Zwei Frauen und sechs Sterne

In Zürich expandiert die Hotel-Mittelklasse. Im Vorteil sind Arrivierte, die von engagierten Chefinnen geführt werden.

Die Elsässerin Isabelle Zeyssolff (l.) ist Gastgeberin im Florhof im Zürcher Universitätsquartier, Chefin Eva Stiefel vom Ni-Mo im Zürcher Seefeld. Fotos: Michele Limina

Die Elsässerin Isabelle Zeyssolff (l.) ist Gastgeberin im Florhof im Zürcher Universitätsquartier, Chefin Eva Stiefel vom Ni-Mo im Zürcher Seefeld. Fotos: Michele Limina

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Zehn verschiedene Brötchen und Gipfeli, diverse Behältnisse mit Körnern und Müesli, grosses Käsesortiment, Trockenfleisch von Speck bis Truthahn, acht Obst­arten, warme Eierspeisen: Das Frühstück im Ni-Mo nimmt es leicht mit dem Angebot einer Nobelherberge auf. «Der Zmorge», sagt Eva Stiefel, «ist unser Aushängeschild.» Die 52-Jährige führt das mit drei Sternen dekorierte Kleinhotel im Zürcher Seefeld seit vier Jahren mit so viel Herz und Seele, dass sich die Kundschaft mündlich und in Kommentaren in Bewertungsportalen mit Lobeshymnen überschlägt.

«Eigentlich kam ich zur Hotellerie wie die Jungfrau zum Kind», erzählt die Inhaberin einer Filmproduktionsfirma. Sie suchte nach neuen Herausforderungen – bevorzugt in der Gastronomie. Die Übernahme des Cafés Schober im Niederdorf erschien der Quereinsteigerin zu riskant. Als ihr aber das Ni-Mo angeboten wurde, griff sie zu. Eva Stiefel ­baute das Hotel von 10 auf 15 ­Zimmern aus, mietete einen dritten Stock dazu und verpasste den Unterkünften eine ganz persönliche Note. Ein interessantes Farbkonzept, viel Holz und ­ausgesuchte Designerstücke sorgen für eine urbane und wohnliche Ambiance. Jedes Zimmer besitzt ein individuelles Layout.

Gäste können sich bei Getränken selbst bedienen

Eva Stiefels Schwiegersohn, gelernter Zimmermann, arbeitete acht Monate lang an der Einrichtung des Hauses – und kreierte beispielsweise einen Holzwürfel auf dem Nachttisch, in dem sich der Radiowecker raffiniert versteckt.

«Wir sind weder Bed & Breakfast noch Hotel», bekennt die Chefin, «vielleicht trifft der etwas aus der Mode gekommene Begriff Hotel Garni den Nagel auf den Kopf.»

Nach 20 Uhr bleibt die Réception im Ni-Mo verwaist, jeder Gast kriegt einen Schlüssel und kann sich auch selbst mit Getränken bedienen. «Wir bieten keinen ­Vollservice, dazu ist das Haus zu klein», betont die Hotelière, die selbst dreieinhalb Tage pro Woche im Ni-Mo arbeitet. Den Betrieb musste sie fast aus dem Nichts aufbauen. Der Vorgänger stützte sich auf einen Hauptkunden, eine Beratungsfirma aus Hamburg, die unter der Woche ­sieben Zimmer belegte. «Dieses Klumpenrisiko gibt es nicht mehr», sagt Eva Stiefel. «Wir haben heute eine breit ­gefächerte Klientel, darunter ­viele Leute aus der Werbe- und Verlagsbranche, und wir profitieren von der Nähe zum ­Opernhaus.»

Die 52-Jährige sagt, sie habe sich die Arbeit als Hotelbetreiberin nicht derart intensiv vorgestellt und besonders das Personalwesen unterschätzt: «Am Anfang zahlte ich Lehrgeld – doch jetzt arbeitet hier ein Team, das wie ich mit Leidenschaft bei der Sache ist.»

Idealbild der Chefin

25 Hours Hotel Langstrasse, Motel One: Die Hotel-Mittelklasse in Zürich expandiert in diesem Jahr schon fast inflationär. Wer den Konkurrenzkampf überleben will, muss entweder die Preise drücken – oder die Gäste mit einem unverwechselbaren Produkt binden. Vorteil für jene Hotels, in denen die Gastgeberrolle offensiv und mit weiblicher Empathie interpretiert wird. Seit zweieinhalb Jahren führt Isabelle Zeyssolff das Kommando im Florhof im Zürcher Uniquartier. «Sie entspricht dem Idealbild einer Chefin in einem Boutique-Hotel, packt an, wo es Arbeit gibt, und ist nahe an den Gästen», lobt Fiorenzo Fässler, Gründer der Vereinigung Best3stars Hotels. Zeyssolff kam vom Park Hyatt über die Limmat in den Florhof, der seit 1925 der gleichen Familie gehört. «Die beste Entscheidung meines Lebens», sagt die gebürtige Elsässerin. «Ich kann das Haus wie einen eigenen Betrieb führen.»

Die Besitzerfamilie löste den Renovationsstau, investierte zwei Millionen Franken und machte den Florhof wieder zum Schmuckstück. Endlich gibt es in der 32-Zimmer-Villa eine Lounge, in der man jederzeit Kaffee trinken kann.

Zeyssolff entwarf die Hoteluniformen selbst

Die Direktorin brachte mit ihrer frischen Art neuen Schwung und neue Ideen. Beispiel: «Hoteluniformen von der Stange», sagt Isabelle Zeyssolff, «sind unvorteilhaft geschnitten. Deshalb habe ich selbst das neue Outfit für den Schneider gezeichnet.» Die weiblichen Crewmitglieder können zwischen schwarzem Kleid, Rock oder Hose wählen, die Männer tragen blaues Hemd, Fliege und blümchengeschmückte Hosenträger. Das Publikum im Florhof hat sich verjüngt. Das Dreisternhotel, das Viersternkomfort bietet, beherbergt viele Kreative, dank Isabelle Zeyssolffs Beziehungen zunehmend auch Gäste aus der Modewelt. «Es spricht sich herum», sagt die 44-Jährige, «der Florhof ist wie ein zweites Zuhause.»

Dazu passt, dass schon mal ein Stammkunde ungefragt für einen eincheckenden Gast den Koffer aufs Zimmer schleppt. Und dass seit der Renovation im Winter das Feuer im historischen Kachelofen brennt. Die Holzbürdeli dafür lagern in der Garage von Isabelle Zeyssolffs Eltern am Stadtrand von Zürich.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 23.03.2017, 16:35 Uhr

Idyllische Terrasse

Ni-Mo DZ ab 210 Franken, kulturelle ­Veranstaltungen, Oster-Spezial.

Florhof DZ ab 270 Franken, Restaurant mit idyllischer Terrasse geöffnet Di bis Sa.

Dreisternhotels Die Vereinigung Best 3 Star Hotels umfasst aktuell 20 Herbergen zwischen Pontre­sina und Gstaad.

Buchtipp Peter Bührer: «Zürich Insider Guide, Tipps & Hotspots-Schopping-Kultur; Essen & Trinken-Nightlife» 39.90 Franken, www.zuerich-welcomehome.com.

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