Schweiz

«Aus heutiger Sicht würde ich das anders formulieren»

Von Silvana Guanziroli. Aktualisiert am 02.07.2013

Der Journalist Mathias Ninck sprach sich 2009 für die Versetzung des Straftäters Markus W. in den offenen Vollzug aus. Im Interview spricht er über seinen damaligen Artikel und seine Begegnungen mit diesem Mann.

Der Journalist Mathias Ninck. (Bild: PD)

Artikel zum Thema

Teilen und kommentieren

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Markus W.* täuschte Richter und Gerichtspsychiater. Sie glaubten an seine Besserung. 2009 machte sich auch der Journalist Mathias Ninck in einem Artikel im «Magazin» des «Tages-Anzeigers» für die Entlassung von W. stark. Die «Basler Zeitung» wollte vom Autor wissen, was er heute über seinen kontroversen Artikel denkt und ob er sich vom rückfälligen Sexualstraftäter täuschen liess.

Herr Ninck, heute beginnt der Prozess gegen Markus W. Wieder steht er wegen Vergewaltigung vor Gericht. Sie haben sich für seine Ent­lassung starkgemacht. Was sagen Sie heute dazu?
Ich habe mich nicht für die Entlassung von W. starkgemacht. Ich habe vor vier Jahren einen Artikel geschrieben, in dem ich die These aufstellte, dass der Justizvollzug betreffend Verwahrung in der Schweiz in einer Sackgasse steckt. Ich führte dem Leser zwei Beispiele vor. Ein Beispiel handelte davon, dass die Behörden – aus Mitleid – einen jungen Verwahrten freiliessen, obwohl es kein dahingehendes Gerichtsurteil gab. Skandalös, oder? Das zweite Beispiel handelte von W.: Er wurde nicht in den offenen Vollzug versetzt, obwohl die Vollzugsbehörde dies hätte tun müssen. Zwei Gerichtspsychiater hatten prognostiziert, dass W. eher nicht rückfallgefährdet sei. Die Fachkommission zur Überprüfung der gefährlichen Straftäter kam zum Schluss, man müsse W. in den offenen Vollzug versetzen. Und das Luzerner Verwaltungsgericht ordnete diese Versetzung in den offenen Vollzug schliesslich in einem Urteil an. Trotzdem blieb W. im geschlossenen Vollzug. Die zuständige Regierungsrätin hatte, wie sie mir sagte, Angst vor den emotionalen Reaktionen, die es geben würde, sollte W. trotz guter Prognose rückfällig werden. Das habe ich kritisiert: dass die Leute im Justizvollzug sich von ihren Gefühlen leiten lassen statt von den Fakten. Heute, vier Jahre später, hat sich die Faktenlage total verändert. W. ist, trotz guter Prognose, rückfällig geworden. Es gehört zum Wesen einer Prognose, dass sie unsicher ist. Den Artikel aus dem Jahr 2009 würde ich heute folglich nicht mehr mit dem Beispiel W. schreiben. Nur konnte ich das damals nicht wissen. Niemand hat es gewusst. Sonst hätte man ihn ja nicht in den offenen Vollzug versetzt und danach in ein Wohnexternat. Aber abgesehen vom Beispiel W.: Alles, was ich damals über den Justizvollzug schrieb, ist gültig.

Ein Vorwurf bleibt: Sie haben im Artikel nicht erwähnt, dass W. damals schon 22 Frauen vergewaltigt hatte. Weshalb sind Sie auf die Schwere seiner Taten nicht eingegangen? So haben Sie dem Leser doch Informationen vorenthalten.
Aus heutiger Sicht würde ich das anders formulieren. Als ich den Artikel vor vier Jahren schrieb, hatte ich einen Grund, es so zu schreiben. W. war ein Mann, der Frauen ver­gewaltigt hatte. Dafür war er 20 Jahre eingesperrt, er hatte für seine Taten gebüsst. Ich sagte in dem Artikel: Ein Straftäter, der seine Strafe abgesessen hat, darf wieder in die Gesellschaft zurückkehren und wieder ein freier Mensch sein. Seine Schuld ist ab­getragen. Dazu gehört, dass ihm nicht immer der Stempel seiner Tat auf­gedrückt wird. Klar bleibt er ein Vergewaltiger, aber das sollte allmählich in den Hintergrund rücken.

