Liess Bandenboss IV-Rentner hinrichten?

In Kreuzlingen hat einer der aufwendigsten Prozesse der Thurgauer Strafprozess-Geschichte begonnen. Anlass ist der Tod eines IV-Rentners – 14 Beschuldigte stehen vor Gericht.

Der Prozess gilt als einer der grössten und aufwendigsten in der Thurgauer Strafprozess-Geschichte: Polizisten sichern den Bereich um das Rathaus in Kreuzlingen. (20. Februar 2017)

Der Prozess gilt als einer der grössten und aufwendigsten in der Thurgauer Strafprozess-Geschichte: Polizisten sichern den Bereich um das Rathaus in Kreuzlingen. (20. Februar 2017) Bild: Ennio Leanza/Keystone

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Unter massivem Polizeischutz hat in Kreuzlingen der Prozess gegen 14 mutmassliche Menschenschmuggler und Drogenhändler begonnen. Anlass für den Monsterprozess ist ein Tötungsdelikt an einem IV-Rentner in Kümmertshausen.

Vor gut sechs Jahren war ein IV-Rentner tot in seinem Einfamilienhaus in einem abgelegenen Weiler in Kümmertshausen TG aufgefunden worden. Der 53-Jährige war durch eine brutale Knebelung gestorben. Die Tat gab vorerst Rätsel auf.

Kontakt wegen inhaftierten Freunds

Während der Strafuntersuchung stiess die Polizei auf eine kriminelle Organisation aus türkisch-kurdischen Kreisen. Deren Mitglieder waren teilweise als Flüchtlinge in die Schweiz gekommen und lebten laut Anklage vom Drogenhandel, Menschenschmuggel und von Erpressungen.

Wie es in der Anklageschrift heisst, kam der Getötete durch einen Freund mit der Bande in Kontakt. Als dieser in Griechenland beim Schmuggeln von Flüchtlingen erwischt wurde, verlangte der IV-Rentner vom Bandenchef, er müsse dem Inhaftierten helfen.

Drohung und Mord

Der Bandenchef versprach, dem Verhafteten einen Anwalt zu besorgen, wenn der IV-Rentner als Gegenleistung 2,5 Kilogramm Heroin in seinem Haus lagere. Als der Freund Monate später jedoch immer noch im Gefängnis sass, drohte der IV-Rentner mit der Polizei.

Daraufhin soll der 47-jährige Iraker sechs Mitglieder beauftragt haben, den «alten Mann» zum Schweigen zu bringen und das Heroin zurückzuholen. Laut Anklageschrift führten die Männer den Auftrag nach mehreren vergeblichen Versuchen am Abend des 20. November 2010 aus. Zuerst setzten sie den Hund des allein lebenden IV-Rentners mit Tränengas ausser Gefecht. Dann erstickten sie ihr Opfer mit der Kapuze eines Pullovers, die sie ihm in den Hals stopften.

«Kronzeugen geschont»

Zwei Männern wird wegen des Tötungsdelikts in der Türkei der Prozess gemacht. Vier Angeklagte stehen deswegen seit Montag zusammen mit acht weiteren mutmasslichen Bandenmitgliedern vor dem Bezirksgericht Kreuzlingen. Welcher der vier Hauptangeklagten beim Überfall auf den Rentner welche Rolle spielte, ist unklar.

Umstritten ist insbesondere die Rolle eines 38-jährigen Türken, welcher die Polizei über die kriminellen Machenschaften der Bande informiert haben soll. Der Türke war im März 2015 im abgekürzten Verfahren wegen Gehilfenschaft zu vorsätzlicher Tötung und weiterer Delikte zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt worden. Gegen diese separate Verurteilung wehrte sich ein Mitangeklagter erfolgreich.

Das Bundesgericht hob das Urteil auf. Der 38-Jährige steht nun zusammen mit den andern mutmasslichen Bandenmitgliedern vor Gericht. Als «Kronzeuge» sei der Mann geschont worden, obwohl er auch als Haupttäter des Tötungsdelikts in Frage komme. Dies sagte der Verteidiger eines 53-jährigen Türken, dem eine Freiheitsstrafe von gut 15 Jahren droht.

Auch Verteidiger werden kontrolliert

Das Tötungsdelikt ist das schwerste von 30 Delikten, welche den 14 Bandenmitgliedern vorgeworfen werden. Der bisher umfangreichsten Strafprozess im Thurgau hat am Montag begonnen und dauert bis Ende November. Die Delikte kommen ab März zur Sprache. Am Montag ging es lediglich um prozessuale Vorfragen.

Das Verfahren im Rathaus Kreuzlingen findet unter grossen Sicherheitsvorkehrungen statt. Nicht nur Beschuldigte, Zuschauer und Medienschaffende, auch sämtliche Pflichtverteidiger müssen durch eine Sicherheitsschleuse und werden auf Waffen durchsucht. Die drei inhaftierten Beschuldigten werden jeweils in Fuss- und Handfesseln vorgeführt. Auch während der Verhandlung blieben sie am Montag an Füssen und Händen gefesselt.

«Handfesseln sind erniedrigend»

Die Verteidiger zweier Hauptangeklagter verlangten, dass die Handfesseln in Zukunft abgenommen werden. «Stundenlang so dazusitzen, ist unmenschlich und erniedrigend», sagte der Verteidiger eines 46-jährigen Türken, für welchen die Staatsanwaltschaft eine Freiheitsstrafe von 20 Jahren fordert.

Mehrere Verteidiger rügten das Verfahren. Zwei Staatsanwälte hätten abgesetzt werden müssen. In den Akten herrsche ein Chaos. Oft sei unklar, welche Delikte den Beschuldigten zur Last gelegt würden. Es sei zudem unsinnig, Angeklagte an einem derartigen «Monsterprozess» zu beteiligen, die mit den Kapitalverbrechen gar nichts zu tun hätten.

(mch/sda)

Erstellt: 20.02.2017, 21:07 Uhr

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