Gletscher, Häx und der tückische Sepp

Das Walliser Wintersportgebiet Belalp punktet weder mit Luxus noch der Anzahl Pistenkilometer – dafür mit Magie und erstaunlich lockeren Berglern.

Die Häx ruft: Sonnenhungrige lassen sich in der höchsten Bar des Skigebiets nieder. Foto: Marco Zanoni

Die Häx ruft: Sonnenhungrige lassen sich in der höchsten Bar des Skigebiets nieder. Foto: Marco Zanoni

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Eiskristalle wirbeln durch die Winterluft, lassen sich respektlos auf den Wimpern nieder, kitzeln die Nasenspitze und verzieren die Mützen. Der Skilift schleppt die ersten Schneesportler auf den Sparrhorngrat. Noch sieht man kaum weiter als bis zum nächsten Bügel. Dichter Nebel packt alles in Watte und dämpft jeden Laut. Doch plötzlich brechen Sonnenstrahlen durch eine Lücke im Nebelmeer, und die Eiskristalle funkeln wie Diamanten. Das Herz macht einen Sprung vor Glück.

Der Start des Skitags passt zur Belalp. Auf den ersten Blick ist hier nichts spektakulär. Ursprünglich wirkt die Landschaft und authentisch. Belalp ist autofrei. 70 Prozent der Gäste kommen aus der Schweiz. Erst auf den zweiten Blick entpuppt sich das kleine Dorf als Geheimtipp. Im Vergleich zu den Mega-Playern im Wintersport, Les Portes du Soleil und 4 Vallées, geht es hier bescheiden zu und her. Gerade mal elf Lifte zählt das Skigebiet. 60 Kilometer Piste sind auch nicht atemberaubend. Andere Walliser Skigebiete offerieren ein weit grösseres Angebot.

Wintersportler mit Besen statt mit Skistöcken

Womit punktet die Belalp? Mit Magie. Schwarze, rote und blaue Pisten warten auf uns. Wir wählen die Farbe der Ferne, der Sehnsucht, der Leichtigkeit. Wir wählen Blau. Die Schnellen donnern die Häx ­hinunter. Wir aber gleiten besinnlich durchs Hexenland. Hier, sagt man, in diesem magischen Wald, umgeben von Besen aus Haselzweigen, würden Kinder wie von Zauberhand die Kurven lernen.

Die Hexe gehört zur Belalp wie der Fendant zum Wallis. Das Gebiet wurde über die Kantonsgrenzen hinaus bekannt – dank der Hexenabfahrten im Januar. Bei diesem Event flitzen bis zu 1500 als Hexen verkleidete närrische Wintersportler den Berg hinunter – mit Besen statt Skistöcken.

Blau und Mühelosigkeit hin oder her, jetzt geht es hinauf bis zum höchsten Punkt des Skigebiets, zum Hohstock auf 3118 Meter über Meer. Ein kleines Holzhaus klebt an der Felswand. Mit den Stöcken schieben wir uns durch eine winzige Tür und finden uns in einem Tunnel wieder. 160 Meter ist nun «Stöckle»-Einsatz angesagt. Schweissperlen rinnen den Rücken hinab. Doch die Mühe lohnt sich. Am Ende des Tunnels öffnet sich ein Paradies: Unberührter Tiefschnee lockt, und 17 Viertausender stehen Spalier. Der Hang heisst Tunnel Westseite. Die Abfahrt bleibt beliebt, weil kein einziger Lift zu sehen ist und die Skifahrer dennoch bequem wieder in die Pistenlandschaft eingeschleust werden. Angesichts der Popularität der Strecke sollte man sich die Westseite frühmorgens vornehmen. Sonst wandelt sich der Traum vom Ritt im Tiefschnee schnell zur unfreiwilligen Buckelfahrt.

Wer es noch exklusiver mag, steigt vom Tunnelausgang weiter bergauf und wählt einen der alternativen Hänge. Das ist nicht ganz ungefährlich. Deshalb lässt man sich besser von einem der vielen einheimischen Guides begleiten.

Marschieren mit Heusuppe & Wildschweinragout

Die Belalp investiert massiv in den Tourismus. Gemäss Medienberichten hat die Gemeinde Naters, die auch mehrheitlich die Bahnen besitzt, in den letzten acht Jahren 130 Millionen Franken in die Infrastruktur gesteckt. Heute können im Gebiet bei Bedarf 40 Prozent aller Pisten beschneit werden. Trotzdem bleibt die Belalp vergleichsweise günstig. 56 Franken kostet der Tagespass für Erwachsene. Das sind 20 Franken weniger als in Saas-Fee oder Verbier.

Die grossen Investitionen sind nun getätigt, wie der neue Geschäftsführer der Belalp-Bahnen, Michael Nellen, kürzlich in einem Interview sagte: «Diesbezüglich müssen wir sicherlich das Tempo drosseln.» Der Charme der Belalp wird es ihm danken.

Diesen kann man auch mit einem anderen Sportgerät als den Ski erleben: Es knirscht bei jedem Schritt, im Schnee bleiben Ab­drücke zurück, wie von einem Yeti gestampft. Wir marschieren mit Schneeschuhen in Einerkolonne. Ein Wanderer nach dem anderen hält den widerspenstigen Tannenzweig für den nächsten, bis alle das Hindernis passiert haben. Der Ast schwingt zurück und schüttelt Schneeflocken ab.

Verschiedene Pfade in einer ­Gesamtlänge von 13,5 Kilometern sind für Schneeschuhwanderer präpariert. Die Touren führen vom Dorf Blatten durch das ganze Skigebiet. Sie sind vielseitig, es geht steile Hänge hinauf, über weite Flächen, durch Wald und über Bäche. Um die Tierwelt nicht unnötig zu strapazieren, ermahnen Infotafeln die Schneeschuhwanderer, sich an gewissen Stellen leise zu verhalten. Auf der Website der Region findet sich ein praktischer Schneeschuh-Führer, mit dem sich Touren leicht planen lassen.