Sie haben W. mehrfach getroffen. Wie haben Sie ihn wahrgenommen?
Für mich war W. zwiespältig, ich habe das auch geschrieben. Er hat etwas Gewinnendes, er kann gut erzählen und er hat einen sympathischen Dialekt. Er ist aber gleichzeitig rechthaberisch und anmassend, er hat sehr unangenehme Seiten. Da ich kein Psychologe bin, habe ich diesen Eindrücken nicht viel Gewicht beigemessen. Entscheidend für meinen Artikel war, was die Gerichtspsychiater, die ich interviewt habe, über ihn berichteten. Entscheidend war, was in dem Urteil des Gerichts stand. Entscheidend war, was die Luzerner Justiz­direktorin sagte, mit der ich mich auseinandersetzte.

Ihr Artikel wurde kontrovers diskutiert. Es wurde gesagt, dass Sie, aber auch die Richter und Gerichtspsychiater, auf W. hereingefallen seien. Haben Sie sich von W. täuschen lassen?
Mein Artikel wurde erst im Nachhinein kritisiert: als auskam, dass W. rückfällig geworden war. Vorher wurde der Artikel nie kritisiert, im Gegenteil. In mehreren Kantonen wurde er an Weiterbildungssemi­naren verwendet, um zu illustrieren, wie es im Justizvollzug nicht laufen darf. Der Artikel hatte Beispiel­charakter, so wie ich es beabsichtigt hatte. In dem Text geht es um den Justizvollzug und nur nebenbei um W. Es ist übrigens billig, einen Artikel vier Jahre nach seinem Erscheinen zu kritisieren, nachdem sich die Faktenlage völlig verändert hat. Aber es gibt immer Leute, die nicht begreifen, dass etwas, das früher richtig war, heute falsch sein kann.

Sie sehen das restriktive Null-Risiko-­Regime im Justizvollzug als Folge einer hochgeschaukelten Kriminalitäts­hys­terie. Haben Sie nach dem Fall W. jetzt Ihre Meinung geändert?
Nein. Der Fall W. ist im Nachhinein einfach ein sehr schlechtes Beispiel. Ich finde immer noch: Wenn es die Prognosen erlauben, sollte man einem Verwahrten auch mal einen Vertrauensvorschuss geben, damit er sich bewähren kann. Zudem erinnert uns der Fall W. auf tragische Weise daran: Es gibt keine absolute Sicherheit. Alle, die glauben, unsere Welt wäre sicherer, wenn man keine Verwahrten mehr rauslassen würde, irren sich. Die Unsicherheit unserer Welt hängt nicht ab von diesen wenigen Straftätern, von denen vielleicht einige rückfällig werden könnten.

Die Bevölkerung hat sich wiederholt für die Nullrisikostrategie ausgesprochen. Eben weil es die 100-prozentige Sicherheit nicht gibt. Was ist wichtiger: der Schutz der Bevölkerung oder die Rechte der Täter?
Meines Wissens hat sich die Bevölkerung nie für eine Nullrisikostrategie ausgesprochen. Sie stand nie zur Abstimmung. Aber sicher sind viele Menschen für null Risiko. Null Risiko heisst ja ausgedeutscht: Jeder, der ein schweres Delikt begangen hat, kommt nie mehr raus. Wir sperren alle diese Täter für immer weg. Das klingt gut, ist aber schlecht. Denn es ändert an der Kriminalität keinen Deut. Und in einer totalitären Gesellschaft, die bestimmte Menschen grundsätzlich wegsperrt, ohne genau hinzuschauen, wie gross ihre Schuld ist, wie die Umstände der Tat sind, ob die Täter sich ändern können und wollen – in einer solchen Gesellschaft möchte ich nicht leben.

Die Entlassung von W. aus der Verwahrung forderte drei neue Opfer. Was sagen Sie dazu?
Das ist furchtbar. Ich empfinde grosses Bedauern für die Opfer.

*Name der Redaktion bekannt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 02.07.2013, 13:26 Uhr

Populär auf Facebook Privatsphäre

Immobilien

Werbung
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen
Trend: Mintgrün
homegate Wir präsentieren Ihnen Mintgrün - die neue Trendfarbe. Mehr

In Partnerschaft mit:

Homegate

Abonnement

Service

Agenda

Schweiz

Abonnement

Service