«Ich würde meine Tochter nicht mehr impfen»

Bis anhin hat er in der ganzen Schweiz mit Vorträgen für die Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs geworben. Doch jetzt ist der Gynäkologe Christoph König zum Kritiker geworden.

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Die Impfung gegen Viren, die Gebärmutterhals-Krebs auslösen, entwickelt sich auch in der Schweiz zu einem Riesengeschäft für die Pharmaindustrie. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat am Montag für die kantonalen Impfprogramme geworben, die am Anlaufen sind: Dank ihm könnten jährlich 160 Fälle dieses Krebses und 50 Todesfälle verhindert werden, heisst es. Die mit 480 Franken mit Abstand teuerste Impfung wird über die Grundversicherung bezahlt.

Der Bund hofft, eine möglichst hohe Anzahl Mädchen zwischen 11 und 14 Jahren, vor dem ersten Sex, ins Impfprogramm bewegen zu können. Während 5 Jahren wird auch 15- bis 19-Jährigen ans Herz gelegt, sich gegen krebserregende Papilloma-Viren impfen zu lassen.

Ein solches staatliches Programm als Krebsschutz für Frauen müsste einen Gynäkologen wie den Berner Christoph König eigentlich nur freuen. «Im Grunde ist das eine gute Sache, theoretisch absolut zu begrüssen», sagt er denn auch. Ihm gefällt die Idee, «dass es eine Impfung gibt, die Krebs verhindert». Seine heute 19-jährige Tochter, die in Kanada lebt, ist im letzten Sommer geimpft worden, «und ich fand das sinnvoll».

Königs Interesse an der Impfung wurde rasch geweckt, so sehr, dass er begann, in der ganzen Schweiz mit Vorträgen für die Impfung gegen die vier häufigsten sogenannten Humanen Papilloma-Viren (HPV) zu werben. Auf eigene Initiative, ohne irgendeinen Auftrag, schon gar nicht von Seiten der Pharmaindustrie, wie er betont. Sein Publikum: Medizinische Praxisassistentinnen.

Das war im vergangenen Jahr. Doch je mehr sich der Gynäkologe mit der Materie auseinander setzte, umso grösser wurden seine Bedenken. «In der Folge bin ich skeptischer geworden.»

Der Arzt wundert sich über die Eile

Die Skepsis begann bei den hohen Kosten. König fing an, «eine demographische Überschlagsrechnung zu machen und realisierte, dass das in die Millionen geht». Die offiziell prognostizierten Kosten von gegen 120 Millionen Franken für die Startphase und die folgenden jährlich 20 Millionen zweifelt König an. Er hält sie für untertrieben. Das Verhältnis von Kosten und Nutzen stimmt für ihn nicht.

Er selbst hat in der eigenen allgemein-gynäkologischen Praxis in 18 Jahren bloss drei Fälle von Gebärmutterhals-Krebs behandeln müssen. «Krebsvorstufen dagegen haben wir viele. Aber die kann man mit Beobachten oder mit minimalsten invasiven Eingriffen heilen.»

König wundert sich über die Eile, mit der die erste HPV-Impfung, Gardasil, zugelassen worden ist. Demnächst dürfte ein zweites Impfpräparat zugelassen werden. Ihn erstaunt auch, «mit welcher Vehemenz das BAG dieses Vorgehen propagiert».

Die Impfung erfasst die häufigsten krebserregenden Viren, daneben aber existieren viele weitere Viren, die diese Art von Krebs auslösen könnten. «Wenn eine Frau ein Gemisch verschiedener solcher Viren in sich trägt, ist sie trotz Impfung wieder mit dem selben Problem konfrontiert.» Deshalb, so König weiter, müsse jede Frau, ob geimpft oder nicht, regelmässig zur Krebsfrüherkennung bei einem Gynäkologen. «Die neue Impfung ist deswegen nicht vergleichbar mit einer Rötelnimpfung, die eindeutig für Dauerimmunität sorgt. Hier haben wir es mit einer Impfung zu tun, die lediglich gegen einen Teil der krebserregenden Viren schützt.»

König fürchtet wie auch andere Kollegen, dass gegen Papilloma-Viren geimpfte Frauen sich in falscher Sicherheit wiegen und auf den Besuch beim Frauenarzt verzichten könnten. «Und wer nicht für den Krebsabstrich kommt, kommt auch nicht für die Brustuntersuchung. So könnte das Risiko für Brustkrebserkrankungen steigen.» Denn wie einer jungen Frau erklären, dass sie sich trotz Impfung regelmässig untersuchen lassen muss?

Die meisten Infekte verschwinden

Für Frauen, die trotz Impfung regelmässig den Arzt zwecks Kontrolle aufsuchen, zahlt die Krankenkasse fortan doppelt: Für Impfung wie für Vorsorge. Dafür würde das Beobachten alleine reichen, glaubt König. «Mit einem regelmässigen Routinescreenig – und bei Bedarf einem engmaschigen Screening – kann man dem Problem genau so gut begegnen.»

70 bis 80 Prozent der sexuell aktiven Frauen werden irgendeinmal von Papilloma-Viren befallen, der grösste Teil der Infekte verschwindet aber wieder von selbst. Bei einer regelmässigen Kontrolle falle der Nutzen der Impfung praktisch dahin, bilanziert König. Doch es ist bekannt, dass Frauen aus Randgruppen und aus sozial niedereren Schichten deutlich weniger oft oder gar nie zur Vorsorgeuntersuchung gehen. Bei jenen Frauen hält auch der Arzt eine HPV-Impfung für angebracht.

Christoph König ist mit seiner Skepsis nicht alleine. Nach zwei ungeklärten Todesfällen entspann sich in Österreich und Deutschland eine Kontroverse. Kritiker halten die Nebenwirkungen für noch zu wenig genau erforscht. Unklar ist im weiteren, wie lange die Immunisierung anhält. Fünf Jahren sind laut BAG sicher.

Im November wird Christoph König von Dübendorf bis Eclubens wieder für Vorträge unterwegs sein. Und diesmal seine Bedenken thematisieren. «Und ich muss auch sagen: Ich würde meine Tochter nicht mehr impfen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.09.2008, 22:19 Uhr

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