Panorama
«Wir hatten mit dem Leben abgeschlossen»
Von Alexander Müller. Aktualisiert am 08.07.2010 15 Kommentare
Der gestresste Pilot hängt nach der Landung über den Armaturen seines Flugzeugs.
Leser-Reporter: Sascha Wissmann
60 bis 70 Vorfälle pro Jahr
Weil die Easyjet-Maschine in der Schweiz immatrikuliert ist, wurde der Vorfall auch dem Schweizer Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) gemeldet. «Zuständig für die Bewertung des Vorfalls sind aber die französischen Behörden», erklärt BAZL-Sprecher Anton Kohler, «da sich der Vorfall über französischem Gebiet ereignet hat». Im Schweizer Luftraum kommt es jährlich zu zwischen 60 und 70 Vorfällen, bei den sich Flugzeuge zu nahe kommen. Darin sind aber auch Vorfälle mit kleinen Privatmaschinen enthalten, verdeutlicht Kohler.
Stichworte
Beim Landeanflug auf den EuroAirport am 29. Juni gaben die Bordsysteme eines EasyJet-Flugzeugs den Piloten den Befehl zu einem Kurswechsel. Der in Mallorca gestartete Airbus A319 drohte einem Flugzeug der Air France gefährlich nahe zu kommen. Die Piloten reagierten umgehend: «Plötzlich heulten die Triebwerke auf, das Flugzeug zog stark in die Höhe und legte sich in eine Kurve», beschreibt Passagier Daniel Seidl die dramatischen Minuten.
Der 28-Jährige hat danach die Orientierung verloren: «Es fühlte sich zeitweise an, als ob wir kopfüber fliegen. Wir wussten nicht mehr, wo oben und unten war.» In der Kabine sei es derweil totenstill geworden. «Wir hatten mit dem Leben abgeschlossen», beschreibt Seidl den Moment. Auch eine Woche danach sitzt ihm der Schreck noch in den Gliedern.
Sturzflug nach der Kurve
EasyJet bestätigt, dass die Maschine von einem der Bordsysteme angewiesen wurde, auszuweichen. Für die Passagiere habe aber zu keiner Zeit Gefahr bestanden: «Die Piloten änderten als Vorsichtsmassnahme den Kurs des Flugzeugs und leiteten einen Steigflug ein», sagt Medienchef Oliver Aust. Den Flugpassagieren, die zu dem Zeitpunkt glücklicherweise angeschnallt waren, erscheint die Erklärung von EasyJet im Rückblick wie blanker Hohn. «Das war mitnichten nur eine leichte Kursänderung», empört sich Michael Hartmann. «Nach dem Steigflug fiel die Maschine in einen regelrechten Sturzflug.» So beschreibt er den schlimmsten Moment seines Lebens.
Panik an Bord
Auch die Beulen der Flugbegleiterin sprechen eine andere Sprache. Sie verlor den Boden unter den Füssen und knallte mit dem Kopf gegen das Kabinendach, als die Maschine absackte, wie mehrere Passagiere schilderten. Anschliessend brüllte sie am Boden liegend ins Bordtelefon, die Passagiere sollen unbedingt angeschnallt bleiben. Der Flugbegleiterin sei dabei die Panik ins Gesicht geschrieben gestanden. «Danach bekamen wir es erst recht mit der Angst zu tun», sagt der 21-jährige Kristof Kanzler, der mit seinem Fussballverein auf Mallorca den Saisonabschluss feierte. Die Passagiere auf der rechten Seite hätten das andere Flugzeug gar am Fenster vorbeiziehen sehen.
Nach einer letztlich problemlosen Landung auf dem EuroAirport blickte Kanzler in unzählige bleiche Gesichter – auch beim Flugpersonal: «Einer der Piloten legte seinen Kopf auf die Armaturen im Cockpit und sah fix und fertig aus.» Und Daniel Seidl beobachtete, dass quer über das ganze Cockpit Dokumente und Handbücher verstreut waren. Für beide ist klar: So einen turbulenten Flug wollen sie nie wieder erleben müssen.
Haben Sie schon mal eine ähnliche Situation erlebt? Schreiben Sie Ihre Erfahrungen in unser Talkback. (Basler Zeitung)
Erstellt: 08.07.2010, 12:11 Uhr
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15 Kommentare
Finde ich auch!! Manchmal ist es einfach unfassbar wie Leute reagieren. Anstatt den Piloten den gebührenden Lob zukommen zu lassen, dass diese gerade aberdutzenden von Menschen das Leben gerettet haben, wird über Beulen und Schreck geklagt. Wenn's aber nur minimal anders gekommen wäre .. nun ja, ist wohl klar wer dann wieder der Dumme ist! Einfach nur traurig!! Antworten
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