Eine kleine Ewigkeit in der Economy

Ein Selbstversuch klärt, wie man den längsten Flug der Welt übersteht.

Wie überlebt man fast 18 Stunden in der Economy? (Alle Bilder: Aerotelegraph)

Wie überlebt man fast 18 Stunden in der Economy? (Alle Bilder: Aerotelegraph)

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Neuseeland lockt mit atemberaubender Natur, freundlichen Menschen, einer reichen Kultur und einem milden Klima. Nur einen Nachteil hat das Land – es liegt für Europäer quasi am anderen Ende der Welt. Selbst mit den kürzesten Flugverbindungen ist man einen ganzen Tag lang unterwegs.

Einer der schnellsten Wege führt heute über den Golf. Qatar Airways hat kürzlich Auckland ins Streckennetz aufgenommen. Die Nonstop-Verbindung von Doha in die grösste neuseeländische Stadt ist mit 14'544 Kilometern die längste der Welt. Gemäss Flugplan dauert der Flug auf dem Hinweg 16:20 Stunden und auf dem Rückweg gar 17:40 Stunden. Das sind mehr als zwei klassische Arbeitstage am Stück oder genug Zeit, um die «Herr der Ringe»- und «Hobbit»-Trilogien zu schauen.

Ich und 258 andere Leute

Ist das auszuhalten? Kann man es vielleicht sogar geniessen? Oder ist es eine Tortur? Wir haben es ausprobiert und setzten uns in die Economy Class von Qatar Airways von Auckland nach Doha.

Die 1. Stunde: Am Morgen ist die Boeing 777-200 LR von Qatar Airways in Auckland angekommen. Jetzt, zehn Stunden später, steht sie wieder zum Rückflug bereit. Ich nehme Platz ganz vorne in der Economy Class am Fenster auf 11K. Pünktlich um 15.05 Uhr rollt die Maschine zum Start. Wäre sie voll gepackt, befänden sich 216 andere Passagiere in der Holzklasse und 42 in der Business. Heute bleiben aber viele Sitze frei. Das bedeutet schon mal erleichterte Umstände bei meinem Selbsttest. Der Start in Auckland ist atemberaubend. Durchs Fenster blicke ich auf die grünen Hügel und traumhaften Strände. Die Triple-Seven pfeilt geradeaus aufs Meer nach Nordwesten.

Über der Tasmanischen See

Die 2. Stunde: Auf Reiseflughöhe angekommen, gibt es bald schon die erste Mahlzeit. Essen wird etwas sein, das sich hier oben auf mehr als 10'000 Metern zum wohltuenden Ritual entwickelt. Denn es bringt Abwechslung. Ich habe das asiatisch-vegetarische Menü vorbestellt. Eine gute Wahl, denn es schmeckt vortrefflich. Dazu trinke ich ein Foster-Bier. Das kommt zwar aus Australien, aber immerhin weniger weit weg als das sonst angebotene Heineken. Wir fliegen jetzt quer über die Tasmanische See.

Die 3. Stunde: Mir ist bewusst, dass das bis jetzt ein Pappenstiel war. Die Herausforderung kommt viel später. Und so kann ich die Zeit an Bord der 777-200 LR noch geniessen. Ich schaue aus dem Fenster. Das Licht fällt inzwischen deutlich flacher auf die Erde. Unten zeigt sich jetzt eine unberührte Küste mit Traumstränden. Wir haben die Südostspitze Australiens erreicht und fliegen von dort in Richtung Melbourne weiter. Fürs Schlafen ist es viel zu früh. Es ist ja erst früher Abend am Startort. Es ist eine gute Zeit für den ersten Film.

2000 Kaltgetränke an Bord

Die 4. Stunde: Der Film läuft, ich gucke zwischendurch aus dem Fenster. Unter mir ziehen sich riesige, geradlinige Felder dahin. Die Grösse Australiens lässt sich im Flug gut nachvollziehen, weil man so lange über dieses Land fliegt. Und wenn man dann auf die Weltkarte schaut, merkt man: Man ist zwar schon durchaus eine Weile unterwegs, aber irgendwie noch nirgends. Ich bekomme ein Glas Wasser angeboten und nehme dankend an. Schliesslich soll man auf so langen Flügen wegen der trockenen Luft an Bord viel trinken. Daran erinnert Qatar Airways auch immer wieder mit Hinweisen auf dem Bildschirm. Insgesamt lädt sie 1036 Mahlzeiten und 2000 Kalt- und 1200 Warmgetränke auf einen vollbesetzten Flug QR921.

Die 5. Stunde: Auf dem Bildschirm erscheint der Hinweis, man solle regelmässig die Beine bewegen und auch immer wieder aufstehen. Das nehme ich mir zu Herzen. Zurück am Platz lese ich ein wenig. Draussen ist es dunkel geworden. Auf der gesamten Reise durchqueren ich und meine Mitpassagiere zehn Zeitzonen.

