Schweiz
ABB setzt auf ältere Arbeiter – und spielt Pionier
Von Beat Bühlmann, Baden. Aktualisiert am 10.11.2008 12 Kommentare
Arbeitskräfte werden knapp
Die Ökonomin Heidi Schelbert bleibt dabei: «Aufgrund der demografischen Veränderung werden in der Schweiz in acht bis zehn Jahren qualifizierte Arbeitskräfte fehlen.» Auch wenn man sich dies aufgrund der drohenden Wirtschaftskrise zurzeit vielleicht nicht vorstellen kann. Die ehemalige Professorin der Universität Zürich fordert attraktivere Arbeitsbedingungen für ältere Arbeitnehmer, damit sie ihre Erwerbstätigkeit freiwillig verlängern. Es brauche flexible Arbeitszeiten, ein besseres Gesundheitsmanagement, weniger Stress und mehr Weiterbildung.
Warum droht ein Mangel an Fachkräften? Die «Babyboomer», die geburtenstarken Jahrgänge der Vierziger- und Fünfzigerjahre, erreichen nun das AHV-Alter – oder sie lassen sich frühpensionieren. In Zahlen lässt sich das Manko an Erwerbstätigen allerdings schwer beziffern. Ruth Derrer Balladore vom Schweizerischen Arbeitgeberverband behilft sich mit einem Hinweis auf die Bevölkerungsentwicklung. «2005 hatten wir bei den 15-Jährigen im Vergleich zu den 65-Jährigen einen Überschuss von 14'200 Personen, inzwischen macht dieser Überschuss nur noch 3000 Personen aus», sagt sie. «Und bis 2012 werden 11'000 Personen mehr in Pension gehen als die obligatorische Schulzeit abschliessen.» Das sei ein eindrücklicher Rückgang, der zwangsläufig zu einem Mangel an Fachkräften führe, ist Derrer Balladore überzeugt. «Das kündigt sich bereits beim Mangel an Lehrlingen an.»
Auf Deutsche zurückgreifen?
Auch das Bundesamt für Statistik geht von einer Abnahme der Erwerbsbevölkerung aus. Diese wird bis 2018 im bisherigen Rhythmus von heute 4,2 auf 4,4 Millionen Personen ansteigen und dann bis 2050 auf 4,1 Millionen zurückfallen. Dazu kommt, dass die Erwerbsquote der 65- bis 74-Jährigen entgegen der demografischen Alterung eher rückläufig ist.
«Die älteren Arbeitnehmer haben auf dem Arbeitsmarkt die schlechteren Karten in der Hand», sagt Mario von Cranach, emeritierter Professor für Psychologie an der Universität Bern. «Die Vorurteile gegenüber älteren Mitarbeitern sind nach wie vor stark verbreitet.» Mario von Cranach befürchtet, dass der zunehmende Bedarf an Fachkräften über die Personenfreizügigkeit einfach aus dem Ausland gedeckt wird, statt die Arbeitsbedingungen in den Betrieben zu verbessern. Das sei nicht auszuschliessen, räumt Heidi Schelbert ein. «Doch auf Dauer können wir nicht einfach die Deutschen anzapfen.»
Zu den älteren Arbeitnehmern will sich Holger Markow eigentlich nicht zählen. «Ich bin erst 47 und habe zu Hause drei Kinder.» Und doch schreckt ihn die Vorstellung, weitere 18 Jahre Berufsleben vor sich zu haben. «Alles wird dauernd schneller», sagt der Umwelt- und Verfahrenstechniker. «Wenn ich auf die Mails unserer fast 100 Servicestellen oder unserer Kunden nicht umgehend antworte, folgt schnell der erste Reminder.» Markow arbeitet seit 1996 bei ABB Schweiz in Baden.
Im Treppenhaus liegt der metallische Geruch aus früheren Zeiten in der Luft. In den Grossraumbüros des Technologiekonzerns stehen Computer wie anderswo. Mischa Bothien ist 56-jährig und arbeitet hier seit 21 Jahren als Maschinenbauingenieur. Es gab eine Zeit, da fragte er sich öfters: «Hey, will ich das wirklich bis 65 machen?» Als Teamchef in einem Labor hatte er gut ein Dutzend Personen direkt zu führen. «Das war ein einziges Rennen und Organisieren», sagt er. «Ich habe nicht mehr getan, was ich tun wollte.» Dann gingen Markow und Bothien auf die «Route 45». So nennt sich ein dreitägiger Weiterbildungskurs, den ABB Schweiz seiner älteren Belegschaft anbietet.
Das Unternehmen hat vor fünf Jahren das Projekt «Generation 50plus» gestartet und gilt als Pionierfirma bei der Förderung älterer Arbeitnehmer. «Die jüngeren sollen erkennen, dass es sich lohnt, bei ABB Schweiz alt zu werden», sagt Personalchef Renato Merz. «Und die älteren sollen das Arbeitsklima als anregend empfinden, damit sie sich nicht allzu früh innerlich ausklinken.» Von besonderer Bedeutung ist dabei die Standortbestimmung: Wie soll der weitere Berufsweg verlaufen? Welche Weiterbildung ist nötig?
