur Seite.
«Es gab weder Schreie, noch Panik»
Wie Willi M. weiter erzählt, bestand der Zug aus drei Personenwagen und einem Autowagen. Ausser der Lokomotive, die in den Geleisen stehen blieb, sei die ganze Komposition in die Tiefe gerutscht. Schräg am Berg blieben die vier Wagen hängen. «Unseren Wagen riss es 70 Meter den Hang runter», schätzt Willi M.
Drei Passagiere waren im vordersten Wagen, in dem sich auch Willi M. befand. «Es gab weder Schreie, noch Panik. Irgendwie waren während des Rutsches alle mit sich selber beschäftigt. Als wir zum Stillstand kamen, war es ruhig.» Sie hätten dann mit einem abgebrochenen Sitzteil die Türe aufgestemmt und seien so ins Freie gelangt.
Ungenügende Betreuung
Der Lokführer stieg nach dem Unfall durch den Schnee runter zu den umgekippten Wagen. Auch eine Zugbegleiterin sei im Freien gewesen und habe nach den Leuten geschaut. Die Bahnleute hätten Funkkontakt nach Andermatt aufgenommen und einen Rettungszug angefordert. Um 14.30 Uhr, so der Verunfallte, sei ein Fräsenzug bei der Unfallstelle eingetroffen.
Willi M. sagt, er habe schon ein sehr mulmiges Gefühl gehabt. Vermutlich wegen des Schocks, hätten die Leute nicht extremer reagiert. Am nervösesten seien die Leute von der Bahn gewesen. In Andermatt habe man dann die Personalien der Passagiere aufgenommen. Laut Willi M. waren es neun. Die Betreuung sei ungenügend gewesen. Man habe zwei Frauen aufgeboten, das sogenannte Careteam. Die aber hätten auch nicht richtig gewusst, was zu tun sei. Mit eisgekühlten Getränken habe man die Verunfallten dann verabschiedet. Eine Entschuldigung oder einen Bahngutschein habe es nicht gegeben. Zwei Personen mussten ins Andermatter Militärspital. Einer hatte eine Verletzung hinter dem Ohr, ein anderer eine starke Prellung am Bein.
*Name der Redaktion bekannt (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 01.12.2009, 11:33 Uhr


