Eine Frage der Gangart

Auf der autofreien Nordsee-Insel Juist bestimmen Wind, Ebbe und Flut das Leben von Einheimischen und Feriengästen. Nicht mal die Pferde lassen sich stressen.

Botschafter der Insel: Die robusten Pferde von Juist. Foto: Getty Images

Botschafter der Insel: Die robusten Pferde von Juist. Foto: Getty Images

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Das Strassenschild zeigt zwar eine Kutsche, aber die Aufforderung irritiert: «Im Schritt frei.» Führt der Weg zum Nacktbadestrand, soll der Gast vorsorglich die Hose runterlassen?

Ein Fuhrwerk, dessen Pferde auf energischen Zuruf des Kutschers beim Dorfeingang vom Trab in den Schritt verfallen, klärt definitiv auf: Hier geht es nur um die Gangart. Die robusten Stuten und Wallache, 100 im Dienste von fünf Fuhrhaltern, sind die Botschafter der Insel im ostfriesischen Wattenmeer. Abgesehen von den Benzinkutschen der beiden Allgemeinmediziner, der Sanität und der Feuerwehr bleibt Juist autofrei. Selbst Inselpolizist Günther Hermann muss sich aufs Velo schwingen, um seltene Unfälle und noch seltenere Verbrechen zu protokollieren. Hufgeklapper, Schnauben und Wiehern der fleissigen Hannoveraner bilden eine nostalgische Geräuschkulisse, die angegraute Ankömmlinge in unbeschwerte Kindheitserinnerungen tauchen.

Wir waren in einer Britten-Norman Islander der Frisia Luftfahrt im Ostteil der 17 Kilometer langen Insel gelandet – sechs Minuten nach dem Start in Norderney. «Glück gehabt, der Flieger hat Juist getroffen, kommt nicht oft vor», witzelte Pilot Sven Ziemann, während er die zehnplätzige Propellermaschine auf der 700 Meter kurzen Landebahn ausrollen liess.

Schmales Zeitfenster für Fährverbindung

Statt im Taxi ruckelten wir im Pferdewagen ins Dorf. Falko und Galwin liessen die Anfeuerungen und Beschimpfungen des knorrigen Kutschers stoisch über sich ergehen. Ein Fasan verschwand in den windgeplagten Büschen, ein Pfau stand stolz Spalier, am weiten Himmel formierten sich Zugvögel zur Reise.

«Bei uns läuft alles etwas gemächlicher», sagt Jens Heyken, der Chef des Nationalparkhauses. «Wer sich für Juist entscheidet, muss länger bleiben.»

Ebbe und Flut bestimmen den Rhythmus auf der 1500-Einwohner-Insel. Bis 1982 besass man nicht mal einen geschützten Hafen. Die Fähre aus Norddeich-Mole legte draussen im Watt an. Ein Bähnchen fuhr Passagiere und Gepäck auf einem wackeligen Hochgeleis über den Schlick auf festen Boden. Der neue Hafen wurde nicht am tidenunabhängigen Ostende von Juist gebaut, sondern auf der Wattseite, wo Ebbe und Flut an 9 von 10 Tagen nur ein schmales tägliches Zeitfenster für die Fährverbindung zum Festland gewähren. «Die Juister wählten den erschwerten Zugang», sagt Jens Heyken, «die entschleunigte Lebensweise unterscheidet uns von den Nachbarn.» Rote Backsteinhäuser ducken sich zwischen Dünen und Deichen. Im Gegensatz zum pompöseren Norderney kennt Juist kaum Bausünden – abgesehen von der Betonfassade am Haus des Kurgastes.

«Die entschleunigte Lebensweise unterscheidet uns von den Nachbarn.»Jens Heyke, Chef des Nationalparkhauses

Als der Tourismus in Juist in Schwung kam, baute man eine 1,5 Kilometer lange Strandpromenade. Doch der harsche Wind, der sich regelmässig zum Sturm steigert, und Strömungswechsel gebärdeten sich als Spielverderber.

Heute liegt ein 20 Meter hoher Dünengürtel vor der Flaniermeile. Holztreppen führen auf Podeste, wo sich das klassische Juist-Gefühl einstellt. Im Rücken das träge Watt, vor der Nase Gischt und Brandung der Nordsee. Draussen auf dem Meer gleiten drei mächtige Containerschiffe in Richtung Bremerhaven und Hamburg. In der Ferne grüssen die neuen Offshore-Windparks. Warnblinker sorgen nachts für ein irrlichterndes Spektakel am Horizont.

Heino, der Wattflüsterer

Auch das schönste Gebäude von Juist, das Kurhaus von 1898, besitzt längst keinen direkten Strandzugang mehr. Mit einer Jugendstilkuppel und den famosen Marmortreppen erinnert das Hotel an die Belle Epoque, als die feinen Herrschaften wochenlang zur Erholung auf Juist weilten und das Meer und die jodhaltige Luft genossen.

Auf der Insel haben sich die Ansprüche des Publikums wenig verändert. Gleich neben dem Kurhaus bietet Wattflüsterer Heino «Beobachtung von Ebbe und Flut» und Therapeutinnen «gemeinsame Gewöhnung ans Reizklima».

In dieser entspannten Ambiance besinnen sich sogar die Kinder auf das Unaufgeregte. Derweil Krähen Haferkörner aus dem Pferdemist picken, lässt der Nachwuchs mit wachsender Begeisterung Schiffchen im Wasserbecken auf dem Kurplatz schwimmen. «Das war eine Lieblingsbeschäftigung meiner Jugend» erzählt Jens Heyken. Der 45-Jährige kam vor 18 Jahren als Leiter des Nationalparkhauses nach Juist zurück.

«Es dauert hier alles etwas länger»

Im ehemaligen Inselbahnhof darf man einen Katzenhai, einen Wolfsbarsch und Seesterne in Aquarien bewundern; die Ausstellung auf Sandboden erklärt die ökologischen Verflechtungen im Weltnaturerbe Wattenmeer. Den erlernten Beruf als Forstingenieur könnte Heyken nicht ausüben. Auf Juists kargem Boden gedeihen Strandhafer und Buschwerk.

Vor hundert Jahren wurde zwar ein Wäldchen angelegt, aber kein Baum misst mehr als vier Meter, die Eichenstämme sind leicht mit zwei Händen zu umfassen. «Es dauert hier alles etwas länger», wiederholt Jens Heyken und weicht routiniert einem Feriengast aus, der seinen Koffer auf dem Handkarren des Vermieters zur Fähre schiebt.


Die Reise wurde unterstützt von der Deutschen Zentrale für Tourismus.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 13.04.2017, 15:00 Uhr

Fähre oder Flug

Anreise Mit der Bahn von Han­nover über Bremen nach Norddeich-Mole. Weiter mit Fähre oder Flug nach Juist.
www.reederei-frisia.de
www.kurhaus-juist.de
www.nationalparkhaus-wattenmeer.de/juist
www.juist.de

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