«Das gibt mir enormen Auftrieb»
«Route 45 war eine prima Sache», sagt Holger Markow. Mit Kollegen über Zukunftsängste und Sorgen reden. Kleine Träume für die Zukunft in Worte fassen. Impulse für den Alltag gewinnen. «Ich habe noch nichts Konkretes beschlossen», sagt er, doch der Kurs habe den Keim für die berufliche Veränderung gesetzt.
Für Mischa Bothien hat sich der Berufsalltag direkt verändert. Nach dem Kurs hat er – ohne Lohneinbusse – die Stelle innerhalb des Betriebs gewechselt. Er macht jetzt, was er tun will: Turbolader der übernächsten Generation entwickeln. «Das gibt mir enormen Auftrieb», sagt er. «Ich kann meine Kräfte optimal einsetzen.»
Die neue Alterskultur bei ABB Schweiz lässt sich in Zahlen fassen. Rund zehn Prozent der neu eingestellten Personen sind über 60 Jahre alt. Die Zahl der Frühpensionierungen ist, auch aufgrund der guten Wirtschaftslage, um die Hälfte zurückgegangen. Und wer will, kann bis 70 weiterarbeiten. «ABB fabriziert keine kurzatmigen Produkte und ist deshalb auf das Knowhow der älteren Generationen angewiesen», sagt Sprecher Lukas Inderfurth.
Mit der demografischen Alterung werden in einigen Jahren die nötigen Fachkräfte fehlen. Doch neue Modelle zur Altersarbeit sind weder in Unternehmen noch beim Bund oder den Kantonen weit gediehen. «Die Firmen predigen darüber», sagt der Zürcher Personalberater Ruedi Winkler. «Aber konkrete Massnahmen schieben sie vor sich her.» Laut der jüngsten Adecco-Studie sind die Schweizer Unternehmen im europäischen Vergleich am schlechtesten auf den demografischen Wandel vorbereitet: Nur sieben Prozent wollen nächstes Jahr mehr ältere einstellen als im Vorjahr.
In zehn Jahren werden die Arbeitnehmer über 50 die stärkste Personalgruppe bilden. Doch den meisten Betrieben sei nicht einmal die eigene Altersstruktur bekannt, bestätigt Martina Zölch, Dozentin an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Sie sieht grossen Handlungsbedarf – vor allem bei der Weiterbildung, bei der Beförderungspraxis und beim Arbeitsplatzwechsel. «Und bei der Gesundheit: Mit kranken Angestellten geht gar nichts.»
Das hat Victorinox, der Taschenmesserfabrikant aus Schwyz, erkannt. Um die schädlichen Folgen der stereotypen Handarbeit zu mildern, hat das Unternehmen eigens Trainerinnen der Alexander-Technik verpflichtet. So wird nun in den Produktionsräumen dreimal täglich während fünf Minuten diese Körpertherapie, die schlechte Bewegungsgewohnheiten korrigiert, praktiziert. «Wir haben die Absenzen innert sechs Jahren um 40 Prozent reduziert», berichtet Hans Schorno. «Das hilft vor allem den älteren Arbeitnehmern, bis zum AHV-Alter erwerbstätig zu sein.»
Mehr Freiheit im Alter
Können sich die beiden ABB-Mitarbeiter vorstellen, bis 65 oder darüber hinaus im Betrieb zu arbeiten? Der 47-jährige Holger Markow zögert. «Irgendwann möchte ich aus der starren Mühle ausbrechen, freier arbeiten – vielleicht in einem Teilzeitjob oder von zu Hause aus.» Mischa Bothien, 56, sieht weniger Handlungsbedarf: «Die Arbeit ist faszinierend und macht Spass», sagt er. «Ich kann mir vorstellen, bis 65 oder länger hierzubleiben.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.11.2008, 05:17 Uhr
Kommentar schreiben
12 Kommentare
Und erst im Gesundheitswesen, da gibt es heute schon Mangel und jede 2. Krankenschwester ist heute schon über 45 Jahre alt. Die Arbeitsbedingungen gehören dringend verbessert, nachzulesen im Blog "Berichte einer Temporären" = http://florencenigtingale.blogspot.com/ Es sind keine Massnahmen in Sicht, diese Situation zu verbessern, die Gesundheitsdirektionen "schlafwandeln ins Desaster". Antworten
Schweiz
- 18:44Nach dem Kampfjet erhitzen die Militärvelos die Gemüter
- 15:25Hacker dringen in EDA-Computernetzwerk ein
- 12:32Kriminaltouristen rücken mit schwerem Geschütz vor
- 10:49So will Levrat ein Nein zu den Steuerabkommen erzwingen
- 08:32FDP-Präsident Müller will Gripen abschiessen
- 23:34Roger de Weck in der Kritik
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!





