Schweiz

Auch die Frauen denken nur an das eine

Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 27.05.2011 43 Kommentare

Die vier Bundesrätinnen haben den Ausstieg aus der Atomenergie möglich gemacht. Daraus zu schliessen, Frauen machten eine sensiblere und damit bessere Politik, ist nicht nur falsch – es ist auch sexistisch.

Betreiben die Politik nicht anders als ihre männlichen Kollegen: Bundesrätinnen Calmy-Rey und Widmer-Schlumpf.

Betreiben die Politik nicht anders als ihre männlichen Kollegen: Bundesrätinnen Calmy-Rey und Widmer-Schlumpf.
Bild: Keystone

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Der Bundesrat hat am Mittwoch beschlossen, die Schweiz etappenweise aus der Atomenergie zu führen. Die sei zu unsicher, zu gefährlich und auf Dauer zu teuer. So jedenfalls haben die vier Bundesrätinnen entschieden: die Sozialdemokratinnen Simonetta Sommaruga und Micheline Calmy-Rey, Energieministerin Doris Leuthard (CVP) und Eveline Widmer-Schlumpf von der BDP. Die drei Männer von Freisinn und SVP machten eine ungewöhnliche Erfahrung: Sie unterlagen.

Strom, Atom und Wahlen

Frauen denken kritischer über die Atomkraft als Männer, Frauen stimmen laut Umfragen ökologischer und sozialer. Politisieren die Frauen anders, weil sie nicht so denken wie die Männer, anders sozialisiert wurden, andere Erfahrungen machten? Das sind häufige Fragen, die ebenso häufigen Antworten lauten: Frauen politisieren nicht nur anders, sondern auch besser. Sie gehen sorgsamer mit ihren Gegnern um; sie produzieren sich weniger; sie lösen Konflikte konstruktiver; sie denken selbstloser. Sie sind mehr am Machen als an der Macht interessiert. Betreiben Frauen also eine umsichtigere Politik?

Der Entscheid vom Mittwoch trennt die Geschlechter, was die Erklärung nahelegt: Die vier Bundesrätinnen votieren gegen die Atomenergie, weil sie an die Umwelt denken, an die Zukunft, an die Sicherheit. Das klingt sehr verantwortungsvoll. Leider stimmt es nicht. In Wirklichkeit haben die bürgerlichen Bundesrätinnen genauso reagiert, wie das erfolgreiche Politiker in einem Wahljahr tun: Sie haben sich umgehört, was beim Volk am besten ankommt. Und dann ihre Meinung justiert. Die Sozialdemokratinnen wiederum profitieren vom Glück, dass ihre Partei immer schon gegen die Atomenergie politisierte.

Ob die Bundesrätinnen nun Sonne und Wind seit Fukushima lieben gelernt haben oder schon vorher, eines wissen sie alle vier und ganz genau: Keine von ihnen wird noch im Amt sein, wenn der Ausstieg konkret wird. Der Entscheid mag den Nachgeborenen entgegenkommen; seine Umsetzung müssen die Nachgewählten vollziehen.

Auch Frauen wollen Macht

Mit Feinfühligkeit hat das Ganze jedenfalls nichts zu tun. Die frühere SP-Präsidentin Ursula Koch, als Frau, Politikerin und Intellektuelle eine voll überzeugte Feministin, sagte es jeweils so: «Auch Frauen sollen das Recht haben, als Politikerinnen so inkompetent zu sein wie Männer.» Positiv formuliert: Auch Politikerinnen haben das Recht, um Macht und persönliche Vorteile zu kämpfen. Und sie tun es auch.Wer das bezweifelt und unsere Bundesrätinnen mit besonderer Sensibilität ausstattet, soll sich in den Departementen der beiden Doppelnamen – Calmy-Rey und Widmer-Schlumpf – umhören, welchen Ruf die beiden Frauen als Chefinnen geniessen. Wen der plötzliche politische Grossmut von Doris Leuthard berührt, hat schon vergessen, wie eiskalt sie, bei der Verteilung der Departemente, gegen ihre neu gewählte Kollegin Sommaruga intrigierte. Und wer Simonetta Sommaruga für ihre Konsequenz rühmt, soll nachweisen, wann, wie und ob sich die SP-Frau je und deutlich gegen die Atomenergie gewehrt hat.

Die Sensibilitätsfalle

Frauen machen fallweise eine andere Politik als Männer, weil sie andere Erfahrungen gemacht haben. Deswegen handeln sie als Politikerinnen weder sensibler noch besser. Das zu behaupten, klingt genauso absurd wie die ebenfalls vorgebrachte Unterstellung, die vier Bundesrätinnen hätten am Mittwoch kollektiv die Nerven verloren. Behauptung und Unterstellung muss man, um ein feministisches Adjektiv zu verwenden, als sexistisch bezeichnen. Erstere geht davon aus, dass Frauen so sehr fühlen, dass sie nicht mehr taktisch denken. Letztere impliziert, dass Frauen nicht denken können, weil sie zu sehr fühlen.

Nun behaupten auch Frauen, Politikerinnen seien besser als Politiker. Das erstaunt aus einem weiteren Grund: Das Sensibilitätsgebot ist eine Falle. Denn wer von einer Gruppe besseres Verhalten erwartet, provoziert im abweichenden Fall sofortige Entrüstung. Grad von einer Frau, geht dann die Klage, hätte man so etwas nicht erwartet: Machtstreben zum Beispiel. Im Gegenzug können die Männer weitermachen wie bisher.Selbstverständlich spielt es eine Rolle, wer uns regiert. In einer Demokratie gehören alle angemessen vertreten, die an ihr teilhaben. Schon weil die lange Erfahrung gezeigt hat, dass es nie gut herauskommt, wenn Frauen unter sich bleiben. Oder Männer allein regieren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.05.2011, 08:14 Uhr

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43 Kommentare

rene huber

27.05.2011, 08:26 Uhr
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Das ist Kalkül, denn es werden Wahlen folgen. Es ist einfach zu sagen, wir steigen dann aus, denn bis dahin kann man seine "Meinung" noch vielmals ändern. Antworten


Mo Ruoff

27.05.2011, 09:12 Uhr
Melden 46 Empfehlung

Was hat das ganze mit sexistisch zu tun? Bitte sachlich bleiben! Seit mehr Frauen im Bundesrat sind als Männer ist wohl jedes Argument recht um eine Grund zu finden wieso etwas stattfindet oder nicht. Hört doch damit auf! Hunderete von Jahren war der Bundesrat eine Männerdomäne. Wurden da je diese Argumente angeführt oder überhaupt ein Zweifel an den Männerentscheidungen hervorgebracht? Nein. Antworten