Wut und Tränen im Gerichtsgebäude

Von Maurice Thiriet. Aktualisiert am 21.11.2009

Die Reaktionen der Eltern und Verwandten der toten Rekruten auf den Freispruch waren emotional. Sie können den Freispruch weder verstehen noch akzeptieren.

Die Angehörigen der sechs verstorbenen Rekruten waren bereits vor der Urteilsverkündung «total am Ende», wie ein Vater im Foyer des Grossratsgebäudes zu einem Begleiter sagte. Eric Buchs, Vater des verunglückten Rekruten Bojan Buchs, sagte: «Ich rechne mit allem, diesem Gericht ist auch ein Freispruch zuzutrauen.»

Wutentbrannt davongerannt

Mit einer Mischung aus Hoffen und Bangen in den Augen fixierten die Angehörigen den Gerichtspräsidenten Felix Egli. Als dieser tatsächlich den ersten Angeklagten freisprach, stand Buchs auf, und als Egli verkündete, auch der zweite Angeklagte sei von «Schuld und Strafe freizusprechen», riss Buchs seine Winterjacke vom Stuhl und rannte wutentbrannt aus dem Gerichtssaal.

Die übrigen Eltern, Grosseltern und Geschwister der Verunglückten hörten sich die ganze Urteilsbegründung des Gerichts an – die meisten wohl zu fassungslos, um zu verstehen, was Egli ausführte. Sie sahen, wie Egli vor lauter Zittern seine Computermaus kaum bedienen konnte und während seiner Ausführungen ihren Blicken auswich. Er hätte in verständnislose Gesichter geblickt, manche von ihnen von Tränen überströmt. Das wusste er.

Die Trauer bleibt

Philippe Janz, der Vater des umgekommenen Rekruten Cédric Janz, reagierte verständnislos auf den Richterspruch. «Dieses Urteil bedeutet doch, dass Bergführer einschätzen können, wie sie wollen, und machen können, was sie wollen. Sie müssen die Verantwortung dafür nicht übernehmen. Ich fasse das nicht. Dieses Urteil entspricht überhaupt nicht dem, was hier während der ganzen Woche im Prozess erarbeitet worden ist», sagte Janz. Weiter unternehmen werden er und seine Frau nichts. «Jetzt haben wir fünf Prozesstage lang gelitten und erhalten einen solchen Schlag versetzt. Warum sollten wir uns das noch mal antun», sagt Janz.

Claude Baillifard, der seinen Sohn Théophil verloren hat, wirkte gefasster. «Ich bin zum Prozess gekommen, um vollen Einblick in die Akten und Expertisen erhalten. Das war mir bisher in weiten Teilen verweigert worden», sagte Baillifard nach der Urteilsverkündung. Er nehme mit Befriedigung zur Kenntnis, dass das Gericht die Entscheidung der Bergführer, die Tour durchzuführen, als falsch bezeichnet hat. Doch die Trauer bleibe. «Zwar haben die beiden Bergführer und das Gericht mir gegenüber ihr Bedauern über das Unglück ausgedrückt, aber das bringt mir meinen Sohn nicht wieder», sagte Baillifard. Und mit einem sichtbaren Anflug von Verbitterung antwortete er auf die Frage einer Reporterin, ob er sich angesichts des Verlustes seines einzigen Sohns nicht ein härteres Urteil gewünscht hätte: «Ich habe über die Zeit gelernt, dass ich in diesem Fall nicht der Richter bin.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.11.2009, 04:00 Uhr

Schweiz

Populär auf Facebook Privatsphäre

Meistgelesen in der Rubrik Schweiz

bluebanana.ch