Wein als Hypnotikum

Die 6. Stunde: Es liegen noch immer mehr als zwölf Stunden vor mir. Also wähle ich im Bordunterhaltungssystem einen zweiten Film. Die Auswahl ist gross und sehr international. Das erlaubt auch, mal Unbekanntes zu entdecken. Die Piloten vorne im Cockpit dürfen das nicht. Sie müssen sich auf ihre Aufgaben konzentrieren. Um nicht zu ermüden und Ruhezeiten einhalten zu können, werden sie aber abgelöst. Auf dem ultralangen Flug sind vier Piloten an Bord. Für das Wohl der Reisenden sorgen 15 Besatzungsmitglieder, die sich ebenfalls im Dienst abwechseln.

Die 7. Stunde: Es gibt wieder etwas zu essen. Ich trinke nun zwei Glas Wein dazu – als Vorbereitung auf die lange Nacht. Ich habe zum Glück nie gross Mühe, in einem Flieger zu dösen. Ja, ich schlafe jeweils sogar, allerdings immer wieder unterbrochen durch Geräusche, den Nachbarn oder das Wegkippen des eigenen Kopfes. Auf diesem Monsterflug sind die Aussichten unerwartet gut. Da ich gleich zwei freie Nebensitze habe, gibt es Hoffnung, auch mal wirklich länger durchzuschlafen. Da die Sessel mit 18,9 Zoll recht breit sind – Qatar Airways bestuhlt die 777-200 LR nur mit neun Sitzen pro Reihe –, ergibt sich ein rund 144 Zentimeter langes, wenn auch nicht sehr breites Bett.

Die 8. und 9. Stunde: Ich lege mich hin. Die Armlehnen und die Gurtschlösser verhindern, dass aus den drei Sitzen ein wirklich bequemes Kurzbett wird. Aber es ist besser, als nur in einem Sessel aufrecht schlafen zu können. Ich schlafe denn auch wirklich schnell ein. Nur kurz erwache ich in dieser Phase und blicke auf den Bildschirm. Da steht: «Distance Traveled: 6682 km» und «Distance to Destination: 7878 km». Mist.

Schlaf!

Die 10., 11., 12. und 13. Stunde: Ich schlafe weiter. Die Maschine von Qatar Airways fliegt über die Java-See, über Singapur und die Strasse von Malakka in Richtung Südindien. Inzwischen machen sich die trotz Extraplatz engen Verhältnisse bemerkbar. Der Rücken und der Nacken schmerzen. Ich stehe wieder auf und schreite den Gang rauf und runter. Meine Thrombose-Prophylaxe. Die meisten meiner Mitpassagiere sind in ihre Sitze gesunken und schlafen. Nur bei einem Mann brennt immer Licht. Er liest seit Stunden. Wir sind irgendwo über dem Indischen Ozean unterwegs.

Die 14. Stunde: Irgendwie ist es aus mit Schlafen. Ich gucke in die Kabine. Auch die Mitreisenden schlafen nicht mehr alle. Da und dort werkelt einer auf seinem Laptop, andere lesen.

Das Ende naht – langsam

Die 15. Stunde: Nun zieht es sich hin. Wir scheinen nicht mehr voranzukommen. Ich spiele etwas auf meinem Smartphone, das dank USB-Steckdose immer voll geladen ist. Ich schiesse auf farbige Kugeln, die dann zerplatzen. Doch bei Level 173 bleibe ich stecken und komme einfach nicht mehr weiter. Frustrierend. Wifi gibt es an Bord nicht, etwas im Netz surfen geht also nicht. Auch News checken ist nicht möglich. Von der Aussenwelt ist man auf QR921 abgeschnitten. Daher noch ein Film.

Die 16. Stunde: Ich schiebe die Blende hoch. Unten erblicke ich die Lichter irgendwelcher indischer Kleinstädte, die vermutlich grösser sind als die meisten Städte in Deutschland. Ich stelle mir das Gewusel auf den Strassen dort unten vor. Jetzt zeigt sich, dass die 33 Zoll Sitzabstand – fast 84 Zentimeter – auf einem so langen Flug wirklich helfen.

Die 17. Stunde: Nun werde ich hibbelig. Noch immer dauert der Flug eine ganze Weile. Mein Arsenal an Beschäftigungsmöglichkeiten ist ausgeschöpft. Das Einzige, was jetzt hilft, ist die relative Betrachtung: Schon so viel hinter mir zu haben und nur noch so wenig vor mir. Es gibt nochmals einen Snack.

Die 18. Stunde: Die Flugbegleiter bereiten die Kabine für die Landung vor. Die Erlösung naht. Und irgendwann erscheinen die Lichter von Doha.

Die Gretchenfrage

«Wie war es?» Die Frage stellt mir danach jeder. Der Flug ist so lang, dass man automatisch an den Punkt kommt, wo man hundemüde ist und schlafen will und muss. Dank bequemer Sitze mit grosszügiger Beinfreiheit geht das auch. Hinzu kommt eine aufmerksame Crew und ein gutes Angebot an Bord. Ich fand die 17:40 Stunden daher durchaus überlebbar, ja überraschend normal. Ich hatte allerdings wegen der freien Plätze neben mir günstige Bedingungen. In einer vollen Maschine könnte das Fazit wohl anders ausfallen. Nochmals? Warum nicht. (se/Aerotelegraph.com)

Erstellt: 14.05.2017, 09:30 Uhr

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