Wer sich sicherer fühlt, wenn er den Fussstapfen eines Guides folgen kann, hat verschiedene Varianten zur Auswahl. Empfehlenswert sind Ausflüge, die nicht nur das Auge, sondern auch den Gaumen belohnen – wie die kulinarische Wanderung namens Lucullus. Mit Heusuppe und Wildschweinragout im Magen marschiert es sich schon viel besser. Dem lateinischen Motto wird die Aufmachung der Begleiter gerecht: Bergler in Römerkleidern wandern mit und verleihen der Lucullus-Tour eine folkloristische Note, die von Walliser Humor und Lockerheit zeugt. Den Rest besorgt der Kaffee Gügs aus der «Guttra» im Rucksack.

Nach dem Gespenst erscheinen Jungfrau & Mönch

Im Tannenwald hängen Nebelschwaden. Man hört nur das Knirschen der Schritte, gelegentlich einen Vogelschrei. Es riecht nach Harz und frischem Schnee. Die Bergwälder bieten sich als Schauplatz versponnener Sagen an. In einem Sturm, der die Äste zu Boden peitschte, und in tiefschwarzer Nacht soll ein junges Mädchen verschwunden sein. Als Gespenst kann man ihm noch begegnen, heisst es, besonders bei Wind und Schnee. Doch die Verschwundene zeigt sich nur Frauen.

Nach weiteren gruseligen Geschichten sind wir froh, dass der Wald sich lichtet und die Berggipfel der Viertausender Jungfrau, Mönch und Eiger sichtbar werden. Was für eine Aussicht! Die Massaschlucht zur Rechten stapfen wir einen langen Hang hinauf, mit jedem Atemzug die kühle Bergluft geniessend.

Vom Aletschbord schweift der Blick über den Grossen Aletschgletscher. Der Eisstrom schlängelt sich von der Jungfrauregion 23 Kilometer hinunter. Der längste Gletscher der Schweiz wiegt 27 Milliarden Tonnen. Die Masse entspricht dem Gewicht von 72,5 Millionen Jumbojets. Die Belalp ist Teil des Unesco-Welterbes «Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch». Das Herzstück dieser Naturpracht bleibt der Gletscher. Die globale Erderwärmung setzt auch ihm zu, er schmilzt jährlich bis zu 50 Meter.

Wer sich von dem Ausblick nicht losreissen kann, bleibt für den Abendtrunk im Hotel Belalp, einer schmucken Gaststätte aus dem Jahr 1858. Sie ist nur zu Fuss erreichbar. Die Belalp wurde als Unterkunft für Alpinisten wie den Iren John Tyndall berühmt. Der Bergpionier verbrachte hier 44 Sommer. Zu seinen Ehren bewahrte das Hotel ein Zimmer im Originalzustand. Wer darin übernachtet, muss jedoch auf ein eigenes Bad verzichten, solcher Luxus war im 19. Jahrhundert hier unbekannt. Fast 100 Jahre lang betrieb das Hotel zudem eine eigene Post­stelle und gab eine hauseigene Briefmarke heraus.

Wo Unterländer mit urchigen Jodlerinnen trinken

Es lohnt sich, am späteren Abend wieder talwärts zu steigen. Im Herzen des Skigebiets, dort, wo die Gondel aus Blatten ankommt, thront auf einem Hügel stolz das Chalet Sepp. Von aussen wirkt es gewöhnlich – ein Lebkuchenhaus mit steilem Dach, an dem der Schnee abzurutschen droht. Fröhliches Gelächter dringt uns entgegen.

An jedem Ferienort gibt es einen Platz, wo Einheimische und Touristen sich mischen, Bergführer mit Grossstadtmenschen tanzen, urchige Jodlerinnen mit urbanen Bürolistinnen einen Schnaps trinken. Auf der Belalp heisst dieser Ort Chalet Sepp.

Die Betten sind hart, die Zimmer sehr rustikal. Natürlich könnte man die Nacht auch in der edlen Hamilton Lodge oder dem neu gebauten Reka-Feriendorf verbringen. Doch Sepp bietet originale Walliser Feststimmung. Unterländer, die das Bergklima nicht gewohnt sind, seien vor den Tücken gewarnt: Im Sepp sollte man besser nicht «eis uber du Durscht trichu».


Die Reise wurde unterstützt von Blatten-Belalp Tourismus (SonntagsZeitung)

Erstellt: 23.01.2017, 12:25 Uhr

Ohne Auto, mit Seilbahn

Anreise Mit dem Intercity nach Brig. Weiter mit dem Postauto bis zur Luftseilbahn in Blatten. Mit dem Auto nach Blatten (Tages- und Dauerparkplätze). Die Belalp ist autofrei und nur mit der Seilbahn erreichbar.

Unterkunft Familien übernachten gemütlich im neuen Reka-Dorf in Blatten ab 1400 Fr. pro Woche; www.reka.ch;
Hotel Belalp DZ ab 160 Fr.;
www.hotel-belalp.ch;
Hamilton Lodge ab 200 Fr. im DZ, ww.hamiltonlodge.ch;
Chalet Sepp direkt an der Piste, ab 49 Fr. Massenlager, DZ ab 90 Fr. pro Person; www.chaletsepp.ch

Wintersport Tageskarte 56 Fr.,
Wochenkarte 325 Fr.

Saisonende 17. April 2017

Ausflüge Schneeschuhtour
Lucullus am 4. März;
www.schneesportschule-belalp.ch

Allg. Infos www.belalp.ch

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