Panorama

Viel stärker als in Haiti, doch weitaus weniger tödlich

Aktualisiert am 28.02.2010

Das Erdbeben in Chile hatte die Stärke 8,8 jenes in Haiti 7,0. Trotzdem starben im Karibikstaat hunderttausende Menschen mehr in den Trümmern. Warum?

Zwei Erdbeben mit völlig unterschiedlichen Auswirkungen: Chile (links), Haiti.

Zwei Erdbeben mit völlig unterschiedlichen Auswirkungen: Chile (links), Haiti.
Bild: Reuters

1,8 auf der Richterskala beträgt die Differenz zwischen dem Erbeben in Chile vom Samstag und jenem in Haiti vom 12. Januar. Nur alle paar Jahre trifft die Erde ein Erdbeben von der Stärke wie in Chile; ein Beben von der Stärke 7 wie in Haiti hingegen kommt durchschnittlich 18 Mal pro Jahr vor.

Trotzdem: Mindestens 220'000 Menschen starben an den Folgen des Bebens in Haiti, während in Chile laut den bisherigen Angaben 300 Menschen zu Tode kamen. Wie kommt das?

Darauf gibt es eine erste einfache Antwort: Chile ist weitaus besser auf solche Katastrophen vorbereitet. Im wohlhabendsten Land Lateinamerikas gibt es strikte Bauvorschriften, die in der Regel auch eingehalten werden. Und ebenso existiert ein Katastrophenplan, der nach dem schweren Beben vom Samstag umgehend zum Tragen kam. In Haiti liegt ein solcher Plan nicht vor.

Die Stärke ist nicht das Wichtigste

«Erdbeben an sich töten niemanden. Und sie richten auch keine Zerstörungen an, wenn es nichts gibt, was zerstört werden kann», resümiert Eric Calais, Geophysiker an der Purdue University im US-Staat Indiana.

Demnach ist es nicht die Stärke eines Erdbebens, die Gebäude zum Einsturz bringt, sondern vor allem deren bauliche Struktur. Die Stärke des jüngsten Bebens - 8,8 gegenüber 7,0 in Haiti - lässt also keine unmittelbaren Rückschlüsse auf das Gefahrenpotenzial zu.

Das Epizentrum lag näher

Ausserdem ist es für die Zerstörungskraft von Bedeutung, wo das Epizentrum des Bebens liegt. Denn die Energiequellen verlieren schnell an Stärke, wenn sie sich vom Epizentrum entfernen. Dieses lag in Chile gut 30 Kilometer unter der Erdoberfläche, in Haiti dagegen nur 13 Kilometer - und dann auch noch direkt unter den überbevölkerten Vororten der Hauptstadt Port-au-Prince.

Insofern hatten die Chilenen zweifellos Glück im Unglück. Dennoch hätte die Katastrophe ohne die einschlägigen Vorkehrungen auch bei ihnen weitaus schlimmer ausfallen können. Doch gerade im sozialen Wohnungsbau sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Häuser nach den strikten Vorschriften für Erdbebensicherheit entstanden. So blieben vor allem die ärmeren Wohnviertel vor massiven Zerstörungen verschont - ganz im Gegenteil zu Haiti.

Sofort an die Medien getreten

Wie die Architekten und Bauherren sind in Chile auch Regierungsbehörden einschliesslich der Rettungsdienste auf etwaige Erdbeben eingestellt. So war auch die scheidende Präsidentin Michelle Bachelet sofort zur Stelle, um sich über Radio und Fernsehen mit Informationen, Ratschlägen und Anweisungen an die Bevölkerung zu wenden. In Haiti wusste mindestens einen Tag lang niemand, wo sich Präsident René Préval überhaupt aufhielt, nachdem dessen Residenz bei dem Erdbeben schwer beschädigt worden war.

«Wir verfügen über die notwendige Organisationsstruktur, um auf Krisen vorbereitet zu sein», sagt der chilenische Oberst Hugo Rodriguez, dessen Luftwaffeneinheit als Teil der UN-Friedenstruppe in Haiti stationiert ist. «Und das gilt ganz besonders für Naturkatastrophen, denn die kommen in Chile häufig vor.»

«Unsere Regierung ist schlicht inkompetent»

Genau hierin liegt vermutlich ein weiterer Grund für die Diskrepanz in den Auswirkungen der jüngsten Erdbeben. In Chile kann man sich an frühere heftige Erdbeben noch gut erinnern und hat aus den Erfahrungen gelernt. Im Mai 1960 gab es in dem Andenstaat das bislang schwerste registrierte Erdbeben der Welt überhaupt, und das vom Samstag war dort das dritte mit einer Stärke über 8,7. In Haiti dagegen hatte die Erde letztmals vor 250 Jahren so heftig gebebt, wie der amerikanische Geophysiker Calais hervorhebt. Daran kann sich natürlich niemand mehr erinnern.

Und schliesslich ist Chile reich genug, um die vom Erdbeben betroffene Bevölkerung selbst versorgen zu können. Haiti dagegen wird noch über Monate, wenn nicht Jahre hinweg von internationalen Hilfslieferungen abhängig sein. Dafür wird eine notorische schlechte Infrastruktur und Regierungsführung verantwortlich gemacht. Der haitianische Reggae-Sänger Fanfan Bozot fasst lapidar zusammen: «Chile hat eine verantwortungsbewusste Regierung, unsere dagegen ist schlicht inkompetent.» (oku/ddp)

Erstellt: 28.02.2010, 23:40 Uhr

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