Ein Atlantiker an der Spitze

Mit Eric Gujer als neuem Chefredaktor will die NZZ ihre Position als Zeitung für den gesamten deutschen Sprachraum festigen. Ihm zur Seite stehen ein altgedienter NZZ-Mann und eine junge Österreicherin

«Kontinuität und Innovation»: NZZ-Führungsleute Müller, Gujer und Zielina (von links).

«Kontinuität und Innovation»: NZZ-Führungsleute Müller, Gujer und Zielina (von links). Bild: Keystone

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Die NZZ hat einen neuen Chefredaktor: Auf Markus Spillmann, der Ende letzten Jahres abtrat, folgt Eric Gujer (52). Dieser stieg 1986 als freier Mitarbeiter bei der NZZ ein. Seit 2013 war er Auslandschef, davor Korrespondent in der DDR, in Israel, Russland und im wiedervereinigten Deutschland.

Zur Seite stehen werden ihm Felix E. Müller (63), bisher und weiterhin Chefredaktor der «NZZ am Sonntag», neu auch für Magazine und Periodika verantwortlich, sowie Anita Zielina (34), früher beim Wiener «Standard», dann bis 2014 beim deutschen «Stern». Sie soll sich ab Mai um die Online-Aktivitäten der NZZ kümmern.

Ein bürgerlicher EU-Freund

Gujer ist ein Elitejournalist, wie ihn sich die Verschwörungstheoretiker, die in den Kommentarspalten des Internets ihr Unwesen treiben, nicht besser ausmalen könnten: Ein liberalkonservativer Atlantiker, sieht er die USA als unentbehrlichen Partner Europas, hält Waffenlieferungen an die Ukraine für wünschenswert und zeigt für Israel mehr Verständnis als die meisten Journalisten. Gujer zählt zweifellos zum bürgerlichen Lager. Die bürgerliche Schweiz in ihrer Gesamtheit dürfte mit seiner Ernennung dennoch nicht restlos zufrieden sein, denn der EU steht er durchaus wohlwollend gegenüber.

In der NZZ-Redaktion gehört Gujer einer raren Spezies an: Der Mann kann schreiben, ist einer, dessen Texte man nicht nur mit Gewinn, sondern auch mit Genuss liest. Wer seine Berufung als strategischen Entscheid verstehen will, mag Folgendes aus ihr herauslesen: Die NZZ ist gewillt, eine Zeitung für den gesamten deutschen Sprachraum zu sein und zu bleiben. Gujer ist deutschland-affin: Sein Studium (Geschichte, Politologie, Slawistik) absolvierte er in Freiburg im Breisgau und Köln, bereits nach der Matura war er als Volontär beim «Mannheimer Morgen» in den Journalismus eingestiegen. Gujer spricht akzentfrei Hochdeutsch. In Deutschland dürfte er ohne Weiteres als talkshow-tauglich durchgehen. Wie gut er bis anhin in Bundesbern vernetzt ist, ist demgegenüber eher fraglich.

Müller, der milde Einerseits-Andererseits-Kommentator

«Für Kontinuität und Innovation» stehe die neue Chefredaktion, schreibt Etienne Jornod, der Verwaltungsratspräsident der NZZ, in einer Mitteilung. Kontinuität verkörpert neben Gujer Felix E. Müller, der schon seit 1997 im Haus wirkt. Als Chefredaktor der «NZZ am Sonntag» fällt er als milder Einerseits-Andererseits-Kommentator auf und verantwortet eine solide Sonntagszeitung ohne Highlights, die ihren guten Ruf wohl nicht zuletzt auch dem Image des Mutterblatts verdankt.

Innovation erwartet sich die NZZ vermutlich von Anita Zielina. Als erste und einzige Österreicherin habe sie ein John S. Knight Journalism Fellowship an der Stanford University absolviert, raunt die Branche beeindruckt. Beim «Stern» war sie verantwortlich für digitale Produkte. Dass die serbelnde Illustrierte in dieser Zeit gross aufgefallen wäre, wird allerdings nicht einmal der wohlwollendste Beobachter behaupten wollen. Bei der NZZ steht Zielina nun vor dem Problem, das die gesamte Branche plagt: Wie lässt sich das schrumpfende Printgeschäft durch Wachstum im Internet wenigstens annähernd ausgleichen? Wunder wird dabei auch sie nicht vollbringen können. (Basler Zeitung)

Erstellt: 12.03.2015, 07:03 Uhr

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