Schweiz
«400'000 Schweizern gehts dreckig»
Von Markus Brotschi. Aktualisiert am 30.12.2009
Herr Fasel, jede zehnte Person in der Schweiz ist laut Ihrer Einschätzung arm und auf Sozialleistungen angewiesen. Ist das wirklich viel, oder stehen wir im Vergleich zu anderen Ländern noch gut da?
Innerhalb der EU gibt es Länder, die einen grösseren Anteil haben als die Schweiz, andere einen kleineren. Aber das Problem ist überall, die Armut zu benennen. Es ist eine Angst vorhanden vor neuem sozialem Engagement. Deshalb möchte die Politik das Thema gar nicht erst aufgreifen.
In der Schweiz ist über die Sozialhilfe das Existenzminimum garantiert. Warum ist aus Ihrer Sicht die Armut trotzdem ein so grosses Problem?
Wir möchten, dass die Menschen nicht zur Sozialhilfe gehen müssen. Denn wer von ihr leben muss, wird oft marginalisiert. Die Kinder haben mehr Probleme in der Schule. Armut vererbt sich, das zeigt sich heute wieder vermehrt. Wir wollen Armut verhindern. Deshalb ist für den Arbeitsmarkt Bildung ein ganz zentrales Element. Ausbildung muss man nachholen können, auch in späteren Jahren.
Steht Bildung bei Ihren Forderungen demnach zuoberst?
Armutsbekämpfung ist ein Querschnittsthema. Wir haben Kantone, die immer noch den armen Leuten signifikant Steuern abknöpfen. Kinderzulagen sind kantonal immer noch sehr unterschiedlich. Dann ist es eine Tatsache, dass Geschiedene in der Armut landen, wenn sie vom früheren Partner keine Alimente erhalten.
Braucht es neue Sozialleistungen?
Eine Möglichkeit wäre tatsächlich, nur Sozialhilfe auszuschütten, also eine Art Mindesteinkommen. Aber das wollen wir nicht, auch keine neue Sozialversicherung. Wenn aber die Wirtschaft keine existenzsichernden Löhne zahlt, ist der Preis anderswo zu zahlen.
Sie fordern von jedem Kanton einen jährlichen Armutsbericht. Was bringt das? Man kennt die Zahlen der Sozialhilfe.
Die Armutsmessung ist ein zentraler Punkt. Wir haben Angaben von den 20- bis 59-Jährigen. Das sind 400 000 armutsbetroffene Menschen. In deren Haushalten leben zusätzlich 260 000 Kinder. Die kantonalen Berichte werden uns aber Vergleichsmöglichkeiten geben. Wenn die Kantone schon die Autonomie bei der Armutsbekämpfung haben wollen, wollen wir als Caritas wissen, welche kantonalen Politiken wirken. Wir sehen dann, welche Kantone etwas unternehmen und welche das Problem abschieben. Diese Tendenz ist stark.
Ist Ihre Definition der Armut nicht so angelegt, dass Sie auf eine grosse Zahl an Armen kommen?
Wir gehen vom Existenzminimum nach SKOS-Richtlinien aus. Und ich fordere jeden, der dies in Zweifel zieht, zum Test auf: Ab nächster Woche lebst du von 930 Franken Sozialhilfe im Monat. Zusätzlich wird die Wohnung und die Krankenversicherung bezahlt. Viel Glück!
Die Sozialhilfe bietet zu wenig Anreize, dass Leute wieder eine Arbeit annehmen. Ist das für die Caritas kein Thema?
Es gibt eine Studie, die die Caritas mitgetragen hat. Diese befasst sich mit der Frage, wie das System so angelegt werden kann, dass sich zusätzliche Arbeit lohnt. Das Thema ist bei uns also bekannt.
Gibt es unter den 700 000 bis 900 000 Armen auch solche, die nicht arbeiten wollen?
Das ist ein Klischee. Ich fordere Beispiele von jenen, die das sagen. Es wird den Einzelfall geben, den man vorführen könnte. Aber das verbreitete Phänomen ist ein anderes: Die Leute wollen leisten. Wir haben viele Anfragen bei unseren Sozialfirmen. Jemand hat mal in einer Sozialfirma einen Vortrag gehalten und gefragt, ob es nicht besser wäre, wenn die Menschen gar nicht bei uns arbeiten müssten. Es gab einen Aufstand. Die Leute wollen zur Leistungsgesellschaft gehören.
Sie wollen 1000 zusätzliche Arbeitsplätze bei Ihren Sozialfirmen schaffen. Woher soll diese Arbeit kommen angesichts der wirtschaftlich schwierigen Lage?
Das ist eine ständige Jagd. Ich verhandle laufend mit Firmen, die uns Tätigkeiten überlassen, die sie sonst in Billiglohnländer ausgelagert hätten. Wir tragen dazu bei, dass die Leute nicht nur ein Einkommen erhalten, sondern auch integriert bleiben. Die Leute bekommen auch ein Arbeitszeugnis. Wir führen laufend Leute zurück in den ersten Arbeitsmarkt. Es gibt Arbeitgeber, die unsere Leute testen und sie übernehmen.
In der Schweiz verhungert niemand. Wie wollen Sie bei Ihrer Kampagne die Armut sichtbar machen?
Das ist die schwierigste Angelegenheit. Wir wissen auch nicht recht, wie. Eine Möglichkeit sind die Caritas-Märkte. Da können nur Leute einkaufen, die mit einem Ausweis bestätigen, dass sie arm sind. Wir haben die Möglichkeit geboten, Interviews zu machen, wobei die Anonymität gewährleistet ist.
Bei Ihrem Ziel, die Armut zu halbieren, werden Sie mit dem Argument konfrontiert werden, Armut sei vorab ein Ausländerproblem. Stimmt das?
Es sind mehr Schweizer arm als Ausländer. Und wer die Ausländer dazu benutzen will, um sich dem Thema Armut zu verweigern, dem werde ich vorhalten, dass er auch für jene 400 000 Schweizerinnen und Schweizer nichts tun will, denen es dreckig geht.
Sie waren lange Politiker und Gewerkschaftschef. Hilft das bei Ihrer Arbeit?
Sehr viel, weil ich weiss, wie ein Thema in die Öffentlichkeit zu tragen ist. Ein Beispiel ist nun der geforderte Armutsbericht von allen Kantonen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.12.2009, 09:05 Uhr
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