Schweiz

Angriff ohne Speerspitze

Von Matthias Chapman. Aktualisiert am 25.08.2010 37 Kommentare

Mit viel Trallala kündigte die SVP die Rückeroberung eines zweiten Bundesratssitzes an. An die Front aber will keiner ihrer Mannen. Weshalb nur hat die wählerstärkste Partei keine valable Kandidaten?

1/7 Der eine hat abgesagt, der andere sagt immerhin nicht nein: Caspar Baader und Jean-Francois Rime.
Bild: Keystone

   

Mörgeli und Heer von der Zürcher SVP zum Kandidatenreigen. (Keystone Video)

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«Die sollen rausrücken mit den Kandidaten!», forderte Viktor Giacobbo gestern im «Club» lauthals. Der Satiriker machte sich darüber lustig, dass die SVP einen Angriff versprochen habe, sie aber bis jetzt kaum Kandidaten gefunden hätte. In der Tat ist es, gemessen an den lauten Forderungen der Partei, im Kandidatendschungel relativ ruhig geblieben. Kaum einer, der sich «Gedanken machen» will oder zuerst die Sache «mit der Familie» bespricht. So, wie es bei SP und FDP abgelaufen ist. Kaum war dort bekannt geworden, dass die Bundesratssitze frei werden, schossen die Interessierten wie Murmeltiere aus der Höhle, um das Feld für einen Beutezug abzuchecken.

Was also ist los in der wählerstärksten Partei der Schweiz? Hat sie es verpasst, geeignete Kandidatinnen und Kandidaten für diesen Fall aufzubauen? Politexperte Michael Hermann sieht diesbezüglich einige Schwierigkeiten bei der SVP. «Es gibt nur wenige in der SVP, die Bedingungen für eine Kandidatur erfüllen.» Am wichtigsten sei dabei die «absolute Linientreue» zur Stossrichtung der Partei. Zwar kämen unter diesem Kriterium einige infrage, wie zum Beispiel Christoph Mörgeli. Seine Rolle als Provokateur könne er aber nur als Parlamentarier spielen. Dass er ein Amt in der Regierung übernimmt, könnten sich bei ihm aber die wenigsten vorstellen.

Hansjörg Walter wurde verheizt

Sucht man konkret nach potenziellen SVP-Kandidaten, wird die Luft dünn. Nach den prominenten Absagen von Fraktionschef Caspar Baader und dem Unternehmer Peter Spuhler, werden Namen wie Bruno Zuppiger und Ulrich Giezendanner herumgereicht. Der Aargauer Transportunternehmer überlegt sich noch, ob er ins Rennen steigen will. «Einer der sich gewandelt hat», so Hermann. Vom Hardliner zum Politiker mit moderateren Tönen. Von da her gesehen sei er sicher nicht von Vornherein chancenlos. Das alte Image hängt ihm aber noch an, was eine Wahl durch die Bundesversammlung wenig wahrscheinlich macht. «Bruno Zuppiger könnte man sich als Bundesrat vorstellen», so Hermann. Tatsächlich könnte der Zürcher in die engeren Ränge kommen. Als Unternehmer und Gewerbeverbandspräsident ist er breit vernetzt. Skeptisch ist Hermann beim im Parlament breit abgestützten Bauernverbandspräsidenten Hansjörg Walter. «Die Partei hat ihn letztmals nicht gewollt, so gesehen wäre es ja komisch, wenn sie ihn jetzt aufstellen würde.» Der Thurgauer Nationalrat hatte bei der letzten Wahl eines SVP-Bundesrats gegen Ueli Maurer mit nur einer Stimme den Kürzeren gezogen. Ein Sieg und die gleichzeitige Annahme des Amtes hätten ihn wohl die Parteimitgliedschaft gekostet. Stellt man einen solchen nochmals auf?

Damit die SVP bei künftigen Exekutivwahlen nicht immer leer ausgeht müsste sie sich wandeln. Und genau das stellt Hermann fest. «Früher war zum Beispiel die Zürcher SVP mit dem Hardliner Toni Bortoluzzi zu den Regierungsratswahlen angetreten. Das hatte nicht geklappt. Nun wurden moderate Leute wie Markus Kägi und Ernst Stocker gewählt.» Als Kandidaten für den Bundesrat mag Hermann die beiden Zürcher Regierungsräte dann doch nicht bezeichnen.

Lockvogel für die Mutigen

Der Politexperte sieht noch ein anderes Hindernis für mögliche Kandidaten der SVP. «Die wollen sich nicht verheizen lassen. Kaum einer rechnet sich eine Chance aus, am 22. September gewählt zu werden.» Daran ändere auch die Tatsache nichts, dass in den letzten Tagen mit der Sozialdemokratin Susanne Leutenegger-Oberholzer und dem CVP-Politiker Bruno Frick zwei Prominente Vertreter von anderen Parteien eine Unterstützung für eine SVP-Wahl angedeutet haben. Das Verheizer-Argument versuchte Parteipräsident Brunner zu entkräften, indem er klar machte, dass die Partei Leute, die sich in dieser schwierigen Situation zur Verfügung stellten, für die Wahlen von 2011 vorgemerkt würden. Genützt hats bis jetzt wenig. Im Gegenteil: Mit Adrian Amstutz und Hansruedi Wandfluh haben sich in den letzten Tagen auch die beiden aussichtsreichsten Berner abgemeldet.

Was also, wenn das Kandidatenfeld so dünn ist? Kommt am Ende gar doch wieder Christoph Blocher? Für Radio-1-Chef Roger Schawinski offenbar durchaus eine denkbare Version. «Das Spiel läuft immer genau gleich ab: Blocher bringt sich selbst ins Spiel, um gleichzeitig abzuwinken. Nur wenn die Partei unbedingt darauf bestehe, werde er in den sauren Apfel beissen!», mutmasste Schawinski jüngst in seiner Kolumne in der «SonntagsZeitung». Hermann hält dagegen: «Das wirkt jedes Mal weniger.» In der Fraktion hätte es auch kritische Stimmen gegeben, allen voran der Glarner Ständerat This Jenny. Also heisst es bei der SVP: Weiter suchen, bis man die Speerspitze für den Angriff am 22. September gefunden hat. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.08.2010, 14:39 Uhr

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37 Kommentare

Bruno Bänninger

25.08.2010, 17:21 Uhr
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Das Problem heisst Blocher. Die SVP hat durchaus qualifizierte Kandidaten in ihren Reihen. Diese haben eine zeitgemässere und anständigere Auffassung von Politik, sind offener für andere Meinungen und streben Lösungen an, die Konsensfähig sind. Solange der alterssture Boss zahlt und das Nein-Sagen befiehlt, halten sich die klugen Kräfte im Hintergrund oder gründen eine neue Partei. Antworten


Peter Kunze

25.08.2010, 15:35 Uhr
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So simpel wie einfach. Natürlich geht es um den Verheizungs-Effekt. Ernsthafte und valable Kandidaten der SVP warten die Erneuerungswahl 2011 ab. Blocher wird als Märtyrer wiederum in die Wahlen gehen und - nach der Schmach - mit aller Grandezza den Wahlkampf offiziell eröffnen. Antworten